Kino

Die Vielfalt des Wir

Bei einer Pressekonferenz stellte das Bündnis Vielfalt im Film die Ergebnisse der ersten Umfrage zu Vielfalt und Diskriminierung unter Filmschaffenden vor. Sie zeigt: Zur Vielfalt ist der Weg noch weit.

25.03.2021 12:51 • von Jochen Müller
Das Bündnis Vielfalt im Film hat jetzt die Ergebnisse einer Umfrage zu Vielfalt und Diskriminierung unter Filmschaffenden vorgestellt (Bild: Marcus Mazzoni)

Citizens for Europe (CFE), eine zivilgesellschaftliche Initiative mit Sitz in Berlin, engagiert sich politisch und sozial für eine inklusivere Gesellschaft und initierte die Studie, die 38 Organisationen und Einrichtungen unterstützten, darunter ProQuote Film, BVR, Produzentenallianz und Produzentenverband, Deutsche Filmakademie, FFF Bayern, die Antidiskriminierungsstelle des Bundes, SPIO, Netflix, Constantin u.v.m. Laut CFE-Geschäftsführer Martin Wilhelm sind "Geschichten über das 'wir' zentral für unsere Gesellschaft." Grundvoraussetzung sei die Darstellung der Vielfalt.

Wie divers, fair und inklusiv geht es also zu vor und hinter deutschen Kameras? Das Ergebnis der Studie verblüfft nicht wirklich, zeigt es doch: Da ist viel Potenzial für Vebesserung, zur Vielfalt im Film ist der Weg noch weit, Diskriminierung ist, trotz #metoo, immer noch stark verbreitet.

Vorgestellt wurde die Studie am 24. März mit über 100 Teilnehmern aus Branche und Pressevertretern bei einer "barrierearmen und diskriminierungsfreien", so Moderatorin Canan Turan, Online-Präsentation. Vier Mitglieder der Projektträgerin Citizens For Europe stellten die Umfrage und ausgewählte Ergebnisse vor, Statements von Vertretern der Initiativgruppe Vielfalt im Film folgten, dann wurde das Podium für Fragen von Pressevertretern geöffnet.

Für die Umfrage waren 6000 Filmschaffende in über 440 Berufen im Zeitraum von Juli bis November 2020 befragt worden. Ausgewertet wurden 5455 Fragebögen, die Rücklaufquote betrug 18,3 Prozent. Dafür waren 30.000 E-Mails an die NutzerInnen von Crew United ausgesendet worden. Die Parameter der Teilnehmer und der Crew United-Nutzer stimmen in etwa überein, folglich kann die Studie als repräsentativ gelten. Ob Crew United allerdings repräsentativ für die Branche ist, konnte auf Nachfrage nicht abschließend beantwortet werden. Immerhin ist es die größte deutsche Branchen-Datenbank.

Gefragt wurde nach der Diversität in der deutschsprachigen Film- und Fernsehbranche,, der Arbeitssituation von Filmschaffenden, deren Diskriminierungserfahrungen und einer möglichen gerechteren Gestaltung der Arbeitsbedingungen. Zu den verschiedenen angeführten Diskriminierungsdimensionen zählen Beeinträchtigung/Behinderung, Geschlechtsidentität, Gewichts- und Altersdiskriminierung, Ost/DDR-Sozialisation, rassistische oder religiöse Zuschreibungen, sexuelle Orientierung sowie sozialer Status.

Wie sich zeigt, stellt sich Diskriminierung bei der Arbeit nicht als individuelles, sondern als strukturelles Problem heraus. Über die Hälfte der Befragten (3.202) machten Angaben zu Diskriminierungserfahrungen, die Hälfte davon in den letzten zwei Jahren. Überwiegend (62 Prozent) geschah das bereits im Vorfeld der Produktion, beispielsweise am Set, bei 48 Prozent während der Produktion und bei 45 Prozent im informellen Bereich, etwa beim Bergfest. Am häufigsten wurden dabei Diskriminierung aufgrund des Geschlechts (60 Prozent) genannt, gefolgt von Alter, rassistischen Zuschreibungen, Körpergewicht, sexueller Orientierung und Behinderung.

Kommuniziert werden diese Erfahrungen von den Betroffenen lieber nicht: Zwei von drei gaben an, keinen dieser Vorfälle gemeldet zu haben. Hauptgrund dafür seien fehlende Konsequenzen oder sogar Verschlechterung der Situation nach deren Anzeige. Diejenigen, die eine Beschwerde anzeigten, taten dies zumeist bei Produktionsleitung oder Vorgesetzten - so gut wie nie bei Antidiskriminierungsstellen. Initiativen wie Themis, die schon wichtige Arbeit leisten, haben hier noch ein großes Potenzial.

Vor allem sexuelle Belästigung ist laut Studie ein branchenweites strukturelles Phänomen. Acht von zehn der befragten Cis-Frauen aus verschiedenen Berufen gaben mehrfache sexuelle Belästigungen in den letzten zwei Jahren zu Protokoll. In neun von zehn Fällen waren Männer die Verursacher. Das Spektrum reicht von sexualisierten Kommentaren über Bedrängtwerden und Aufforderung oder Nötigung zu sexuellen Handlungen - zur Anzeige gebracht nur in jedem 200. Fall. Über die Hälfte der Opfer zieht es vor zu schweigen, knapp die Hälfte derer, die das nicht taten, gab an, dass eine Meldung der Belästigung keine Konsequenzen nach sich zog.

Die Diskriminierungserfahrungen der LSBT*Q-Filmschaffenden, deren Belange durch ActOut, ein von 185 UnterzeichnerInnen im Magazin der "Süddeutschen Zeitung" veröffentlichtes Manifest von SchauspielerInnen verstärkt sichtbar gemacht wurden, behalten ihre sexuelle Identität im Arbeitsumfeld lieber für sich (vier von zehn Befragten. Im privaten Kontext hält sich nur jede zehnte Person hinsichtlich ihrer sexuellen Orientierung bedeckt). In dieser Gruppe werden weniger Menschen festangestellt, und auch ein Pay Gap tut sich für die Betroffenen auf.

Wer darf an den Geschichten mitwirken und daran, wie sie erzählt werden? Verschiedene Gruppen sind besonders von einer klischeehaften Darstellung im Film betroffen, allen voran arabische und muslimische, gefolgt von Sinti und Roma, Menschen mit Migrationshintergrund oder niedrigem sozialem Status, schwarze, asiatische oder türkische Menschen, People of Color, Menschen mit ostdeutschem oder russischem Akzent oder aus der LSBT*Q-Community, Behinderte und Personen jüdischen Glaubens. Belegt wurden die Zahlen mit aussagekräftigen Zitaten wie "Die Rolle als Terrorist aufgrund meines Aussehens passt perfekt" oder "Meine Agentur hat gesagt, ich bekomme viele Rollen nicht, wenn ich öffentlich schwul bin."

Folgende Maßnahmen könnten der Diskriminierung nach Meinung der Befragten Einhalt gebieten: Die Mehrheit (97 Prozent) meint, klare Konsequenzen für TäterInnen und schnellere Handlungsoptionen im Akutfall und die verbindliche Einhaltung von Verabredungen beim Dreh von Nackszenen wären hilfreich. Und auch in die Ausbildung sollte das Thema Diversität selbstverständlich einfließen.

In ihren Statements forderten Filmschaffende vom Bündnis Vielfalt im Film wie Skadi Loist, Professorin an der Filmuniversität Babelsberg, Quoten und Diversity-Checklisten bei den Förderinstitutionen. Der Autor und Regisseur Dieu Hao Do verlangt mehr Diversität auch in Redaktionen und Jurys. Dass andere Länder, v.a. angelsächsische, schon weiter seien, erläuterte Schauspieler und Produzent Tyron Ricketts. In Großbritannien etwa sei Diversität ein Kriterium für staatliche Filmförderung, und der US-Film sowie internationale Streaming-Produktionen seien schon deshalb diverser, weil sie für einen vielfältigen Weltmarkt produziert würden. So ist denn auch im Schauspieldepartment von Crew United die Vielfalt am ehesten bereits angekommen: Es weist knapp 20 Prozent LSBT*Q-Personen aus, 16 Prozent Schwarze und People of Color. Eine Diversität, wie wir sie auf der Leinwand und allen anderen Sichtungs-Devices auch sehen wollen!

Alle Details zur Studie unter www.vielfalt-im-film.de

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Marga Boehle