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REVIEW: "Wild Republic"

Am Donnerstag feierte die Abenteuer-Survival-Serie "Wild Republic" ihre exklusive digitale Weltpremiere mit den ersten beiden Episoden in Anwesenheit des Teams. Lailaps Pictures und X Filme Creative Pool produzierten mit handwritten Pictures für die Telekom, Arte, WDR, SWR und One. Die Serie startet ab 15. April auf MagentaTV. Lesen Sie hier unsere Besprechung.

25.03.2021 18:00 • von Michael Müller
Emma Drogunova in "Wild Republic" (Bild: Bernd Spauke, Lailaps Pictures GmbH - X Filme Creative Pool GmbH)

Die Serie "Wild Republic" ist der nächste richtig große Fiction-Aufschlag der Deutschen Telekom für ihr Streaming-Angebot MagentaTV, wo sie mit Doppelfolgen ab dem 15. April startet. Deswegen ist das Projekt auch als Kooperation mit den öffentlich-rechtlichen Sendern Arte, WDR, SWR und One angelegt, die das Ganze dann ab 2022 zeigen. Herausgekommen ist eine in den ersten beiden von insgesamt acht Episoden top-besetzte und -gespielte Abenteuergeschichte vor traumhafter Südtiroler Alpenkulisse, die einen Sog entstehen lässt und Lust auf viel mehr macht.

Jugendliche Straftäter erhalten in einer Resozialisierungs-Maßnahme die Möglichkeit, unter Anleitung von Betreuern in der Natur einen Survival-Trip mitzumachen. Als aber einer der Betreuer in der Nacht mit eingeschlagenem Schädel aufgefunden wird, gerät das Experiment außer Kontrolle. Die Jugendlichen türmen aus Angst davor, dass sie verantwortlich gemacht werden, zumal in der Gruppe nicht klar ist, wer die Tat begangen hat. Dazu entführen sie die Betreuerin Rebecca (Verena Altenberger). In der Natur bilden sich dann wie im Literaturklassiker "Herr der Fliegen" Hierarchien und Grüppchen heraus, welche die Eskalation weiter befördern.

Erzähltechnisch erinnern allerdings die ersten beiden gezeigten Episoden vor allem an die Mystery-Serie "Lost". "Wild Republic" erzählt die fortlaufende Handlung der auf sich allein gestellten Jugendlichen in den Alpen, die vor der Polizei flüchten. Gleichzeitig gibt es in jeder Episode zu einem der Hauptcharaktere Rückblenden, wie dieser oder diese im Leben auf die schiefe Bahn geriet. Da "Lost" aber mehr als 15 Jahre her ist und bekanntlich ab der dritten Staffel auch ihren Reiz verlor, kann der Serienfan hier diese Erzählstruktur neu entdecken. Es macht sogar einen großen Reiz der ersten beiden Episoden aus, weil die Figuren interessant und die sie darstellenden Schauspielerinnen und Schauspieler noch interessanter sind. Gerade auch weil die Rückblenden unterstreichen, wie die Vergangenheit den gegenwärtigen Zustand der Figuren prägt.

Da gibt es zum Beispiel Kim, gespielt von Emma Drogunova: aus einem sozialen Brennpunkt kommend, selbstbewusst, mit einem behinderten jüngeren Bruder lebend. Der Liebe wegen landet sie in kriminellen Machenschaften und Abhängigkeiten. Drogunova, die 2019 European Shooting Star auf der Berlinale war und zum Beispiel vor wenigen Jahren in dem unterschätzten Film "Der Trafikant" glänzte, spielt die Verletzlichkeit dieser Figur mit Seelenruhe und großer Souveränität.

Initiator des Resozialisierungsprojekts in den Bergen ist der Psychologe Lars Sellien (Franz Hartwig), der zum einen an das Gute in den Menschen glaubt, zum anderen mit der Betreuerin Rebecca zusammen ist, also gleich doppelte Motivation hat, die Gruppe der Jugendlichen wieder aufzufinden. Hat man Franz Hartwig vor Kurzem einem Christoph Waltz gleich erst in "Der Pass" lieben und hassen gelernt, entdeckt man ihn hier am anderen Ende des Spektrums als soliden und sympathischen Menschenfänger.

Wie überhaupt "Wild Republic" wahnsinnig gut besetzt ist: Merlin Rose als auf Abwegen geratener, charismatischer Weltverbesserer, Béla Gabor Lenz, der schon in der Sky-Horrorserie "Hausen" fantastisch war und hier dem Affen als vermeintlicher Schurke der Gruppe viel Zucker gibt, die immer gute Maria Dragus oder Rouven Israel, der den schweigsamen Marvin spielt und gar nicht viel machen braucht, aber eine riesige Präsenz vor der Kamera hat. Auch Luna Jordan, die auf dem diesjährigen Max-Ophüls-Preis-Festival in "Fuchs im Bau" brillierte, setzt als androgyne Steffi erste Spitzen.

Man fühlt sich in "Wild Republic" beim Regisseur Markus Goller, der die ersten beiden Episoden inszenierte, und der Erzählweise der Autoren Arne Nolting, Jan Martin Scharf, Klaus Wolfertstetter, Peer Klehmet und Jan Galli in sicheren Händen. Sofort ist die Angst weg, diese Abenteuer-Serie könnte vielleicht so didaktisch werden wie die Resozialisierungs-Maßnahme an sich. Tatsächlich ist sie nur der Ausgangspunkt, von dem aus die Handlung und die Figuren eskalieren und auch dank ihrer Flashbacks wachsen. Zudem sehen die Alpen hier sogar ein wenig wie Mittelerde aus, was die Ereignisse zusätzlich mythologisch auflädt. "Wild Republic" hat da durchaus eine gewisse interessante Verwandtschaft zum Genre des Bergfilms, dem Western-Pendant der deutschen Filmgeschichte, wo die Natur auf die Figuren als Erlebnis und Grenzerfahrung einwirkt und sich die Psychologie der Figuren wiederum gleichzeitig in der Landschaft spiegelt.

Michael Müller