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Filmfest-München-Chefs Iljine & Gröner: "Wir werden live stattfinden"

Im vergangenen Jahr wurde das Filmfest München abgesagt und fand dann spontan als Pop-Up-Version Open Air statt. Für dieses Jahr legen Festivalleiterin Diana Iljine und künstlerischer Leiter Christoph Gröner einen ambitionierten Plan vor.

25.03.2021 08:55 • von Thomas Schultze
Christoph Gröner und Diana Iljine, hier bei der Eröffnung des Filmfest München 2019, setzen auf die Local Heroes (Bild: Filmfest München)

Im vergangenen Jahr wurde das Filmfest Münchenabgesagt und fand dann spontan als Pop-Up-Version Open Air statt. Für dieses Jahr legen Festivalleiterin Diana Iljine und künstlerischer Leiter Christoph Gröner einen ambitionierten Plan vor.

Das Filmfest München 2020 musste im April letzten Jahres wegen Corona abgesagt werden und fand dann in einer spontanen Open-Air-Pop-Up-Version zumindest in überschaubarem Maße doch noch statt. Nun haben Sie eine Entscheidung getroffen, wie Sie in diesem Jahr verfahren werden.

DIANA ILJINE: Die wichtigste Nachricht zuerst: Wir werden in diesem Jahr live stattfinden. Und wir setzen auf Begegnung für das Publikum und die Branche. Um das umsetzen zu können, haben wir ein besonderes Konzept entwickelt, zu dem Open Air einen wichtigen Beitrag leisten wird. Wir werden selbstverständlich alle Sicherheits- und Hygienekonzepte beachten und stimmen uns entsprechend fortwährend eng mit unseren Partnern ab. Denn wir wollen alles dafür tun, dass man das Festival ohne Sorge oder Ängste besuchen kann. Und wir haben ja auch Glück, denn unser günstiger Termin Ende Juni gewährleistet, dass man sich draußen wird versammeln können. Anders als globale Events, die nach wie vor sehr schwer zu planen sind, haben Events mit einer klaren Mission für das Publikum im eigenen Land - wie wir das mit dem Filmfest München ja sind - hier einen klaren Vorteil. Wir werden im Sommer der Aufschlag für die deutsche Branche sein können. Darauf setzen wir, das erhoffen wir uns, und unsere Partner sehen das ebenso. Es wird tolle Filme geben, und die Branche wird sich versammeln können. Letzteres können Filmfestivals gegenwärtig nicht bieten. Bei uns soll es wieder möglich sein.

CHRISTOPH GRÖNER: Bis vor ein oder zwei Monaten haben wir noch in unterschiedlichen Szenarien gedacht. Diese haben sich mittlerweile verdichtet. Wir glauben, dass jetzt die Zeit der Local Heroes ist. Schon bei der Berlinale hat man gesehen, dass der deutsche Film eine ungewöhnlich große Rolle gespielt hat. Das Filmfest München hat traditionell verschiedene Funktionen, aber eine ganz besondere ist von jeher, dass wir der deutschen Branche eine Bühne bieten. Dass sich deutsche Filmemacher*innen bei uns versammeln, zum Treffen, zum Austausch, zum Miteinander - das gilt es unter sicher noch erschwerten Bedingungen, wie Corona sie immer noch erfordern wird, auch in diesem Jahr zu schaffen.

Wozu Open Air, wie von Diana Iljine schon gesagt, in besonderem Maße beitragen wird?

CHRISTOPH GRÖNER: Open Air wird den Kern des Festivals bilden, den wir um Vorführungen in Münchner Kinos erweitern wollen, sofern uns das möglich ist und es den regulatorischen Bedingungen entspricht. Wir denken die Kinos auf jeden Fall mit und wollen sie einbinden. Was man aber gegenwärtig schon verlässlich planen kann, sind die Open-Air-Anteile des Festivals. Eine Herausforderung ist es, in diesem Bereich eine entsprechend große Menge an Spielmöglichkeiten zu finden. Wir werden daher auch die Anzahl der Filme konzentrieren und gehen aktuell davon aus, etwa 60 Filmen eine Plattform bieten zu können. Wir sehen das positiv: Der einzelne Film erhält dadurch mehr Aufmerksamkeit. Und vor allem bedeutet es echte Festivalatmosphäre. Wir wissen aus den Konzepten und der Zusammenarbeit mit etablierten und neuen Partnern im vergangenen Jahr, dass es bei Open Air unbedingt Covid-gerechte Möglichkeiten gibt: Der nötige Abstand ist gewährleistet, und trotzdem kann man zusammen und gemeinsam einen Festivalbesuch genießen. Das ist verwirklichbar, daran arbeiten wir, das ist das Grundgerüst. Wir hoffen sehr, dass noch mehr möglich sein wird, am besten natürlich in wieder eröffneten Kinos.

Wenn man das kurz hochrechnet, müsste es um die acht Spielstätten geben. Komme ich da richtig hin?

CHRISTOPH GRÖNER: Wir glauben, dass ein Festival in der Größenordnung, die uns vorschwebt, mit sechs Open-Air-Stätten herstellbar sein wird, die während der Festivaldauer voll bespielbar sind. Aber natürlich sind auch mehr Spielstätten denkbar, die dann vielleicht nicht den gesamten Festivalzeitraum von neun Tagen bespielt werden. Dazu kommt noch ein Eröffnungsabend. Um das vollständige Festivalgefühl zu erzielen, muss man sich auch darüber hinaus versammeln und Zeit miteinander verbringen können. Auch hier gilt es natürlich, den richtigen Abstand zu wahren. Und genau das wollen wir der Branche bieten im Rahmen unserer sogenannten "Beergarden Convention". Zusammen mit unserem langjährigen Partner Hofbräu werden wir da nach dem jetzigen Stand der Dinge die richtigen Orte anbieten können, wo man sich austauschen kann - nur eben nicht in großen Gruppen, sondern im kleinen Kreis, one on one. Sicherheit geht vor. Man muss dezentralisierte Konzepte entwickeln, dass man sich gut, aber nicht in Massen versammeln kann. Wir sehen das auch als Inspiration für andere Veranstaltungen auf dem Festival: Klein, aber fein und mehrmals hintereinander ist eben auch eine Möglichkeit, damit sich Leute austauschen.

DIANA ILJINE: Die Idee der "Beergarden Convention" ist sehr konkret. Akkreditierte erhalten dank Hofbräu Voucher für ein Bier oder einen Kaffee, und man kann sich dann an entsprechend gehosteten Locations treffen, unter anderem im Hofbräu-Biergarten am Wiener Platz in einem eigenen abgegrenzten Bereich, der den gesamten Tag zur Verfügung steht. Wir stecken viel Energie in diese Idee und werden auch mit einem kleinen Team immer vor Ort sein, um auf diese Weise in einer schönen Atmosphäre Businesstreffen oder eben einfach ein kurzes Entspannen oder auch ein Kennenlernen, ein Matchmaking zu ermöglichen. Uns gefällt an dieser Idee, dass sie auch in ungewöhnlichen Zeiten einen Hauch von Normalität schaffen kann. Wenn ich dieses Angebot auf anderen Festivals hätte - ich würde es auf jeden Fall wahrnehmen. Und ich denke, dass diese Art des Zusammenkommens der Branche Spaß machen wird und auch in den kommenden Jahren ein neues Highlight in München werden wird.

Wie stehen Ihre Partner zu diesem Konzept, insbesondere die Stadt München und das Land Bayern? Gibt es bereits Feedback aus der Branche oder von den Sponsoren?

DIANA ILJINE: Wir machen unseren Job, wie wir ihn schon seit vielen Jahren machen. Wir werden auf den Platz gehen und spielen. Wir sind Kultur, wir planen Kultur, wir werden tolle Filme bieten. Mit unseren Partnern stehen wir in ständigem Austausch und es gibt keine Gegenstimmen. Aus allen Gesprächen, die wir mit der Stadt München und dem Land Bayern, aber auch der SPIO und dem BR führen, höre ich heraus, dass man sehr happy ist mit unseren Plänen. Man steht an unserer Seite. Unverkennbar ist die große Sehnsucht, sich endlich wieder zu versammeln. Mit unserer Idee, die Local Heroes in den Mittelpunkt zu stellen, können wir ein Konzept bieten, wie es den anderen bisher nicht möglich war. Natürlich muss man dieses Jahr auf das eine oder andere Liebgewonnene verzichten. Es wird keinen roten Teppich geben, Partys werden nicht möglich sein. Getanzt wird nicht. Aber man kann sich in die Augen schauen.

Sie sagen, dass sie "tolle Filme" zeigen werden. Wie gestaltet sich die Filmauswahl? Wie ist das Angebot? Wie werden Sie das Filmfest München bestücken?

CHRISTOPH GRÖNER: Wir stehen vor dem Luxusproblem einer sehr schweren Auswahl. Hochkarätige Einreichungen für die Reihe "Neues Deutsches Fernsehen" bei Ulrike Frick und tolle Angebote für das deutsche Kino, ungeachtet der Reihen, sind so zahlreich, dass wir nicht alle werden spielen können. Vielen Filmen werden wir ein Forum bieten können, aber leider nicht allen. Das würde den Rahmen sprengen, das geben die Möglichkeiten nicht her. Die Selektion wird zusätzlich erschwert, weil dieses Festival 2021 im Grunde aus eineinhalb Jahren deutscher Produktion schöpfen kann. Filme, die schon im vergangenen Jahr fertiggestellt waren, aber nicht zur Aufführung kamen, sind in diesem Jahr nicht weniger gut und reizvoll. Hier ist der Auswahlprozess außerordentlich spannend, und ich kann jetzt schon versprechen, dass wir außergewöhnliche Filme zeigen werden können. Auch im internationalen Bereich lässt sich aus dem Vollen schöpfen: Wir werden Filme zeigen können, die in Sundance oder SXSW liefen oder in Tribeca erst noch laufen werden, um nur die größten Festivals im Frühjahr zu nennen, die attraktive Weltpremieren im Programm haben, die für ein deutsches Publikum ebenso spannend sind. Die Cannes-Selektion wird in diesem Jahr in München aus nachvollziehbaren Gründen keine Rolle spielen - das Festival de Cannes findet in diesem Jahr erst nach uns statt. Aber das muss sie auch nicht. Wir können schon jetzt selbstbewusst sagen, dass wir ein cinephil anspruchsvolles Programm für ein breites Publikum bieten werden. Sofern man es jetzt schon sagen kann, wird etwas mehr als die Hälfte des Angebots von deutschen Produktionen bestritten, alles weitere werden internationale Produktionen sein.

Werden Sie die Filme in die altbekannten Reihen aufteilen?

CHRISTOPH GRÖNER: Wir erhalten unsere traditionell sehr wichtigen Wettbewerbe CineMasters und CineVision für den etablierten internationalen Film bzw. den jungen internationalen Film, die Reihen Neues Deutsches Fernsehen und Neues Deutsches Kino mit dem Förderpreis Neues Deutsches Kino. Dazu kommen unsere Ehrenpreise, die im Rahmen von fünf oder sechs Abendscreenings überreicht werden sollen. Außerdem wird es das Kinderfilmfest geben unter der neuen Leitung von Tobias Krell mit etwa fünf Programmpositionen. Insbesondere dort arbeiten wir an einer besonderen Herausforderung: Tageslichtfähigkeit bei Open-Air-Screenings. Die Filme für Kinder können wir nicht erst nach Sonnenuntergang zeigen. Wir sind guten Mutes, dass wir eine Lösung finden werden, die uns dann natürlich auch bei den weiteren Programmen helfen würden.

DIANA ILJINE: Die Personalie mit Tobias Krell, der die Nachfolge von Katrin Miller antritt, freut mich sehr. Als "Checker Tobi" ist er seit Jahren ein echter Held für Kinder und ein ausgewiesener und prämierter Kenner der Materie, ein echter Filmliebhaber. Er hat eben nicht nur eine große Strahlkraft, sondern ist auch einer Reihe von Filmfestivals seit Jahren eng verbunden und hat entsprechende Erfahrung, unter anderem während seiner Studienzeit als Leiter und Kurator des Sehsüchte Filmfestivals. Bei der Generation-Reihe der Berlinale war er in den letzten Jahren moderativ und diskursiv stark eingebunden. Wir standen länger schon im Austausch, weil er wieder stärker kurativ tätig werden wollte. Das kann er jetzt bei uns umsetzen. Er ist ein echter Gewinn.

Wird es beim diesjährigen Filmfest München auch eine digitale Komponente geben?

CHRISTOPH GRÖNER: Nach den Erfahrungen der letzten zwölf Monate sind wir alle etwas ermüdet von digitalen Meetings und Screenings. Gleichzeitig haben wir gelernt, dass digital auch ein Werkzeug sein kann, um sich auszutauschen und Filme zu sehen. Wir wollen den Akkreditierten das Vor-Ort-Gefühl bieten. Man soll Filme auf der großen Leinwand erleben. Zusammen. Der entscheidende Buzz für einen Film entsteht live. Aber wir wissen natürlich auch, dass wir dieses Erlebnis nur einer sehr begrenzten Anzahl von Menschen bieten können. Einen Großteil der Festivalauswahl werden wir für unsere Akkreditierten deshalb parallel auch digital in einer Videothek zum Streamen anbieten. Wir setzen auf unsere vertrauten Partner bei Festivalscope, die international bei allen Weltvertrieben ein hohes Ansehen genießen, um die Filme sicher zeigen zu können. Den Akkreditierten wird also auch dieser Service zur Verfügung stehen.

Das Filmfest München findet in diesem Jahr als Sandwich zwischen dem Publikumsarm der Berlinale und dem Festival de Cannes statt. Erhöht das den Druck?

DIANA ILJINE: Jeder weiß, dass bei einem Sandwich das Leckere in der Mitte ist. Man darf nicht so viel über das Drumherum reden. Berlin und Cannes sind globale Events, die vor ihren ganz eigenen Herausforderungen stehen. Wir veranstalten das Filmfest München und wir haben ein tragfähiges Konzept und ein starkes Programm. Wir haben uns abgesprochen mit der Berlinale. Dort wird das Berliner Publikum bis zum 19. Juni feiern. Ab 24. Juni ist die Branche bei uns, um mit dem bayerischen Publikum das Filmfest München zu feiern. Uns kommt dabei zupass, dass wir kein A-Festival sind, das auf internationale Namen angewiesen ist, sondern ein Publikumsfestival, das Bombe laufen wird mit seinem Open-Air-Programm.

CHRISTOPH GRÖNER: Sehen wir es doch so: Vom 24. Juni bis 3. Juli gibt es nur das Filmfestival München. Es gibt keine Überschneidungen mit einem anderen Festival. Es ist ein gelernter Termin. Und wir merken das große Wohlwollen, aber auch das Drängen und Bedürfnis der Branche zusammenzukommen und einen Ort zu haben, wo man im Zweifelsfall einfach zu zweit beim Spaziergang miteinander spricht. Aber man ist zusammen, in derselben Stadt und am selben Ort. Man hat einen verlässlichen Anker. Das wollen wir sein.

Wie wird das Filmfest München 2022 aussehen?

DIANA ILJINE: Nachdem der Königsplatz als Festivalzentrum nach einer langen Phase der Unsicherheit nun schlussendlich ad acta gelegt wurde, weil sich Stadt und Staat nicht ganz einig waren, empfanden wir diese Entscheidung als Team fast schon als Erleichterung, weil wir wussten, jetzt können wir weiterarbeiten und neu ausrichten. Nun gibt es ein neues, noch nicht ganz spruchreifes Konzept, das man aber in seinen Ansätzen auch dieses Jahr schon gut erkennen kann. Alles weitere werden wir kommunizieren, wenn es soweit ist.

Das Gespräch führte Thomas Schultze