Kino

KOMMENTAR: Noch viel zu tun

Die Oscars geben sich in diesem Jahr so divers wie noch nie. Auch Regisseurinnen und People of Color haben endlich faire Chancen, den Preis zu bekommen. Gerade die Streamer schieben in Hollywood viele neue Projekte an, die auch anderen Hautfarben und sexuellen Identitäten zu mehr Sichtbarkeit verhilft. Und in Deutschland?

25.03.2021 07:42 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Die Oscars geben sich in diesem Jahr so divers wie noch nie. Auch Regisseurinnen und People of Color haben endlich faire Chancen, den Preis zu bekommen. Gerade die Streamer schieben in Hollywood viele neue Projekte an, die auch anderen Hautfarben und sexuellen Identitäten zu mehr Sichtbarkeit verhilft. Und in Deutschland? In Deutschland zeigt eine Umfrage des Bündnis Vielfalt im Film, dass noch ein weiter Weg zu gehen ist. Auch wenn das Land seit 16 Jahren von einer Kanzlerin regiert wird, heißt das nicht, dass Frauen oder Minderheiten zu einer gerechten Teilhabe in allen Lebensbereichen gekommen wären.

Gewiss hat sich manches verbessert, aber auch im Film- und Medienbereich, der traditionell progressiv und aufgeschlossen ist, geschieht viel an Zurücksetzung und Diskriminierung fast beiläufig und gedankenlos. Dass es keine vernünftige Erklärung gibt, warum Frauen einen geringeren Anteil an der Herstellung von Programmen haben, Regisseurinnen deutlich in der Minderheit sind und Fernsehredakteur*innen immer noch öfter Filmemachern den Vorzug geben, haben schon andere Erhebungen gezeigt. Dass lesbische, schwule, bisexuelle, queere, nicht-binäre und trans Schauspieler*innen sich in einer großen Tageszeitung outen, um auf stillschweigende Formen der Diskriminierung aufmerksam zu machen, scheint auch im Jahr 2021 noch Mut zu erfordern. So empathisch und aufgeschlossen das Echo darauf auch war, so muss sich doch erst zeigen, ob danach spürbar Besserung eintritt.

Die neueste Umfrage, über die wir noch ausführlich berichten werden, legt nahe, dass es noch viel zu tun gibt, dass auch die deutsche Filmbranche von Formen von Diskriminierung geprägt ist, die sich hinter alltäglichen und nicht weiter hinterfragten Mustern verbergen. 6.000 Filmschaffende in 440 Berufen haben sich beteiligt, und es erstaunt schon, dass eine große Mehrheit der befragten Frauen angibt, immer noch sexuelle Belästigung im Job zu erleben. Dass 40 Prozent der LSBT*Q-Filmschaffenden im Arbeitsumfeld lieber nicht offen mit ihrer sexuellen Orientierung umgehen, aus Angst vor Nachteilen für ihre Karriere. Dass Frauen, Schwarze oder People of Color schwerer Festanstellungen finden als ihre männlichen weißen Kollegen, und dass auch Gagen und Löhne noch immer durchaus »divers« bemessen werden. Dazu kommt dann noch, dass nach wie vor in Filmen und Narrativen Klischees und Vorurteile über Menschen anderer Herkunft, Hautfarbe, Religion oder Sexualität bewusst und stärker noch unbewusst gepflegt werden. Schlichtungsstellen oder Ombudsleute, an die man sich wenden kann, sind noch nicht häufig vorgesehen, und viele, die Diskrimierung erleben, behalten ihre Verletzungen lieber für sich. Gut, dass es solche Umfragen gibt. Die Zeichen stehen auf Veränderung. Aber es bleibt noch viel zu tun.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur