Kino

Gastbeitrag: "Die Weichen für die Zukunft werden jetzt gestellt"

Während die Pandemie den deutschen Kinomarkt noch auf Sicht im Würgegriff hat, appelliert Christian Bräuer als Vorstandsvorsitzender der AG Kino-Gilde dafür, gerade jetzt die Zeit zu nutzen, um eine "überfällige Strukturdebatte" um die Förderung zu führen.

24.03.2021 10:17 • von Marc Mensch
Christian Bräuer (Bild: David von Becker)

Was bedeutet die Pandemie langfristig für einen Markt, der global schon zuvor von Konsolidierung und Konzentration geprägt war? Wie muss Förderung darauf reagieren - und welche gesellschaftlichen Veränderungen muss sie berücksichtigen? Christian Bräuer, der Vorstandsvositzende der AG Kino-Gilde hat sich hierzu  in einem Gastbeitrag  Gedanken gemacht:

"Die Corona-Pandemie feierte unlängst ihren ersten Jahrestag in Deutschland. Ein trauriges Jubiläum, denn ein Ende ist nicht in Sicht. Die Existenzen vieler Unternehmen und Filmschaffenden stehen vor dem Aus. Zwar sind Hilfsprogramme auf den Weg gebracht worden, wie groß der Schaden am Ende sein wird, ist jedoch noch nicht abzusehen.

Wie gefährlich eine Pandemie für die Vielfalt im Film ist, zeigt ein Blick auf die Auswirkungen der Spanischen Grippe 1918. Die amerikanische Filmwelt war bis dahin von vielen kleinen und mittleren Unternehmen geprägt, die nicht selten von Frauen und People of Color geleitet wurden. Durch die wirtschaftlichen Schäden bündelte sich danach alle Marktmacht bei wenigen Studios in Hollywood. Erst Jahrzehnte später half das Kartellrecht, dieses Geflecht aufzubrechen.

Bereits vor der Pandemie war die Marktkonzentration einer der vorherrschenden Trends. Wo sich Monopole bilden, leidet die künstlerische Vielfalt. Dies ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit, sie trifft die Filmbranche nicht allein. Aktuell laufende EU-Verfahren zeigen, dass selbst vermeintlich große europäische Player wie Spotify machtlos werden, wenn Tech-Giganten ihre Marktdominanz einsetzen. Länder wie Australien haben dies bereits erkannt und Gesetze auf den Weg gebracht. Wenn am Ende nur wenige globale Konzerne bestimmen, welche Kunst entsteht und entdeckt werden kann, ist das eine Gefahr für die Demokratie. Es ist daher unabdingbar, die Vielzahl von Akteuren in der Branche zu stärken, die für Filmemachen in all seiner Vielfalt stehen.

Was aber bedeutet dies für die Zukunft des deutschen Kinos und der Filmförderung? Ohne eine Analyse der postpandemischen Branchenstruktur lassen sich schwerlich Weichen für die Zukunft stellen. Die de facto Aussetzung der FFG-Novellierung ist insofern richtig. Denn Annahmen aus den 2010er-Jahren, wie sich das kommende Jahrzehnt entwickeln würde, sind völlig überholt. Zugleich sollte dies alle Beteiligten nicht davon entbinden, die gewonnene Zeit für die überfällige Strukturdebatte über Ziele der Filmförderung zu führen.

Erforderlich ist ein ganzheitlicher Ansatz, der die kreativen und distributiven Gewerke besser verzahnt. Ziel muss nicht nur die dauerhafte Existenzsicherung möglichst vieler Marktakteure sein, sondern den Kinofilm langfristig zu stärken und weitere Publikumsgruppen zu begeistern. Die Entwicklung eines Leitbildes ist dafür unumgänglich. Entscheidend hierfür ist ein offener Blick auf die globalen wie lokalen Veränderungen. Das gilt nicht nur hinsichtlich der Entwicklung des Verhaltens und von Sehgewohnheiten. Das Publikum weiß, wie man online kauft, streamt, bucht und ist angesichts der Vielzahl der Angebote ungnädiger und ungeduldiger geworden.

Vor allem müssen wir uns den gesellschaftlichen Veränderungen und Herausforderungen stellen, auf die bisher verzögert oder gar nicht reagiert wurde. Ob Klimawandel, Feminismus, queeres Leben oder Black Lives Matter: Viele soziokulturelle Bewegungen fordern Veränderungen ein. Gerade jüngere Generationen, die sich zunehmend gegen stereotype Repräsentation und die Ausgrenzung von marginalisierten Personen wehren, erwarten zurecht, dass sich öffentliche Förderer ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusster werden.

Will sie Bestand haben, muss die deutsche Filmlandschaft die Vielfalt der Gesellschaft abbilden, von der sie erzählt. In den vergangenen Jahren haben wir erfreuliche Fortschritte für die Geschlechtergleichberechtigung gemacht - ohne schon am Ziel zu sein. Dennoch sind die meisten Konferenzräume und Führungsetagen fast ausschließlich geprägt von heterosexuellen weißen Menschen ohne Migrationshintergrund aus der Mittel- und Oberschicht. Dies mag eine Erklärung dafür sein, warum unsere Branche so oft von verklärten Vorstellungen einer Gesellschaft geprägt ist, die es seit Jahrzehnten nicht mehr gibt - oder nie gab.

Wir müssen Ziele setzen und Strategien erarbeiten, wie wir diese Zusammensetzung aufrütteln. Das ist eine branchenweite Anstrengung, alle Sektoren sind davon betroffen. Industry-Diversity-Strategien aus Schweden und UK oder Quereinstiegs-Angebote wie ScreenSkills.com können hier Vorbilder sein. Ansonsten verpassen wir es, viel schlummerndes Potenzial außerhalb der akademischen Pfade zu wecken. Die Kreativität, mit der manche Creator von Konzept bis Schnitt auf Plattformen wie TikTok begeistern, müssen wir in unsere Branche holen.

Neun Aufgaben zählt das aktuelle FFG für die FFA auf - der Begriff "Publikum" kommt in keiner davon vor. Die Anzahl der produzierten Filme steigt, während die Produktionskosten inflationsbereinigt stagnieren, die Herausbringungsbudgets schrumpfen und die durchschnittlichen Besucherzahlen fallen. Niemandem ist damit geholfen, wenn viele Filme produziert werden, die in den Weiten des Internets verschwinden. Ebenso wie für seine Herstellung muss für den Weg eines Films zum Publikum ein angemessenes Budget bereitstehen. Andernfalls produziert man Flops mit Ansage.

Eigentlich sind die Voraussetzungen gut. Mit 39,5 Jahren ist ein durchschnittlicher Kinogast laut FFA jünger als ARD/ZDF-Zuschauende mit 62 Jahren. Der Anteil an Akademiker*innen ist mit 30 Prozent zudem deutlich niedriger als in vielen anderen Kulturorten - übrigens auch im Programmkino-Sektor. Verkopfte Debatten um E und U verkennen gesellschaftliche Realitäten ebenso wie die Forderung nach einer Musealisierung des Kinos, die letztlich dessen Akademisierung bedeutet. Dabei müssen wir in die entgegengesetzte Richtung arbeiten und uns weiterem Publikum öffnen. Der Erfolg von Filmen wie "Parasite" und Systemsprenger" beweist, wie gut Kino unterschiedliche Menschen zusammenbringen kann.

Es steht außer Frage, dass ein starbesetzter internationaler Bestseller eine völlig andere Herausbringungsstrategie benötigt als ein sensibel erzähltes queeres Filmdebüt. Publikumskontakt allein an hohen Reichweitenzahlen von Media-Kampagnen zu messen ist kein zukunftsfähiger Ansatz. Länder wie Großbritannien oder Schweden haben das Potenzial von Audience Development bewiesen. Ziel dieses Ansatzes ist eine qualitative, nachhaltige Entwicklung von Publikum, die bislang unterrepräsentierte Gruppen dauerhaft als Gäste gewinnen und binden soll.

Eine Audience-Development-Förderung muss alle Stufen von Stoffentwicklung bis Herausbringung miteinschließen. Qualitative und quantitative Ansätze können dabei kombiniert werden. Lokale Partnerschaften von Kinos mit Schulen, Vereinen, Filmbildungsarbeit oder gezielte digitale Publikumsentwicklung müssen ebenso ein Teil der Förderung werden.

Anstatt viel Geld in zentral gesteuertes Reichweitenmarketing zu pumpen, sollten wir die Graswurzelarbeit vor Ort stärken. An vielen Stellen wird diese schon hervorragend gemacht. Und gerade Programmkinos beweisen mit unzähligen kreativen Formaten, wie sie durch lokale Verwurzelung und Kooperationen ein Zielpublikum erreichen.

Umso wichtiger ist es, dass wir diese mit viel Herzblut verbundene Arbeit systematisch fördern. Audience Development ist mit großem Kraftaufwand verbunden, der sich nicht immer in kurzfristigen wirtschaftlichen Erfolg messen lässt. Wenn aber jemand neue Publikumsgruppen für das Kino erschließt, profitieren alle davon. Und das dauerhaft.

Ob Deutschland und Europa eine Strategie entwickeln, die Vielfalt ihrer unabhängigen Film- und Kinowirtschaft im Zeitalter von Monopolisierung zu schützen, wird entscheidend für deren Fortbestand sein. Wir haben es in der Hand, wie sich die Folgen der Corona-Krise langfristig auswirken werden. Wir müssen das Beste aus dem machen, was wir da draußen sehen und die gesellschaftlichen Änderungen antizipieren. Anstatt Forderungskataloge aus vergangenen Jahrzehnten abzuhandeln, sollten wir uns jetzt Gedanken über das Große und Ganze machen - und gemeinsam neue Leitbilder, Strategien und Strukturen für die Filmförderung entwickeln. So machen wir nicht nur diese fit für eine veränderte Welt. Wir bringen auch die Kunstform, die wir alle lieben, weiter voran. Das ist eine einzigartige Chance."

Christian Bräuer