Produktion

Fede Alvarez über seine Serie "Calls": "Wir betreten Neuland"

Mit "Calls" legt Horrorspezialist Fede Alvarez die wohl ungewöhnlichste Serie des Jahres vor. Im Interview erzählt er über die Besonderheit des neunteiligen Experiments, das morgen bei Apple TV+ auf Sendung geht.

18.03.2021 13:31 • von Thomas Schultze
Fede Alvarez: "Immer alles abstrakt halten" (Bild: Apple TV+)

Mit "Calls" legt der uruguayische Horrorspezialist Fede Alvarez ("Evil Dead", Don't Breathe", Verschwörung") die wohl ungewöhnlichste Serie des Jahres vor. Im Interview erzählt er über die Besonderheit des neunteiligen Experiments, das morgen bei Apple TV+ auf Sendung geht.

Wie haben Sie reagiert, als Ihnen "Calls" angeboten wurde?

FEDE ALVAREZ: Zuerst wusste ich gar nicht, was ich damit anfangen sollte. Was? Ich soll nichts drehen? Wir brauchen keine Kamera? Aber das ist doch mein Job! Wenn man sich dann mit dem Konzept zu befassen beginnt, stellt man fest, dass man als Regisseur mit ungeahnten und sehr faszinierenden Herausforderungen konfrontiert wird. Es ist eine psychedelische Art, Geschichten zu erzählen, die etwas in unserem Gehirn auslöst und uns an einen Ort transportiert, den wir uns in dieser Form nicht vorstellen können. Mir jedenfalls ging es so, als wir an den ersten Episoden feilten, eine Explosion aus Klang und Farbe und Geschichte und Performance, wie ich es davor noch nicht erlebt hatte.

Was gab Ihnen die Zuversicht, dass es klappen würde?

FEDE ALVAREZ: Es war Teil des Konzepts, sich in Sphären vorzuarbeiten, die einen forderten, vielleicht sogar Angst machten, von denen man nicht sofort wusste, wie man sie umsetzen sollte und ob es dann funktionieren würde. Als Filmemacher will man sich nicht an einem sicheren Ort ausruhen. Wenn man immer gleich schon weiß, wie man etwas umsetzen kann, ist das nicht besonders aufregend oder spannend. Bei "Calls" war die gesamte Arbeit ein Blindflug. Wir waren unentwegt mit der Frage konfrontiert, wie man das machen kann - und zwar auf eine Weise, dass es funktioniert für das Publikum und würdig ist, von einem Dienst wie Apple TV+ eingespeist zu werden. Ich hoffe, wir haben unsere Arbeit gutgemacht. Heutzutage gibt es im Fernsehen nicht mehr allzu viele Shows, die so experimentell sind. Denn das ist "Calls". Experimentell. Und verrückt. Abstrakte Grafik und minimalistische Musik, wie man das eher mit den Sechzigerjahren assoziieren würde. Wir führen den Zuschauer nicht, er muss sich selbst zurechtfinden und Rückschlüsse treffen.

Für Ihre Serie gibt es ein gleichnamiges Vorbild aus Frankreich. Wie frei waren Sie bei Ihrer Version der Show?

FEDE ALVAREZ: Ich hatte alle Freiheiten. Die ursprünglichen Köpfe von "Calls" machten keinerlei Auflagen, waren auch nicht weiter involviert. Ich habe im Grunde nur die Grundidee übernommen, das Konzept, eine Geschichte ausschließlich durch eine Reihe von Telefonanrufen zu erzählen. In der ersten Folge, die so etwas ist wie ein Pilot, gibt es ein paar Überlappungen, Anspielungen, Referenzen. Alles danach haben wir uns selbst ausgedacht und umgesetzt. Selbst unser grafisches Konzept hat nichts mit der ursprünglichen Show zu tun. Das stammt alles von uns, wir haben unsere eigene visuelle Sprache entwickelt. Ich versuche, mich aus Projekten fernzuhalten, in denen größere Einflussnahme von außen, einem Studio oder Rechteinhaber, zu befürchten ist. Ohne die nötigen Freiheiten wäre "Calls" nicht umsetzbar gewesen. Wir betreten Neuland. Und das bedeutet automatisch, dass man Risiken eingehen muss.

Wie haben Sie sich als Regisseur in diesem Unterfangen zurechtgefunden? Mit einer üblichen Regiearbeit lässt sich "Calls" wohl nicht vergleichen?

FEDE ALVAREZ: Kommt drauf an, wie man draufschaut. Wenn ich einen Spielfilm mache, sehe ich es als meine Aufgabe an, eine Geschichte zu erzählen, den Zuschauer in eine überzeugende Fantasie zu involvieren. Wie man eine Geschichte erzählt, ist indes verhandelbar. Es gibt viele Möglichkeiten. Bisher war ich es gewohnt, das mit Schauspielern vor einer Kamera zu tun. Das war anders bei "Calls". Aber gerade das fand ich faszinierend. Ich musste mir überlegen, wie ich all die Dinge, die ich beim Filmemachen gelernt habe, einsetze, um "Calls" funktionieren zu lassen. Wie funktioniert eine Nahaufnahme, wenn es kein Gesicht gibt, das ich herzeigen kann. Was ist die Entsprechung einer Totalen? Wie impliziere ich eine Kamerafahrt durch einen Gang? Was ist mit dem Einsatz von Farbe? Wenn ich im Film die Farbe Lila zeige, heißt das, dass gleich jemand stirbt. Wie löst man das bei "Calls"?

Die Frage stelle ich gleich: Wie haben Sie das gelöst?

FEDE ALVAREZ: Wir waren Übersetzer, übersetzten eine bekannte Sprache in eine Sprache, die es bisher noch nicht gibt. Es mag prätentiös klingen, aber wir haben uns viel von Kunst leiten lassen. Bauhaus war ein Vorbild, jede Form von abstrakter Kunst, die den Betrachter genau das in sich entdecken lässt, was man darin sehen will. Ich war nicht nur Geschichtenerzähler, sondern eben auch ein Künstler, der eine Rorschach-artige Form nimmt und sie dem Zuschauer auf eine Weise präsentiert, dass er etwas darin finden kann, das nicht unbedingt das sein muss, von dem ich glaube, dass er es darin sehen sollte. Es ging um eine Synthese von abstrakten Formen und filmischer Sprache.

Was haben Sie als größte Herausforderung dabei betrachtet?

FEDE ALVAREZ: Eine visuelle Sprache zu produzieren, die keine Eindeutigkeit besitzt. Bilder zu erschaffen, die sich nicht festlegen. Wir legten uns auf das Konzept fest: Immer abstrakt bleiben! Nichts sollte den Zuschauer davon ablenken, seine eigene Vorstellungskraft einzusetzen. Wiederholt mussten wir der verlockenden Versuchung widerstehen, in dem Strom der Linien mal ein Gesicht auftauchen zu lassen oder die Form eines Hauses. Wir mussten uns dann selbst auf die Finger klopfen und streng mit uns sein: Nein, nein, das darfst du nicht! Disziplin war wichtig. Es war eine gute Übung, selbst den Verstand auszuschalten und auf Intuition zu setzen, das zu machen, was sich in dem Moment richtig anfühlte. Da lagen wir dann meistens richtig. Alles setzt sich mit einer inneren Logik zusammen. Ich war überrascht, wie pur diese Umsetzung ist: Alle Bilder entstehen aus der Geschichte, sie sind nicht zufällig aneinandergereiht.

Wie sah der Prozess aus?

FEDE ALVAREZ: Nicht wirklich anders als sonst auch. Ich hatte eine Gruppe von Autoren, die mit mir die einzelnen Folgen ausgearbeitet haben. Wenn ein Drehbuch fertig war, riefen wir unsere Wunschschauspieler an und fragten sie, ob sie Lust hätten, bei unserem Experiment dabei zu sein: Lily Collins, Nick Jonas, Aaron Taylor-Johnson, Aubrey Plaza, Rosario Dawson, Pedro Pascal und und und. Es gab keine Absagen. Alle fanden es spannend, mal etwas anderes zu machen. So sind Künstlerseelen nun mal. Wir wollen alle Sachen machen, die uns fordern, die neu sind. Aber ich behaupte auch einfach einmal, dass die Drehbücher gut waren. Meine Qualitätskontrolle war stets, sie danach abzuklopfen, ob ich mir ihre Umsetzung auch in Spielfilmform vorstellen könnte. Wenn ich sie nicht gut genug befand, gingen sie wieder zurück zu den Autoren. Mir gefiel der Gedanke, einen möglichen Film in 15 Minuten zu pressen und auf diese Weise die Intensität und Spannung zu erhöhen. Die Umsetzung selbst richtete sich nach den Gegebenheiten aus: Alle saßen Zuhause fest, weil der erste Lockdown gerade begonnen hatte. Für mich war das perfekt. Nicht weil ich ein fauler Bastard bin, der am liebsten daheim arbeitet. Sondern weil das genau mit unseren Geschichten harmonierte: Um zu kommunizieren, waren wir gezwungen, miteinander zu telefonieren. Fast alle Episoden haben wir live aufgenommen, und die Schauspieler befanden sich an verschiedenen Orten, sprachen wirklich am Telefon miteinander. Sie konnten einander nicht sehen, nur hören. Ich bin ein Regisseur, der bei seinen Filmen mit seinen Schauspielern immer unter realen Bedingungen dreht. Ich habe noch nie einen Green-Screen eingesetzt. Ich bin verrückt nach Realismus. Und "Calls" hätte nicht unter realeren Bedingungen entstehen können. Ich fand's faszinierend!

Das Gespräch führte Thomas Schultze.