Festival

KOMMENTAR: Zahlenspiele

Wussten Sie, dass der letzte Gewinner des Goldenen Bären, der im Anschluss bei der kommerziellen Auswertung im Kino mehr als 500.000 Besucher erzielen konnte, 17 Jahre zurückliegt - "Gegen die Wand" von Fatih Akin hatte im Jahr 2004 satte 780.000 Zuschauer angelockt?

16.03.2021 07:42 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Wussten Sie, dass der letzte Gewinner des Goldenen Bären, der im Anschluss bei der kommerziellen Auswertung im Kino mehr als 500.000 Besucher erzielen konnte, 17 Jahre zurückliegt - Gegen die Wand" von Fatih Akin hatte im Jahr 2004 satte 780.000 Zuschauer angelockt? Dass sämtliche 16 Berlinale-Gewinner seither in Summe dieses Ergebnis nur knapp übertroff en haben mit insgesamt etwas mehr als 850.000 Besuchern (drei von ihnen, Bal - Honig", "Nader und Simin - Eine Trennung" und "Taxi Teheran", brachten es immerhin auf sechsstellige Zuschauerzahlen) und das einen Schnitt von etwa 55.000 verkauften Tickets pro Goldener-Bär-Gewinner ergibt? Dass man bis zu Moritz De Hadelns Ära und ins Jahr 1996 zurückgehen muss, um mit "Sinn und Sinnlichkeit" den letzten Bären-Gewinner zu finden, der mehr als eine Million Zuschauer in den Kinos hatte, und erst im Jahr 1989 den letzten richtigen anschließenden Blockbuster, nämlich Rain Man", der sechs Millionen Tickets verkaufen konnte?

Der frisch gebackene Goldener-Bär-Gewinner hat mit Neue Visionen einen engagierten und innovativen Verleih gewonnen, aber es sollte schon mit dem Teufel zugehen - und nur zu gerne bin ich bereit, mich eines Besseren belehren zu lassen -, wenn es einem eher experimentellen Film wie "Bad Luck Banging or Loony Porn" gelingen sollte, den Trend der letzten 16 Jahre zu stoppen. Die Berlinale steht nun mal traditionell im Ruf, unter den drei großen A-Festivals das politischste zu sein. Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian knüpfen damit nahtlos an die Ära Kosslick an.

Nun darf man nicht töricht sein: Filmkunst lässt sich nicht an Besucherzahlen bemessen. Der beste Film eines Jahrgangs ist der beste Film des Jahrgangs. Die Jurys sollten sich bei ihren Entscheidungen nicht von kommerziellen Überlegungen leiten lassen. Gleichwohl sollte das Bestreben eines Filmemachers, seine Geschichten für ein großes Publikum erzählen zu wollen, kein Ausschlusskriterium für Wettbewerbsweihen sein. Das Kino ist Kunst. Und es ist Jahrmarkt. Und auch der Jahrmarkt kann Kunst sein. Es wäre bedauerlich, wenn sich die Filmkunst vom Publikum verabschieden würde; wenn die digitale Berlinale, bei der man gezwungen war, die Filme zuhause auf der Couch zu sehen, ohne große Leinwand, ohne Atmosphäre, ohne Austausch, Sinnbild wäre für ein Kino der Zukunft, das nur noch auf Festivals stattfindet, sonst aber ohne Publikum aus kommt.

Die Zeiten, in denen Namen wie Chabrol, Pasolini oder Godard, allesamt vormalige Berlinale-Gewinner, selbst der Event waren und für Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit sorgten, sind sicherlich vorbei. Aber wenn Rosi, Enyedi, Lapid oder Jude nur noch einer verschwindend kleinen Gruppe eingeschworener Festivalfexe ein Begriff ist, was macht das mit der Bedeutung des Mediums Film?

Thomas Schultze, Chefredakteur