Kino

Florian Deyle über sein Unified Filmmakers Festival: "Interkultureller Austausch"

Im letzten Jahr gründeten der Produzent Florian Deyle und die Editorin Patricia Mestanza-Niemi das Unified Filmmakers Festival (UFM) als Netzwerk und Kurzfilm-Festival mit dem Ziel, die globale Zusammenarbeit von Filmemacher*innen zu stärken. Ein Gespräch mit Florian Deyle.

15.03.2021 12:08 • von Barbara Schuster
Florian Deyle (Bild: Privat)

Im letzten Jahr gründeten der Produzent Florian Deyle und die Editorin Patricia Mestanza-Niemi das Unified Filmmakers Festival (www.unifiedfilmmakers.com) als Netzwerk und Kurzfilm-Festival mit dem Ziel, die globale Zusammenarbeit von Filmemacher*innen zu stärken. Ein Gespräch mit Florian Deyle.

Wie kam die Idee für UFM zustande?

Wie kein anderes Ereignis der letzten 70 Jahre hat Corona unsere Welt auf den Kopf gestellt. Die Pandemie führte uns umso deutlicher vor Augen, dass sich die vielen Herausforderungen, vor denen wir stehen, nur in einer gemeinsamen Anstrengung aller Menschen auf der Welt lösen lassen. Daher auch der Name unseres Festivals: Unified. Und Filme sind letztlich das beste Mittel, um den interkulturellen Austausch zu beflügeln. Das Kurzfilmformat bietet die Möglichkeit, mit wenig Aufwand viel zu erreichen und kann vor allem mithilfe der sozialen Medien schnell große Reichweiten erzielen.

Braucht dieses Handy-geeignete Format denn überhaupt die große Kinoleinwand?

Unbedingt, denn die Wirkung eines Films lässt sich am besten im Austausch mit dem Publikum beurteilen. Und wo findet der besser statt als im Anschluss an eine Vorführung im Kino und auf einem Filmfestival. Mit dem Filmfest München haben wir sehr schnell einen herausragenden Partner dafür gefunden. Dennoch zeigen wir unsere Filme zuerst digital und lassen den ganzen Mai über das Online-Publikum und eine Jury aus internationalen Filmemachern entscheiden, wer schlussendlich die Preise gewinnt. Auf dem Filmfest München werden dann die besten Filme zu sehen sein. Danach treten speziell kuratierte Programme aus allen Einreichungen ein Jahr lang ihre Reise um die Welt an und werden bei unseren Partner-Festivals auf Leinwand und vor Publikum gezeigt.

Sie suchen nach "Stories of a New Era" - meinen Sie das inhaltlich oder formal oder beides?

Beides. Wir haben im Jahr des Lockdowns gemerkt, wie viel stärker die Digitalisierung auf einmal unseren Lebensalltag bestimmt. Ich muss mir nur meine Kinder angucken, die immer mehr ins Netz abwandern. Die Digitalisierung bringt viel Positives mit sich, sorgt aber auch auf vielen Ebenen für einen Verdrängungswettbewerb. Umso mehr müssen wir jetzt nach Lösungen suchen, wie wir digitale und physische Welt so zusammenbringen können, dass sich eher Synergien ergeben als dass sich diese beiden Welten gegenseitig ausschließen.

Im Mittelpunkt des Festivals soll jedes Jahr ein globales Thema von gesellschaftlicher Relevanz stehen. Die Wahl fiel auf Corona. Fürchten Sie nicht, dass die Menschen genug davon haben?

Ich kenne dieses Argument sehr gut, und es ist absolut nachvollziehbar. Antworten kann ich nur aus meiner Erfahrung beim Sichten unserer eingereichten Filme. Es wird sowohl sehr humorvolle Filme wie auch emotional berührende oder einfach nur informative geben. Die Mischung aus globaler Perspektive und den unterschiedlichsten Genres bietet am Ende in jedem Fall einen hohen Unterhaltungswert für das Publikum, da bin ich mir sicher.

Das Konzept der Unified Filmmakers beruht gleich auf vier Säulen. Was wird neben dem Festival noch auf Ihrer Plattform zu finden sein?

Am Tag der Preisverleihung auf dem Filmfest München werden wir den Start unserer Mediathek, des UFM Netzwerks und UFM Marktplatzes einläuten. In der Mediathek sammeln wir alle für uns interessanten Fundstücke aus dem Netz, passend zum Festival-Thema. Das werden Dokumentationen und weitere fiktionale Verarbeitungen der Corona-Zeit sein, aber auch interessantes Material von Amateurfilmer*innen. Ziel ist es, ein zeitgeschichtliches Video-Archiv zu erstellen, das auch für ein Publikum abseits der Filmszene interessant ist. Mit dem UFM Netzwerk wollen wir FilmemacherInnen aus der ganzen Welt die Möglichkeit bieten, sich in einer audiovisuellen Form zu präsentieren und Ausschnitte aus ihrem bisherigen filmischen Schaffen zu verlinken. So werden die Filmemacher*innen für potenzielle Partner viel greifbarer. Der UFM Marktplatz funktioniert nach einem ähnlichem Prinzip, nur dass der Fokus hier auf den Entwicklungen von Film-Projekten liegt.

Dann gibt es noch die UFM-Talks, mit denen Sie die Branche erreichen wollen.

Wir Filmschaffende sind ja ein sehr soziales Volk und haben uns vor Covid-19 regelmäßig auf diversen Events treffen und austauschen können. Die UFM-Talks bieten zumindest einen kleinen Ausgleich dafür. Sie geben uns auch die Möglichkeit, den Blickwinkel von Branchenteilnehmern kennen zu lernen, mit denen wir sonst vielleicht nicht oft in Berührung kommen. Ganz bewusst sind sie so zusammengestellt, dass hier unterschiedliche Perspektiven aufeinander treffen. Interessant ist auch, wie Filmschaffende aus anderen Ländern mit den Auswirkungen der Pandemie umgehen. Unsere ersten Talk Gäste aus Kanada und den USA haben zum Beispiel ganz andere Themen in den Mittelpunkt gestellt. Hier wurde die Krise auch als Chance gesehen. Das liegt sicherlich an einem anderem Kulturverständnis, aber auch daran, dass andere Länder vor ganz anderen Herausforderungen stehen.

Die Taktzahl ist hoch, jede Woche ein Talk anspruchsvoll ...

Bis Ende April/ Anfang Mai wollen wir die wöchentliche Frequenz beibehalten. Danach gehen wir in die Sommerpause und machen dann im Zweiwochenturnus weiter, dann aber mit Schwerpunktthemen wie Technik, Nachwuchs, Dramaturgie, etc. Darüber hinaus wollen wir das breit gefächerte Angebot an diversen Lehrvideos aus dem Netz auf dem Netzwerk bündeln, um den Filmemacher*innen von morgen ein weiteres Service-Angebot anzubieten.

Es soll auch Special Screenings geben, Weihnachten haben Sie bereits ein Lockdown-Movie in Spielfilmlänge gezeigt. Nach welchen Kriterien wählen Sie die aus?

Wir kuratieren mit dem Anspruch, herausragende Werke junger Künstler*innen zu zeigen. Damit wir die Verwertungsmöglichkeiten dieser Filme nicht verbauen, werden diese Special Screenings nur für eine bestimmte Zeit zu sehen sein. Oberste Priorität ist dabei die Qualität der Filme. Dabei zielen wir nicht nur auf aktuelle Produktionen ab. Schon während meiner Studienzeit an der HFF München habe ich mich darüber geärgert, dass unsere Kurzfilme nach Premiere und der Festivalauswertung in den Archiven der Hochschule verstaubten und nie wieder gesehen wurden.

Wie sehen Sie sich in Konkurrenz zu anderen kuratierten Plattformen?

Es gibt natürlich Mubi, ebenso genrespezifische Kurzfilm-Plattformen, oft aus dem englischsprachigem Raum. Das sind aber reine Content-Anbieter. Einen Bundle aus Festival, Mediathek, Netzwerk und Marktplatz gibt es meines Erachtens noch nicht. Wir wollen damit alle Phasen der Film-Herstellung bis hin zur Distribution abdecken und verstehen uns dabei als Plattform von Filmemachern für Filmemacher. Unser primäres Ziel ist eben nicht, viel Geld damit zu verdienen, sondern eine interkulturelle Zusammenarbeit zu fördern und Filmemacher*innen und Filmen, die sich global und sozial relevanten Themen widmen, zu unterstützen. Damit das gelingt, müssen wir eine große Anzahl von Filmemacher*innen auf der ganzen Welt für unsere Sache begeistern. Und wenn uns das gelingt, dann haben wir auch eine Stimme, die gewichtig ist und etwas bewirken kann.

Sie firmieren als gemeinnützige Plattform, kann man davon leben? Und wie vereinbaren Sie diese zeitraubende Tätigkeit mit Ihrer Arbeit als Geschäftsführer von DRIFE und Teilhaber von Telenormfilm?

Meine Tage haben gerade 14 Stunden, sieben Tage die Woche. Meine Arbeit als Produzent hat mir insofern geholfen, als dass ich ein Netzwerk habe und weiß, wie schwierig es ist, einen Kinofilm zu finanzieren. Inzwischen weiß ich, dass es noch schwieriger ist, ein neues Festival zu finanzieren. Innovative Ideen haben es leider oft schwer in Deutschland. Gleichzeitig können wir uns sehr glücklich schätzen, hier so viele Fördermöglichkeiten zu haben. Wir sind inzwischen ein Team aus über 20 FilmemacherInnen, die viel auf ehrenamtlicher Ebene leisten. Das wird nicht auf ewig so gehen. Umso wichtiger wird die Unterstützung von Sponsoren und Förderern werden. Deswegen gehe ich auch mit einem hohem persönlichen Risiko in den Aufbau von UFM, weil ich fest daran glaube!

Das Feedback der vielen FilmemacherI*innen und unserer Partnerfestivals bestätigt mich aber Tag für Tag darin, dass unsere Vision der UFM funktionieren kann und macht obendrein viel Freude in diesen düsteren Zeiten. Wir sind ja noch im ersten Jahr und haben schon Kooperationszusagen von Festivals überall auf der Welt wie dem Rio Short Film Festival, immerhin ein Oscar-Festival, und weiteren in Edinburgh, Lagos, Durban, Hongkong und Nairobi. Und alle sind bereit, uns mindestens einen Tag zu schenken, an dem wir auch unser Netzwerk, die Mediathek und den Marktplatz vorstellen bzw. auch Panels und Pitchings veranstalten können. Stand heute haben wir bereits fast 300 Einreichungen erhalten und konnten eine Jury von 22 Mitgliedern aus nahezu jedem Kontinent gewinnen. Unsere Reichweite auf den social media Kanälen steigt kontinuierlich und immer schneller.

Ich glaube an die Kraft dieser Internationalität und hoffe weitere Sponsoren werden sich angesprochen fühlen. Wir alle hatten während der Pandemie viel Zeit zu reflektieren und uns und unseren Lebenswandel zu hinterfragen. Wenn es uns gelingt, mit den UFM diesen Wertewandel zu begleiten und zu befeuern, haben wir schon ganz viel erreicht.

 Das Gespräch führte Marga Boehle