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Themis-Vorstand Eva Hubert: "Völlig überlastet!"

Eva Hubert freut sich über das neue Engagement von Amazon und Netflix bei der Themis-Vertrauensstelle und die verlängerte Unterstützung der BKM. Die notwendige personelle Aufstockung könne trotzdem nicht erfolgen.

15.03.2021 09:37 • von Barbara Schuster
Eva Hubert (Bild: Bina Engel)

Eva Hubert freut sich über das neue Engagement von Amazon und Netflix bei der Themis-Vertrauensstelle und die verlängerte Unterstützung der BKM. Die notwendige personelle Aufstockung könne trotzdem nicht erfolgen.

Eine griechische Göttin, die für Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt steht, ist Namenspatin der Vertrauensstelle. Wie ist es aktuell um den Zusammenhalt mit Blick auf die Finanzen bestellt? Ohne gesicherte Finanzierung lässt sich nun mal schwer arbeiten...

Wir freuen uns sehr, dass die BKM, deren Anschubfinanzierung dieses Jahr ausläuft, an Bord bleibt und uns über den 30. Juni hinaus weiter unterstützt. Zudem haben wir mit Netflix und Amazon zwei neue Finanzpartner dazugewinnen können. Und unsere Senderpartner ARD und ZDF sowie VFF haben sich für eine Aufstockung ihrer Beiträge bereiterklärt. Obwohl der finanzielle Rahmen somit aktuell "relativ" entspannt ist, werden wir bei der nächsten Delegiertenversammlung am 16. März auch das Budget auf der Tagesordnung haben.

Wäre es ohne die weitere Unterstützung der BKM eng geworden?

In der Gründungsvereinbarung von Themis ist festgehalten worden, dass die BKM nicht über ihre Anschubfinanzierung in Höhe von 300.000 Euro, verteilt über drei Jahre, hinaus an Bord bleibt. Die Vertrauensstelle sollte es anschließend ausschließlich durch ihre Partner von Arbeitgeberseite wuppen. Aktuell verfügen wir über einen jährlichen Etat von um die 260.000 Euro. Das hätten wir 2021 einfach noch nicht geschafft, obwohl wir nicht untätig waren! Der durch den Namen anklingende gesellschaftliche Zusammenhalt hat sich dennoch insofern als positiv erwiesen, als dass es meinem Vorstandskollegen Horst Brendel und mir gelungen ist, die Freiberuflerverbände, unter denen sich auch sehr kleine Zusammenschlüsse finden, dazu zu bewegen, sich ebenfalls mit kleinen Beiträgen zu beteiligen, obwohl sie eigentlich per Gründungsvereinbarung davon ausgenommen waren. Immerhin erreichen wir dieses Jahr - auch dadurch - eine Finanzierung durch die an Themis beteiligten Verbände in Höhe von 75 Prozent im Gegensatz zu den bisher 60 Prozent. Unser Ziel ist, nach Ablauf der nächsten drei Jahre ganz unabhängig von der staatlichen Unterstützung operieren zu können.

Mussten Sie viel Überzeugungsarbeit leisten, um weiterhin Unterstützung von der BKM zu erhalten?

Angesichts der Situation wollte uns die BKM nicht im Regen stehen lassen. Ihre Unterstützung beträgt zwar nicht mehr wie zuletzt 100.000 Euro pro Jahr, aber dank ihr ist sichergestellt, dass Themis auch die nächsten drei Jahre solide weitergeführt werden kann. Hätte Monika Grütters damals zur Gründung die Anschubfinanzierung nicht auf den Tisch gelegt, wäre Themis in dieser Form nicht entstanden.

Sicherlich ist es positiv zu werten, dass mittlerweile auch die Streamer ­Themis für wichtig erachten...

Absolut! Die Vereinbarung mit Netflix haben Verdi und der Schauspielerverband verhandelt, die mittlerweile über richtige Tarifvereinbarungen miteinander verbunden sind. Auch dass uns Amazon mit einem ordentlichen Geldbetrag unterstützt, freut uns. Wir haben gemerkt, dass die Arbeit der Vertrauensstelle von Seiten der Amerikaner, also Netflix aber noch einmal engagierter Amazon, eine große Wertschätzung erfährt. Zumal in den USA Themen wie Diversität und Inklusion schon länger Eingang in die Branche erfahren haben als etwa bei uns.

Wie ist es personell um Themis bestellt?

Auch wenn die finanzielle Lage einigermaßen gesichert ist, können wir keine personelle Aufstockung vornehmen. Die wäre aber dringend notwendig! Unsere beiden Beraterinnen, eine Juristin und eine Psychologin, die in Teilzeit arbeiten, sind völlig überlastet. Wir geben seit November viele Webinare zum Thema Prävention und erfahren eine sehr gute Resonanz. Die Nachfrage reißt nicht ab. Unsere Beraterinnen haben die Webinare mit limitierter Teilnehmerzahl interaktiv gestaltet und keine Vorlesungen via YouTube abgehalten. Während der Webinare haben sie auch in Breakout-Räumen individuell mit den Teilnehmer*innen gearbeitet und ihre Fragen beantwortet. Nach sechs solcher Seminare im November und Dezember letzten Jahres folgten vier weitere im Februar.

Ratsuchende gibt es also genug - was die Wichtigkeit und Notwendigkeit von Themis als unabhängigem Angebot zu Themen wie sexuelle Belästigung und Gewalt am Arbeitsplatz unterstreicht. Der finanzielle Rahmen schränkt Sie aber nach wie vor stark ein...

Die Erkenntnis, dass man in diesem Bereich aktiv bleiben muss, ist in der Kulturbranche insgesamt durchaus gegeben, und diejenigen, die sich auf diesem Feld engagieren, melden sich auch bei uns. Zuletzt etwa der Bund deutscher Konzertveranstalter oder jüngst ein Verband, in dem Musicalveranstalter zusammengefasst sind. Aber die Zahlerseite argumentiert auch, dass sie meist intern bereits alle nötigen Stellen wie Gleichstellungsbeauftragte oder Betriebsrat etc. selbst anbieten, an die sich die Mitarbeiter*innen im Bedarfsfall wenden könnten. Unsere Beraterinnen halten mit dem Argument dagegen, dass dieses Angebot in den Firmen selbst eher wenig in Anspruch genommen wird, auch weil die Angst da ist, sofort als "anstrengend" abgestempelt zu werden. Auf der anderen Seite wird unsere Juristin von Gleichstellungsbeauftragten der Arbeitgeberseite um Rat gebeten, wie man sich bei diesem oder jenem Anliegen oder Fall am besten verhält. Themis versteht sich insofern auch als Beratungsstelle für Unternehmen und Institutionen.

Die Corona-Pandemie hat im Frühjahr 2020 sämtliche Dreharbeiten und Arbeiten am Theater stillgelegt. Kam die Flaute auch bei Ihnen an? Gab es weniger gemeldete Fälle, weniger Anrufe?

Ganz im Gegenteil! 2020 gab es über 400 Gespräche und 177 neue Fälle. Beide Zahlen lagen über denen des Vorjahres. Zur Erklärung sei angefügt: Fälle sind es immer weniger als Gespräche, denn wenn sich eine Betroffene oder ein Betroffener gemeldet hat, folgen meist mehrere Gespräche mit der Person. Gerade im März und April, während des ersten Lockdowns, griffen viele Betroffene zum Hörer.

Wie erklären Sie sich das?

Ich denke, in dieser Zeit des Stillstands aller Arbeiten am Set und am Theater war man sehr auf sich selbst zurückgeworfen. Vielleicht sind da Erinnerungen hochgekommen und es fing an, in einem zu arbeiten. Viele hatten die Zeit, sich mit ihren Erlebnissen zu beschäftigen, die man sonst verdrängt hätte - was letztendlich dazu führte, sich bei uns zu melden und Rat zu suchen. Interessanterweise war es auch so, dass manche Machtspielchen wieder ziemlich unangenehm wurden, nachdem die Arbeiten wieder aufgenommen werden konnten, und die Freiberufler*innen in eine Zwickmühle gerieten. Unsere Beraterinnen erzählen von mehreren Fällen, in denen die aktuelle Not vieler ausgenutzt wurde mit Aussagen in Richtung von "Du kriegst den Job, musst dich aber schon auch erkenntlich zeigen". Wir dachten eigentlich, dass dieses Verhalten längst der Vergangenheit angehört.

Sind Veränderungen festzustellen bezüglich der Themen, die virulent sind? Bzw. verlagern sich die Schwerpunkte in der Beratungsarbeit?

2019 und 2020 war das ein ziemlich gleiches Gemisch von Fällen bezüglich sexueller Belästigung bzw. Gewalt. 2020 verzeichnete unsere Statistik 119 verbale/nonverbale und digitale Belästigungen; 50 Taten körperlicher Gewalt und acht Vergewaltigungen. Das war von den Proportionen 2019 ähnlich. Ebenfalls blieb die Proportion bezüglich der Geschlechter gleich: 85 Prozent der Betroffenen sind Frauen, 15 Prozent Männer. War anfangs die Theaterbranche sehr dominant, sind mittlerweile tatsächlich wesentlich mehr Fälle aus der Film- und Fernsehbranche dazugekommen. Das führen wir darauf zurück, dass Themis vom Deutschen Bühnenverein von Anfang an als wichtige Anlaufstelle wahrgenommen wurde und er allen Theaterschaffenden ans Herz gelegt hatte, sich im Bedarfsfall an uns zu wenden. Mit Zunahme unserer Bekanntheit, stiegen letztendlich auch die Meldungen aus dem Film- und Fernsehbereich.

Themis deckt Bühne sowie Film und Fernsehen ab. Sind weitere Kulturbereiche vorgesehen?

Auch Orchester und Radio, wo es durchaus ebenfalls zu Vorfällen kommt, sind ebenfalls schon abgedeckt. Bei der Gründung von Themis äußerte Monika Grütters den Wunsch, dass Themis perspektivisch den gesamten Medien- und Kulturbereich umfassen soll. Auch Bereiche wie Galerien, Museen, bildende Kunst allgemein, Verlage etc. sind also durchaus noch Branchen, die wir aufnehmen könnten. Aber ehrlich gesagt, haben wir dazu noch überhaupt keine Kapazität. Themis müsste dazu auf wesentlich breitere Schultern gestellt werden. Personell können wir das mit dem gegebenen Status quo nicht stemmen.

Sind über den Leitfaden für Arbeitgeber, Webinaren und ersten interaktiven Angeboten im Netz hinaus weitere An­gebote geplant?

Wenn die Lockdowns vorbei sind, wäre es wichtig, auch vor Ort interaktive Empowerment-Seminare anzubieten. Inhalte zu vermitteln, wie man sich zur Wehr setzt, wie man schlagfertiger wird, sind im Netz nur schwer möglich. Zudem würden unsere Beraterinnen, sowie es zeitlich möglich ist, gern auch einen Leitfaden für Betroffene erstellen.

Das Gespräch führte Barbara Schuster