Kino

AMC erwartet komplette Flexibilisierung der Kinofenster

AMC-CEO Adam Aron konnte die Vorstellung der (natürlich) miserablen Zahlen für das vierte Quartal 2020 mit einem optimistischen Blick nach vorne verbinden. Dabei sprach er auch über die potenzielle Zukunft der Auswertungsstrategien.

11.03.2021 11:59 • von Marc Mensch
AMC-CEO Adam Aron (Bild: AMC/Business Wire)

Man mag es angesichts der allwöchentlichen Zahlen aus dem US-Kinomarkt kaum glauben - aber tatsächlich ist ein großer Teil der dortigen Filmtheater bereits seit einiger Zeit wieder am Start. Mit New York wurde einer der wichtigsten Märkte am vergangenen Wochenende wieder eröffnet, Los Angeles soll nun folgen. Und während die zweitgrößte Kette der USA, Regal, ihre Türen weiterhin konsequent geschlossen hält, hatte AMC bis Anfang März bereits ganze 527 der insgesamt 589 US-Standorte wieder ans Netz gebracht - wenngleich mit erheblichen Einschränkungen, versteht sich.

Obwohl der Wiedereröffnungsreigen bei AMC bereits Ende August vergangenen Jahres begann, verharrrte das Geschäft vor dem Hintergrund der Pandemie natürlich auch im vierten Quartal auf einem extrem niedrigen Niveau, wie AMC nun bekannt gab. Demnach sanken die Umsätze gegenüber dem Vorjahresquartal von rund 1,5 Mrd. Dollar auf 162 Mio. Dollar, also um rund 90 Prozent. Keine Überraschung angesichts der Rahmenbedingungen, tatsächlich lag die letztendlich erzielte Summe sogar ein wenig über den Schätzungen von Analysten. Der Nettoverlust kletterte im vierten Quartal auf 946 Mio. Dollar, für das Gesamtjahr 2020 steht ein Verlust von 4,58 Mrd. Dollar zu Buche.

Dennoch konnte CEO Adam Aron bei der Vorstellung der Zahlen optimistisch in die Zukunft blicken - vor allem weil es AMC über die vergangenen Monate hinweg gelungen war, sich ein Finanzpolster zu verschaffen, das die Kette auch dann über 2021 hinaus tragen soll, wenn die Krise andauert. Im Zuge diverser finanzieller Umstrukturierungen gab es auch Änderungen in der Gesellschafterstruktur. Dalian Wanda, der Betreiber des chinesischen Kinomarktführers Wanda, der AMC 2012 übernommen hatte, bleibt zwar der größte Anteilseigner, allerdings mit nur noch knapp zehn Prozent der Anteile, nachdem immer wieder neue Aktien in den Markt gegeben worden waren, um dem Unternehmen frisches Kapital zuzuführen. Insofern sei die "Wanda-Ära" vorbei, wie Aron erklärte, der auf "ganz wunderbare" Geschäftsbeziehungen zurückblickte.

Das Investmentunternehmen Silver Lake Partners, das AMC 2018 eine Finanzspritze über den Erwerb von Wandelanleihen im Wert von 600 Mio. Dollar verpasst hatte, nutzte das kurzzeitige, von primär über Reddit organisierten Kleinanlegern Ende Januar ausgelöste Börsenhoch, um diese in Anteile umzuwandeln und mit Gewinn verkaufen zu können. Laut dem US-Branchendienst "Deadline" erzielte man 713 Mio. Dollar, also eine satte Rendite.

Im Gegenzug sanken die Verbindlichkeiten von AMC um 600 Mio. Dollar. Das Reddit-Phänomen (das sich primär auf den Videospielhändler Gamestop kapriziert hatte und zum Erliegen kam, als diverse Trading-Apps den Handel aussetzten) kommentierte Aron mit den Worten, es sei ihm sehr zu Herzen gegangen, dass das 101 Jahre alte Unternehmen AMC ein "wesentlicher Teil des Zeitgeistes" sei.

Grundsätzlich habe sich AMC laut Aron 2020 mit den größten Herausforderungen seiner Geschichte konfrontiert gesehen, allerdings gebe es endlich Licht am Ende des Tunnels, auch dank des raschen Impffortschritts in den USA. Man verfüge nun über mehr als eine Milliarde Dollar an liquiden Mitteln und aktuell seien für die kommenden Monate Blockbuster-Starts in "erheblichem Umfang" terminiert. Alle Faktoren zusammengenommen, habe man allen Grund optimistisch zu sein, dass AMC die Pandemie überstehen werde.

Aron dankte auch den Vermietern, die Pachtzahlungen im vergangenen Jahr aufgeschoben hätten. Ein Gutteil dieser Zahlungen soll nun noch bis Ende des Monats fällig werden, man stehe jedoch in laufenden Verhandlungen über weitere Zugeständnisse. Unterdessen hat die Krise AMC bereits zur dauerhaften Schließung von weltweit ganzen fünf Dutzend Standorten veranlasst, davon alleine 48 in den USA. Aron erklärte zwar, dass AMC die Standortzahl wieder ausbauen wolle (auch über Neubauten), allerdings müsse das Risiko dabei künftig stärker auch auf den Schultern der Vermieter liegen.

Beim Thema Kinofenster zeigte sich Aron entspannt - sehr viel entspannter, als man es ihm nach dem letztjährigen Aufschrei gegen Universal hätte zutrauen mögen. Bekanntermaßen war es dann ja ausgerechnet AMC, die mit Universal ein wegweisendes Abkommen zur Verkürzung der Kinofenster auch über den Verlauf der Pandemie geschlossen hatten - und im Zuge dieser Vereinbarung habe man festgestellt, "dass jedes einzelne Studio ganze eigene Bedürfnisse hat", so Aron. "Ich gehe davon aus, dass es individuelle Abkommen geben wird, die von Studio zu Studio unterschiedlich aufgesetzt werden und von Kette zu Kette differieren werden."

Der AMC-CEO unterstrich in diesem Zusammenhang, dass sein Unternehmen bereits über die vergangenen Jahre hinweg jedem Studio in vertraulichen Gesprächen signalisiert habe, dass man bereit sei, eine Führungsposition bei innovativen Fensterstrategien einzunehmen. Dabei habe man sich aber immer daran orientiert, dass ein Abkommen im Sinne der AMC-Anteilseigner sein müsse. Wo man keine Einigung habe erzielen können, habe man sich stets mit aller Macht gegen Verkürzungen gestemmt. Was auch hinsichtlich der Beziehung zu Walt Disney eine interessante Aussage ist. Zwar äußerte sich Aron nicht zu möglichen Vereinbarungen, allerdings hatte AMC Raya und der letzte Drache" am vergangenen Wochenende ins Programm aufgenommen - anders als einzelne Mitbewerber wie vor allem Cinemark. Grundsätzlich habe er hinsichtlich der Fensterthematik ein "wirklich gutes Gefühl".