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BERLINALE REVIEW: "Courage" (Berlinale Special)

Aktueller und politischer kann Film nicht sein als in Aliaksei Paluyans Berlinale-Special-Beitrag "Courage" über den friedlichen Kampf der Demokratiebewegung in Belarus. Hier unsere Besprechung.

05.03.2021 14:00 • von Thomas Schultze
Aktueller geht nicht: "Courage" von Aliaksei Paluyan (Bild: Berlinale)

Aktueller und politischer kann Film nicht sein als in Aliaksei Paluyans Berlinale-Special-Beitrag "Courage" über den friedlichen Kampf der Demokratiebewegung in Belarus. Hier unsere Besprechung.

Der Dokumentarfilm folgt den drei Protagonisten Maryna, Pavel und Denis, die in Minsk einer Underground-Theatergruppe angehören, und ihrem mutigen Kampf um demokratische Rechte. Er verfolgt die Ereignisse nach den Präsidentschaftswahlen im Sommer 2020, als die Hoffnung auf einen Machtwechsel groß war, mischt sich unter Tausende friedliche Demonstranten. Man spürt die Energie der Straße, aber auch die Angst, sieht die Emotionen in den Gesichtern junger bewaffneter Streitkräfte, die vor dem Parlament stationiert sind, ihre Abwehrschilder sinken lassen und von den Menschen umarmt werden. Ein kurzer Moment, in dem ein Ausweg aus der Spirale der Gewaltherrschaft möglich scheint. Jeder der Beteiligten, auf beiden Seiten der Barrikaden, trifft eine Entscheidung, die sein Leben beeinflussen wird. Junge Eltern fragen sich, ob es besser ist, für ihr Kind da zu sein oder zu riskieren, dass es ohne sie aufwachsen muss, wenn sie verhaftet werden. Schauspieler bekommen keine Engagements, weil sie auf einer schwarzen Liste stehen. Viele werden verhaftet und gefoltert. Hunderte Angehörige warten tagelang vor dem berüchtigten Gefängnis Okrestina mitten in Minsk, ob ihre Kinder und Partner freigelassen werden. Täglich werden die Optionen einer Flucht diskutiert, nach Polen oder Litauen. Soll man sich selbst schützen oder zurückschlagen?

Lukaschenkos Unterdrückungssystem ist resistent, der Sicherheitsapparat funktioniert und hat Erfahrung mit Protesten, die schon 1996 oder 2010 niedergeschlagen wurden. Seitdem habe sich die Situation verschlechtert, meint einer der Protagonisten, es sei keine Diktatur mehr, sondern reine Tyrannei. Die Sicherheitskräfte geben von Generation zu Generation die Macht weiter.

Mit großem Respekt folgt der in Belarus geborene, in Deutschland lebende Regisseur Aliaksei Paluyan, der mit "Courage" sein Dokumentarfilmdebüt gibt, seinen Freunden aus der Kulturszene. Das Material konnte er gerade noch rechtzeitig außer Landes bringen, ehe die Grenzen für Medienvertreter dichtgemacht wurden. Es sind mehr als persönliche Geschichten. Paluyan zeigt auch, wie gefährlich, wie gefährdet, aber auch wie wichtig Kunst in einem autoritären System ist. Seinen Film widmet er all denen, die während der 26-jährigen Gewaltherrschaft Lukaschenkos entführt oder getötet wurden. Und er lässt keinen Zweifel daran: Sie alle sind Helden.

Marga Boehle