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BERLINALE REVIEW: "Je Suis Karl" (Berlinale Special)

Harten Tobak haben Regisseur Christian Schwochow und Autor Thomas Wendrich im Berlinale Special im Gepäck: Ihr schockierend aktueller Thriller "Je Suis Karl" wird für Diskussionen sorgen. Lesen Sie hier unsere Besprechung.

04.03.2021 12:00 • von Thomas Schultze
Alarmstufe Rot herrscht in "Je Suis Karl" (Bild: Sammy Hart / Pandora Film)

Harten Tobak haben Regisseur Christian Schwochow und Autor Thomas Wendrich im Berlinale Special im Gepäck: Ihr Thriller Je Suis Karl" wird für Diskussionen sorgen. Lesen Sie hier unsere Besprechung.

JE. SUIS. KARL. In roten Lettern füllt jedes der Worte die Leinwand, dann changieren sie im Stroboskopgewitter. Wie bei Tarantino oder Noé. Peng. So ist der gesamte Film, der folgt: Knallig, laut, direkt, in your face. Immer um seine Oberflächenreize bewusst, aber, und das ist entscheidend, nicht oberflächlich. Form ist nicht Inhalt. Zwei Jahre nach Deutschstunde" hält Christian Schwochow eine weitere Deutschstunde ab, ach was, Europastunde, Weltstunde. Aber hier wählt eben nicht die Form des Geschichtsunterrichts, dozierend, moralisierend. Er erzählt vom Erstarken der neuen radikalen Rechten, und weil er es effektiv tun und sein Publikum erreichen will, machen er und Autor Thomas Wendrich in ihrer zweiten Zusammenarbeit nach Mitten in Deutschland: NSU" als Thriller: Weniger an Und morgen die ganze Welt" oder Die Welle" muss man denken als an Klassiker wie Zeuge einer Verschwörung" und gar Botschafter der Angst", an die Großen halt, die man immer ins Feld führt, wenn man von Verschwörungsthrillern spricht. Sexy will der Film sein und verlockend, mit Protagonisten, die man gerne sieht, weil das auch die Waffen der neuen rechtsextremen Bauernfänger sind. Die werben nicht mehr mit militärischem Schmiss und begleitet vom stumpfen Rechtsrock von Störkraft für sich, sondern geben sich gewandt, kosmopolitisch, cool und leger, mit einem Lächeln im attraktiven Gesicht, perfekt und vermeintlich weltoffen präsentiert und begleitet von treibenden Hiphopbeats, zu denen man sofort mitbrüllen will: Auf in den Krieg! Warum auch nicht? "Je Suis Karl" lässt sich auf dieses Spiel ein, präsentiert seine Geschichte so, wie auch die Feinde der Demokratie operieren in ihren modernen Inszenierungen, die mit Hilfe sozialer Medien sofort viral gehen. Dass er damit jetzt noch aktueller ist als beim Dreh, unterstreicht nicht zuletzt der Sturm aufs Kapitol in Washington am 6. Januar.

Die radikale Rechte wird in "Je Suis Karl" verkörpert von Karl, gespielt mit einem Maximum an Beefcake-Attraktivität von Jannis Niewöhner. Nur scheinbar zufällig platzt er in das Leben von Maxi - Luna Wedler nach Biohackers" wieder im Zentrum einer folgenschweren Verschwörung - in einem Moment, in der die junge Frau aufgewühlter und verletzlicher nicht sein könnte. Ihre Mutter und ihre beiden kleineren Brüder sind bei einem Bombenanschlag mitten in Berlin aus dem Leben gerissen worden. Islamisten, kein Zweifel: Der Mann, der das Päckchen mit dem Sprengsatz abgeliefert hat, hatte dunkle Hautfarbe und einen Vollbart. Jetzt wird Maxi von aufdringlichen Journalisten verfolgt, Karl hilft ihr. Und lockt sie mit seiner verständnisvollen Art in sein Netz. Sie weiß nicht, dass er eine Leitfigur der Rechtsradikalen und sie - Achtung, Spoiler! - nur Teil eines großen Planes ist. Während sie mit ihren widerstrebenden Gefühlen hadert, Wut, Trauer, Fassungslosigkeit unter einen Hut zu bekommen versucht, sich in den jungen Mann zu verlieben und sich in seiner metrosexuellen Gang geborgen und akzeptiert zu fühlen beginnt, setzt er mit seiner europäischen Allianz an Gleichgesinnten die Puzzlestücke zusammen, mit der in Europa die Emotionen hochgekocht und mit Hilfe der Großen Lüge ein Bürgerkrieg vom Zaun gebrochen werden soll.

Auf die Große Lüge kommt es an. Ob es nun das Attentat auf Franz Ferdinand ist, der Reichstagsbrand oder, aktuell, das Beharren auf die gestohlene Präsidentschaftswahl, zum Regelbuch des gewaltsamen Umsturzes gehört der eine Moment, der die Massen galvanisiert, in dem Theorie zu Tat wird. Wenn er nicht von allein kommt, muss man nachhelfen. Fragen Sie nach bei Charles Manson, der seine Killerschwadron ausschickte, um mit Morden in Hollywood einen Rassenkrieg zu beschleunigen. Bei "Je Suis Karl" ist die Große Lüge so ungeheuerlich wie der gesamte Plot, sind die resultierenden Bilder provokativ, schockierend, anmaßend sogar. Weil sie es sein sollen, weil sie es sein müssen: Niemandem dürfe man trauen, immer müsse man hinter die Bilder blicken, sagt "Je Suis Karl". Was auf die rechten Verführer ebenso zutrifft wie auf den Film selbst. Nicht das Bild zählt, sondern was damit bezweckt wird. Erst wenn man sich als Zuschauer aus dem spannenden, mitreißenden Narrativ löst, mit seinen schönen Menschen, die aufreizende und erregende Dinge tun, miteinander feiern und tanzen und Sex haben, und nüchtern analysiert, was und wie da erzählt wird, bekommt man den Kopf frei, sieht man klar. Form ist nicht Inhalt. In "Je Suis Karl" ist es bereits zu spät, als Maxi erkennt, was um sie herum geschieht. Die Entschlossenheit, mit der Schwochow und Wendrich ihr Szenario konstruieren und dann auch durchspielen, bis zur bitteren Konsequenz, ist atemberaubend in seiner Gewagtheit. Was wie Frankenheimer oder Pakula beginnt, wird in den letzten Einstellungen zu Haneke. Ob das Licht ist, was man am Ende des Tunnels sieht, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Thomas Schultze