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BERLINALE REVIEW: "Wer wir waren" (Special)

Nach der Buchvorlage von Roger Willemsen liefert Marc Bauder mit seinem eindringlichen Dokumentarfilm im Berlinale Special ein aufrüttelndes Bild vom Zustand der Erde - als Appell an uns alle.

04.03.2021 12:57 • von Heike Angermaier
"Wer wir waren" von Marc Bruder (Bild: X Verleih)

Nach der Buchvorlage von Roger Willemsen liefert Marc Bauder mit seinem eindringlichen Dokumentarfilm im Berlinale Special ein aufrüttelndes Bild vom Zustand der Erde - als Appell an uns alle.

"Wir hatten unserem Verschwinden nichts entgegenzusetzen. Wir waren jene, die wussten, aber nichts verstanden," stimmt die sympathisch-unaufgeregte Erzählerstimme von Manfred Zapatka ein auf Marc Bauders Bestandsaufnahme vom Zustand der Welt. Klar, dass sie auch eine Abrechnung ist mit uns, die wir "randvoll waren mit Wissen, aber nichts verstanden haben," wie der kluge Weltbürger Roger Willemsen, dessen Stimme man in diesen Pandemiezeiten so schmerzlich vermisst, in seinen dem Film zugrunde liegenden Essays schreibt. Der vielfach ausgezeichnete Bauder folgt sechs Persönlichkeiten, Wissenschaftlern, Philosophen, Denkern in die verschiedensten Teile der Welt, ins All und die Tiefen des Ozeans. Aus diesen zwei Extremperspektiven, von ganz oben und tief unten, entspannt sich der globale Dialog über unsere Erde, die einzige, die wir haben und deren Atmosphäre von oben so dünn und zerbrechlich wirkt, als könne man sie mit einem Puster wegblasen, so Astronaut Alexander Gerst. Auf diesem im All so winzigen Planeten habe sich die gesamte Geschichte der Menschheit zugetragen, räsoniert er. Wenn wir ihn zerstören, dann ende diese Geschichte.

Die 85-jährige Ozeanologin Sylvia Earle stellt die Frage, warum nur drei Menschen bisher in 11 Kilometern Tiefe auf dem Meeresgrund waren, warum so wenig für die Erforschung des Ortes, wo wie sie sagt "das Herz der Erde schlägt", getan werde. Schließlich heißt der blaue Planet so, weil er zu 97 Prozent aus Wasser besteht - eine riesige Fläche mit inzwischen erschreckend vielen "dead zones". Von oben sehe die Erde aus wie ein Ozean, meint auch Gerst. Und er berichtet, was man sieht aus dem All: Die Brandrodungen am Amazonas etwa, die sich wie Krebsgeschwüre ausbreiten, Feuer, Kriege, Bombenexplosionen - das alles wirke von oben ohne sichtbare Grenzen noch absurder.

Der Ökonom Dennis Snower, langjähriger Präsident des Instituts für Weltwirtschaft, sucht nach globalen Lösungen sozialer Fragen jenseits traditioneller monetärer Systeme. Sein afrikanischer Kollege Felwine Sarr zeigt die drastischen Folgen der Entwicklungspolitik auf seinem Kontinent und beschwört die Notwendigkeit der "Dignity of Knowledge". Der buddhistische Mönch und Molekularbiologe Matthieu Ricard forscht zu den positiven Auswirkungen von Meditation aufs Denken, und die Philosophin Janina Loh setzt sich mit Robotern und ihren Gefühlen auseinander und spielt neue Antworten durch auf die Frage, wie sich Menschsein definiert.

Bauders inspirierender Blick in die Welt, beim Hessischen Filmpreis bereits ausgezeichnet als bester Dokumentarfilm, entwickelt mit den grandiosen Kamerabildern von Börres Weiffenbach, Material aus Weltraum und Ozean und einem eingängigen Score einen eigenen Sog. Wer wir waren" schreibt das "Wir" im Titel groß, ist ein filmischer Aufruf zum Nachdenken darüber, wer wir sind, eine Aufforderung zum Denken, zu Dialog und Miteinander. Und diese Fokussierung auf das, was wirklich zählt - diesen Planeten zu schützen - macht Mut und irgendwie auch Hoffnung.

Marga Boehle