Kino

"Das starre Gerüst ist Vergangenheit"

Mit einem Panel zum Auftakt der Berlinale gab der HDF Kino ein leidenschaftliches Plädoyer für ein gesichertes Kinofenster ab. "Gesichert" heißt indes nicht unverändert - und so drehte sich die Debatte auch um eine Flexibilisierung.

04.03.2021 08:15 • von Marc Mensch
Konnten natürlich leider nur virtuell diskutieren: Christine Berg, Peter Dinges, Moderator und Blickpunkt: Film-Herausgeber Ulrich Höcherl, Edna Epelbaum und Astrid Muckli (Bild: Screenshot)

Zu sagen, dass sich die Zeichen beim Kinofenster während der Pandemie auf Sturm gedreht haben, wäre eher noch untertrieben. In den USA haben große Ketten bereits Verträge mit Universal unterschrieben, die massiv reduzierte Fenster vorsehen. Warner hat (zumindest für 2021) das Kinofenster für sämtliche Neustarts auf Null gesetzt - mit Wonder Woman 1984" und Tom & Jerry" aber immerhin die beiden besten US-Startergebnisse der Pandemie geliefert. ViacomCBS kündigte bei der Vorstellung seines Streamingdienstes Paramount+ an, Filme dort teils bereits 30 bis 45 Tage nach Kinostart zur Verfügung zu stellen - und in letztere Kategorie fallen unter anderem die Top-Titel Mission: Impossible 7" und "A Quiet Place 2". Walt Disney hat sich zwar wiederholt grundsätzlich zu einem Kinofenster bekannt, sieht aber wenigstens während der Pandemie Parallelauswertungen auf der Leinwand und Online weiterhin als Option - und CEO Bob Chapek ließ durchblicken, dass man nach Bewältigung der Krise unter anderem beim Fenster wohl nicht komplett zurücksteuern könne. Unterdessen soll Warner auch in Deutschland das Fenster für seine internationalen Kinostarts wenigstens für dieses Jahr auf 28 Tage reduziert haben - für zwei Titel wurde dies tatsächlich bereits durch den Pay-TV-Partner Sky bestätigt.

In dieser Situation trat der HDF Kino bei einem Panel zum Auftakt der Berlinale für ein weiterhin gesichertes Kinofenster ein - und machte dabei mit Unterstützung der UK Cinema Association nicht nur klar, warum man sich nicht auf verlorenem Posten wähnt. Sondern signalisierte seine Bereitschaft, an einer Flexibilisierung im Sinne der gesamten Wertschöpfungskette mitzuarbeiten. Ganz zentral ist dabei die Erkenntnis, dass Filme womöglich tatsächlich nicht monatelang "Staub ansetzen" müssen, wie dies Bob Chapek gerade erst formuliert hatte.

Dass Kinos in den allermeisten globalen Märkten derzeit keine oder nur eine vergleichsweise geringe Rolle in der Filmauswertung spielen können, liegt auf der Hand. Und FFA-Vorstand Peter Dinges warb in dieser Situation durchaus für Verständnis dafür, dass Studios einzelne ihrer viele Millionen schweren Investments irgendwann einfach monetarisieren müssten. Dass dies bislang aber durch die Bereitschaft in den Schatten gestellt wurde, große Filme um mittlerweile teils über ein Jahr zu verschieben, hatte zuvor Phil Clapp, CEO der UK Cinema Association, in seiner eröffnenden Keynote betont. Er sehe darin einen erheblichen Vertrauensbeweis seitens der Studios. Dass dieses Vertrauen gerechtfertigt ist, hätten nicht nur die "ermutigenden Ergebnisse" gezeigt, die Kinos in der kurzen Phase der Öffnung hätten erzielen können - sondern es werde auch durch regelmäßige Umfragen gestützt, die belegten, wie sehr die Menschen das Kino vermissten.

Gut und gerne hätte man an dieser Stelle auch noch ausführlicher auf die Situation in jenen Märkten eingehen können, die sich weitgehend von der Pandemie erholt haben, insbesondere natürlich auf China, wo zum Neujahrsfest (und darüber hinaus) historische Rekorde geschrieben wurden - oder auch auf Japan, dass während der Pandemie mit Demon Slayer" den erfolgreichsten Film in der Geschichte des dortigen Kinomarktes hervorbrachte.

Allerdings war die Zeit bei diesem Panel ohnehin leider sehr knapp bemessen - und Clapp legte den Fokus lieber auf die Warnung vor den Folgen eines Kollapses der Auswertungsfenster. Seiner Ansicht nach würden sich die Studios mit dem Verzicht auf eine abgestufte Auswertung um erhebliche Umsätze bringen, zum Schaden der gesamten Industrie. Tatsächlich zeige sich aktuell, dass die Studios auch auf ihren Streamingplattformen nach dem Prinzip der Auswertungsfenster arbeiten würden - indem Filme zunächst mit einem Premiumpreis versehen sein, bevor sie über das reine Abo zugänglich gemacht würden. Für Clapp ein klarer Beleg dafür, dass die Überlegungen, die einst hinter einer Fensterstrategie standen, nach wie vor Gültigkeit besäßen. Nicht umsonst habe gerade Bob Chapek, dessen Unternehmen Walt Disney zu den derzeit "aggressivsten" Playern in der Streaminglandschaft zähle, unlängst wieder betont, dass die Umsätze, die Disney vor der Pandemie in den Kinos erzielt habe, weiterhin großes Gewicht hätten. Last but not least griff Clapp auch noch das Thema "Vielfalt" auf - denn diese sei bedroht, wenn insbesondere kleine Filme nicht die Zeit bekämen, im Kino ihr Publikum zu finden und vorzeitig auf einem der vielen Streamingportale landen würden, wo sie dann "unerreichbar" für die vielen Menschen würden, die es sich nicht leisten könnten, mehrere Dienste gleichzeitig zu abonnieren. Das mag dick aufgetragen wirken, aber das Thema der Fragmentierung des Angebots wäre durchaus eines, das sich zu diskutieren lohnen würde. Denn es könnte spätestens dann noch einmal an Brisanz gewinnen, wenn physische Datenträger vollends in die Nische gedrängt worden sind.

Peter Dinges jedenfalls warnte davor, eine Auswertungsform, mit der vor der Pandemie weltweit immer neue Rekordumsätze erzielt worden seien, zum "Kollateralschaden" in den sogenannten "Streaming-Wars" zu machen. Wenn Pay-TV-Anbieter nun mit "exklusiven Angeboten vor Kinostart" werben könnten, dann sei das "ein Spiel mit dem Feuer". Zwar erklärte Dinges auf Nachfrage, dass im Schnitt nach sechs Wochen 88 Prozent des Boxoffice eingespielt seien - aber bei den fehlenden zwölf Prozent rede man immer noch von einer "ganzen Menge". Deshalb sei es so wichtig, Sperrfristen für einen "bestimmten Zeitraum" zu erhalten.

Dass dieser "bestimmte Zeitraum" während des Panels nicht nachhaltig konkretisiert wurde, ist indes wohl kein Zufall. Denn Astrid Muckli brachte es frühzeitig auf den Punkt: Zwar sei es wichtig, Fenster und damit die Aufmerksamkeit der Menschen für die Kinoauswertung grundsätzlich zu halten. Allerdings sei sie dafür, das System flexibler zu gestalten, das alte Modell aufzubrechen und auch neue Ideen zuzulassen.

Was die HDF-Vorstandsvorsitzende nur unterstrich: "Das starre Gerüst ist Vergangenheit, das ist klar", so Christine Berg. Die Welt habe sich verändert, nun stelle sich die Frage, wie man die Zukunft gestalte - und sie appellierte dazu, die Debatte zu versachlichen.

Was das konkret bedeutet? Nun, einerseits tritt der HDF dafür ein, Sperrfristen nach dem Vorbild Frankreichs künftig auch für nicht hierzulande geförderte Filme gesetzlich zu regeln - diese Regelung aber mit Ausnahmetatbeständen zu versehen, die Rücksicht auf die tatsächliche Performance eines Films in den Kinos nehmen. Berg verwies dabei auf das französische Modell, wonach ein Film, der innerhalb von zwei Wochen weniger als 100.000 Zuschauer erreiche, bereits nach zwei Monaten in andere Auswertungskanäle gehen könne. Man sei, so Berg, bereit sich zu bewegen, aber man benötige ein gewisses Maß an Struktur - und dabei die Politik an der Seite.

Diese adressierte Dinges direkt: Natürlich können man darüber reden, ob etwa die sechs Monate Kinoexklusivität, wie sie aktuell für geförderte Filme vorgeschrieben sind (mit der regelmäßig genutzten Möglichkeit einer Verkürzung, versteht sich), nicht viel zu lang seien. "Ich glaube, dass an dieser Stelle tatsächlich viel Luft für Diskussionen ist", so Dinges. Aber ein gewisses Maß an Exklusivität dürfe nicht zur Debatte stehen - und das gerade nicht für einen Staat, der unter anderem Millionensummen in die Digitalisierung der Kinos gesteckt habe.

Wo es ohne den Staat nicht geht, wenn man eine gesetzliche Regelung anstrebt, betonte Astrid Muckli indes auch, was ihre Kolleginnen und Kollegen gerade während der Pandemie unternehmen würden (was Dinges mit Verweis auf erhebliche Investitionen unterstrich), um Kinos weiterhin den Status "nicht irgendeines" Kanals zu sichern, ihre Häuser in Topform zu bringen und sich darauf vorzubereiten, wieder großartige Erlebnisse anbieten zu können. So verlieh sie der Hoffnung Ausdruck, dass die Debatte schon grundsätzlich wieder anders aussehe, wenn die Kinos endlich wieder geöffnet hätten und man sehe, dass es weiterhin funktioniere - gerade gegenüber der "Beliebigkeit der Streamer". Tatsächlich würde sie die Diskussion auch gerne von der anderen Warte führen: Nach wie vor gebe es eine Vielzahl an Filmen, die man ins Kino schiebe, die die Leinwand aber nicht unbedingt verdienten. Ihre Vorstellung: Weniger Filme, dafür höhere Qualität - und das mit vernünftigen Fenstern.

Was nicht heißt, dass die Filme, die es nicht auf die Leinwand schaffen, nicht auch das Kino im Rücken haben könnten. Denn abseits der eigentlichen Fensterdebatte plädierte Edna Epelbaum dafür Synergien zu nutzen. Dass die Kinos nicht Woche für Woche 17 neue Filme verdauen könnten, wisse man schon lange - aber virtuelle Säle könnten die Diversität, auf die es so ankomme, vergrößern. Nun, zumindest an dieser Stelle tut sich momentan bekanntermaßen Einiges.