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BERLINALE REVIEW: "The Scary of Sixty-First", "Das Mädchen und die Spinne" (Encounters)

Hinter dem Horror-Debüt "The Scary of Sixty-First" im Encounters-Wettbewerb steckt die hochtalentierte Genrehoffnung Dasha Nekrasova. Die Zürcher-Brüder machen derweil dort weiter, wo sie bei "Das merkwürdige Kätzchen" aufgehört haben.

03.03.2021 18:14 • von Michael Müller
Ein seltenes Berlinale-Glück: der Genre-Rohdiamant "The Scary of Sixty-First" (Bild: Stage Pictures)

Dasha Nekrasovas Debütfilm "The Scary of Sixty-First" im Encounters-Wettbewerb der Berlinale mag zwar nicht die besten Schauspielerinnen der Welt im Cast haben. Dieser kleine, feine Horrorfilm über zwei Freundinnen (Betsey Brown, Madeline Quinn), die gemeinsam ein Apartment in Manhattan beziehen, das einmal dem pädophilen Milliardär Jeffrey Epstein gehört haben soll, braucht das aber auch gar nicht. Denn hier zeigt sich ein wirklich vielversprechendes Genretalent hinter der Kamera: Angefangen beim sehr coolen, oldschooligen Vorspann mit lilafarbenen Schriftzügen, über die immer unheimlicher werdende, stark von Roman Polanskis "Rosemary's Baby" inspirierte Atmosphäre, dem flirrenden Schrecken in der Luft und einer immer mutiger in den Wahnsinn abdriftenden Handlung, ist das Ganze ein großer Spaß.

Die Regisseurin selbst taucht auch vor der Kamera als Blondine auf, die im Fall Epstein recherchiert und sich in eine der beiden Mitbewohnerinnen verliebt. Während die beiden eine Einheit werden, verfällt die andere Mitbewohnerin durch die Örtlichkeit zunehmend in Wahnvorstellungen. Wenn die Schauspielleistungen anfangs etwas cheesy wirken, ist das schnell vergessen, sobald "The Scary of Sixty-First" Fahrt aufnimmt, sleaziger und blutiger wird. Man kann nur hoffen, dass Dasha Nekrasova, die mit diesem geringen Budget schon szenentechnisch zaubert, sehr bald ein noch etwas größeres Budget anvertraut bekommt. Aber solch einen sich nicht entschuldigenden puren Genrefilm, der gekonnt und mit Lust die Thrills erzählt, gab es in den vergangenen Jahren im Programm der Berlinale selten zu entdecken.

Die Schweizer Brüder Ramon und Silvan Zürcher machen ein Kino, das nicht von der Sehnsucht nach Melancholie, sondern dem Unglücklichsein getragen wird. So zeigten sie sich jedenfalls mit ihrem Debütfilm "Das merkwürdige Kätzchen" im Jahr 2013 im Berlinale Forum. Das Gefühl bestätigt sich jetzt mit ihrem neuen Werk "Das Mädchen und die Spinne" im Encounters-Wettbewerb. Es ist ein Kino, das Lust an den Misstönen in der Wohlstandsgesellschaft verspürt. Wieder gibt es eine größere Gruppe von Menschen - manche von ihnen untereinander verwandt, manche haben miteinander geschlafen, andere würden es gerne tun. Sie alle helfen bei einem WG-Auszug von Lisa (Liliane Amuat), die ihre Mitbewohnerin Mara (Henriette Confurius) zurücklassen und allein neu anfangen will.

Das eigentliche Thema des Films sind aber die Blicke der Beteiligten, das Unausgesprochene, frühere schief gelaufene Beziehungen, die nachwirken wie zu große Wunden. Die Zürcher-Brüder sind dabei die Art von Filmemacher, die nicht ein Pflaster auf die Wunde kleben wollen, sondern mit Genuss an der Verletzung kratzen. Es sind Szenen der Dissonanzen, Menschen, die sich ins Wort fallen, andere Menschen darauf hinweisen, dass sie einen Lippenherpes haben, als ob auf einem Klavier nur Moll-Akkorde angeschlagen würden. Da gibt es viel für die Schauspieler*innen (u.a. Ursina Lardi, André M Hennicke, Sabine Timoteo) zu spielen und entdecken, weil vieles an den Situationen vage bleibt. Als Zuschauer bleiben die Figuren aber auch so eigenartig fremd, obwohl man die Situationen an sich zu kennen glaubt. "Das Mädchen und die Spinne" seziert den Alltag. Vielleicht muss man selbst nochmal einen zweiten Blick wagen, um noch mehr Feinheiten mitzubekommen, um sich so den abweisenden Figuren mehr nähern zu können.

Michael Müller