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BERLINALE REVIEW: "Forest - I See Everywhere" (Wettbewerb)

Der Ungar Bence Fliegauf kehrt mit "Forest - I See Everywhere" zurück in den Berlinale-Wettbewerb. Herausgekommen ist ein Kaleidoskop kammerspielartiger Episoden, in denen es um Familie, Schuld und Krankheiten geht. Lesen Sie hier unsere Besprechung.

03.03.2021 12:29 • von Michael Müller
Juli Jakab in "Forest - I See Everywhere" (Bild: Berlinale 2021)

Familien und Beziehungskonflikte soweit das Auge sieht, bietet der neue Film des ungarischen Regisseurs Bence Fliegauf im Berlinale-Wettbewerb, wo er im Jahr 2012 mit seinem Werk "Just the Wind" triumphierte und den großen Preis der Jury gewann. Größtenteils besteht sein neuer Film "Forest - I See Everywhere" ("Rengeteg - mindenhol látlak") aus kammerspielartige Situationen: zwei bis drei Menschen reden oder streiten miteinander. Gefilmt ist das Ganze mit Handkamera, nahe an den Gesichtern klebend und nervös eingefangen. Warme Braun- und Rottöne bestimmen die Bilder. Ästhetisch erinnern sie in ihrer körnigen Form fast an die Dogma-Filme der späten 1990er-Jahre, ohne aber an deren Lebendigkeit heranzureichen.

Ein Vater und seine Tochter streiten darüber, wie die Ehefrau und Mutter ums Leben kam und wer vor allem daran die Schuld trägt; eine junge Frau macht dem Partner Vorhaltungen, dass dieser bei seinem Freundschaftsdienst nur Hintergedanken an eine alte Affäre habe; ein älterer Mann wird am nächsten Tag operiert und will, dass seine jüngere Frau mit einem Bekannten nach seinem Tod zusammenkommt; eine religiöse Mutter streitet mit ihrem Sohn über ein Fantasy-Rollenspiel, das in seiner Darstellung von Schlangen blasphemisch sein soll; ein Mann verkauft zu Wucherpreisen schlecht funktionierende Heizungen aus China an arme Familien.

Was vereint die melancholischen, teils tristen bis trostenlosen Episoden von "Forest - I See Everywhere" miteinander? Vielleicht ist das die schuldzuweisende Grundstimmung der Protagonist*innen und die einscheidenden Schmerzen, die aus den Schuldzuweisungen folgen. Gesundheitliche Dispositionen spielen eine große Rolle, zum Beispiel Krebs oder die biologische Einschränkung, keine Kinder zu bekommen. Die Familie als Schmerztreiber steht im Kern der Geschichten. Zeig mir deine Menschen, und ich sage dir, wie es um dein Land bestellt ist. Wenn "Forest" von Regisseur Fliegauf als Bestandsaufnahme der ungarischen Gesellschaft gedacht ist, sind dort aktuell vor allem negative Gefühle vorherrschend. Selbst der Sex ist schuldbeladen und flüchtig. Viele Drogen sind im Spiel, Gewalt eskaliert aus dem Nichts. Zum Schluss gibt es in dem intensiv gespielten Drama zumindest einen Hoffnungsschimmer in Form eines hochgezogenen Rollladens, der die Sonne ins Zimmer lässt.

Michael Müller