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BERLINALE REVIEW: "Blutsauger" (Encounters)

Julian Radlmaiers marxistisch angehauchte Meta-Horror-Komödie "Blutsauger" gehört zu den Highlights im diesjährigen Encounters-Wettbewerb der Berlinale. Lesen Sie hier unsere Besprechung.

03.03.2021 14:00 • von Michael Müller
Lilith Stangenberg (l.) und Alexander Herbst in "Blutsauger" (Bild: faktura film)

Es geht also wiedermal ein Gespenst in Europa um. Angetrieben von Pop-Philosophen wie dem Slowenen Slavoj Zizek und den Ausschweifungen des Kapitalismus ist das für die jüngere Generation auf ein Neues die Idee des Marxismus. Der in Nürnberg geborene Filmemacher Julian Radlmaier zeigte sich von dem Thema schon in seinen ersten Arbeiten und dem Debütfilm "Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes" vor einigen Jahren in der Sektion Perspektive Deutsches Kino auf der Berlinale fasziniert, ohne aber die kritischen Aspekte auszusparen. Sein neuer, mit leichter Hand und sanftem Humor erzählter Vampir-Historienfilm "Blutsauger", den faktura film produziert hat und der Verleih Grandfilm in die deutschen Kinos bringen wird, ist besonders.

Schließlich beginnt der Film mit einem Marxisten-Lesezirkel am Strand, der die mythologische Figur des Vampirs anhand von Karl Marx' Klassiker "Das Kapital" mit Kapitalisten in Verbindung bringt, welche die Arbeiterklasse bei der Ausbeutung regelrecht aussaugen würden. Zudem herrscht in Radlmaiers "Blutsauger", der im Encounters-Wettbewerb der Berlinale läuft, eine Gleichzeitigkeit von Epochen vor. Die Handlung spielt zwar im einem deutschen Ostseebad des Jahres 1928. Wiederholt sind aber Gegenstände wie Coca-Cola-Dosen oder moderne japanische Motorräder im Setting auszumachen, die ganz bewusst dort spielerisch angeordnet sind - um die alte Zwanzigerjahre mit den neuen Zwanzigerjahre abzugleichen und den Einfluss des Kapitalismus auf die Gegenwart zu unterstreichen.

Die junge adelige Fabrikbesitzerin Octavia Flambow-Jansen (Lilith Stangenberg) nimmt zum Spaß den vermeintlichen russischen Baron Ljowuschka (Alexandre Koberidze) bei sich im Anwesen auf. Wie sich aber schnell herausstellt, ist der eigentlich mittelloser Filmschauspieler, den der berühmte sowjetische Montagemeister Sergei M Eisenstein aus seinem Revolutionsfilm "Oktober" herausschneiden musste, weil Stalin wegen Ljowuschkas Trotzki-Rolle intervenierte. Die Fabrikbesitzerin will sich in ihrer Ostsee-Villa wiederum eigentlich nur an den Schauergeschichten über die blutigen Aufstände der russischen Bauern gegen den Adel delektieren und selbst einen kleinen Strandfilm mit dem falschen Baron drehen. Gleichzeitig geht aber auch ein Vampir in der Ortschaft umher und hinterlässt seine blutigen Spuren. Der Adel und die Lokalpresse wollen den Arbeitern in der Fabrik die Halsbisse aber als chinesische Flohbisse verkaufen, die Folge der mangelnde Hygiene seien.

Diese Vampir-Komödie handelt mindestens genauso sehr von der Gegenwart wie der Weimarer Republik. Sie zeigt, wie sich in der Geschichte politische Bewegungen und Ideen wiederholen und sich die Systeme doch gleichen. Dabei erzählt Radlmaier trotz Vampire, Leichen und Kapitalisten sehr entspannt und ohne in diesem Fall einengende Dramaturgie. Im Gedächtnis bleiben die wundervollen Strandbilder, die mit ihren sehnsuchtsvoll in die Ferne schauenden Protagonist*innen mehrfach an Caspar-David-Friedrich-Gemälde erinnern; sowie die unbändige Spiellust von Lilith Stangenberg als Mensch, der eigentlich materiell alles hat und gerade dagegen familiär revoltieren will. Der Humor ist leicht und zum Schmunzeln. Die Geschichte ist in verschiedene Kapitel eingeteilt, die sich jeweils auf eine Figur besonders konzentrieren. Am witzigsten dabei sind wohl die Einlassungen von Octavia Flambow-Jansens Diener Jakob (Alexander Herbst), den sie neudeutsch immer ihren persönlichen Assistenten nennt und erfolglos das Du anbietet. Als der Diener zur für den russischen Gast bestimmten Lektüre von Marcel Proust greift, versucht er sich anschließend als weniger begabter Literat und Tagebuchschreiber, der über die Liebe zu seiner Chefin im verwirrten Off-Kommentar zu philosophieren beginnt.

War Radlmaiers vorangegangener Film "Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes" vielleicht genauso stark von Karl Marx wie von Wes Anderson in seiner Bildgestaltung, dem Figureneinsatz oder der Erzählweise inspiriert, wirkt "Blutsauger" jetzt noch eigenständiger, runder und noch mehr von seiner eigenen Handschrift geprägt. Er war gleichzeitig Regisseur, Drehbuchautor und Editor. Viele der Schauspieler*innen aus dem "Bürgerlichen Hund" sind geblieben. Sein falscher Baron Alexandre Koberidze hat es mit seinem eigenen Film "Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?" sogar in den diesjährigen Berlinale-Wettbewerb geschafft. Nur Radlmaier selbst ist dieses Mal nicht vor der Kamera zu finden. "Blutsauger" ist eher ein Meta-Horror geworden und wird für gestrenge Fantasy-Filmfest-Stammgäste, die nach Gekröse gieren, vermeintlich zu ereignislos sein. Für alle anderen gibt es hier aber viel zu entdecken. Es ist ein Komödie zum Treibenlassen und Genießen. Das Ganze besitzt auch keine Bekehrungsaspekte für den Marxismus. Es kokettiert damit und regt eher dazu an, sich überhaupt mit dieser Lehre genauer auseinanderzusetzen.

Michael Müller