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BERLINALE REVIEW: "Albatros" (Wettbewerb)

Der preisgekrönte Filmemacher Xavier Beauvois gibt sein Debüt im Wettbewerb der Berlinale mit einem packenden Drama, das von der Tragödie eines Mannes und eines Landstrichs erzählt. Hier unsere Besprechung.

02.03.2021 19:29 • von Heike Angermaier
Jérémie Renier in "Albatros" (Bild: Guy Ferrandis)

Der preisgekrönte Regisseur, Drehbuchautor und SchauspielerXavier Beauvois gibt sein Debüt im Wettbewerb der Berlinale mit einem packenden Drama, das von der Tragödie eines Mannes und eines Landstrichs erzählt. Hier unsere Besprechung.

Für die Touristen ist die Gegend von Étretat in der Normandie ein Idyll, die Felsküste mit dem Torbogen und der Felsnadel ein Postkartenmotiv, vor dem Paare Hochzeitsfotos machen lassen. Zu Anfang des neuen Films von Xavier Beauvois fällt einem solchen ein Selbstmörder ins Bild. Drastischer kann man den Kontrast nicht zeigen, wie sich die Realität, dort zu leben, für die Einheimischen anfühlt, die von der Landwirtschaft abhängig nur Schulden, keine Perspektive haben. Beauvois' Hauptfigur, Polizist Laurent, will im Gegensatz zu vielen Anderen aus der Gegend, die einfach nur weg wollen, endgültig dort bleiben, seine langjährige Lebensgefährtin, mit der er ein Kind hat, heiraten. Doch seine Arbeit belastet ihn. Als er wegen eines Todesfalls bei einer Festnahme suspendiert wird, droht auch ihm der Absturz.

Beauvois zeichnet in diesem Mix aus psychologischem, Polizei- und Sozialdrama das Schicksal eines Mannes ebenso wie das eines ganzen Landstrichs als Tragödie. Die Landschaft, Küste, Meer, ist hier mehr als Kulisse und Mittel zum Zweck die Gefühlslage seines Protagonisten zu verdeutlichen. Auch wenn sie von Beauvois und seinem Kameramann Julien Hirsch perfekt dazu genutzt wird. In der ersten Hälfte von Albatros" - so heißt die dortige Küste und das Segelschiffmodell, das Laurent von seiner Mutter erbt - wird vor allem der zermürbende Polizeialltag ähnlich authentisch und nahe wie in polizei" geschildert. Danach verschiebt sich der Fokus ganz auf das psychologische Drama, das Beauvoir zuvor dezent eingefädelt hat. Er drückt kräftig auf die Tube, variiert am Ende noch einmal das Genre, als Laurent abhaut und mit dem Boot ganz weit rausfährt.

Beauvois gelingt ein packendes Drama, wenn auch nicht so subtil und zwingend wie sein Meisterwerk "Von Göttern und Menschen". Bei so einem besonderen Film ist der Vergleich vielleicht unfair. Intensive Momente gibt es auch hier, etwa in der zentralen Szene, wenn plötzlich alles ganz still wird, niemand sich bewegt und Laurent auf die Leiche des Mannes schaut, den er eigentlich vor dem Selbstmord bewahren wollte. Das ist präzise inszeniert und von Hauptdarsteller Jérémie Renier ebenso gespielt, der hier überhaupt erneut eine reife Leistung abliefert. Auch Marie-Julie Maille, regelmäßige Mitstreiterin von Beauvois als Koautorin, Editorin und Schaupielerin sowie Partnerin, und Madeleine Beauvois als Mutter und Tochter, die sie auch im realen Leben sind, glaubt man jeder Zeit ihre enge Bindung zu Laurent. Eine besonders berührende Szene ist, wenn die Tochter ihren Filmvater umarmt, ihn trösten will. Auch der Regisseur selbst hat einen Gastauftritt, als betrunkener Randalierer.

Heike Angermaier