Festival

BERLINALE Review: "Herr Bachmann und seine Klasse" (Wettbewerb)

Eine fast vierstündige Doku im Wettbewerb der Berlinale: "Herr Bachmann und seine Klasse" von Maria Speth ist eine Wucht, ein Must-see-Ereignis, das einem zumindest für die Laufzeit den Glauben an die Menschheit zurückgibt. Hier unsere Besprechung.

02.03.2021 13:19 • von Thomas Schultze
Für das Leben lernen wir in "Herr Bachmann und seine Klasse" (Bild: Grandfilm)

Eine fast vierstündige Doku im Wettbewerb der Berlinale: "Herr Bachmann und seine Klasse" von Maria Speth ist eine Wucht, ein Must-see-Ereignis, das einem zumindest für die Laufzeit den Glauben an die Menschheit zurückgibt. Hier unsere Besprechung.

Aus Marokko, Rumänien, Bulgarien, Kasachstan, Russland, Brasilien, Sardinien, der Türkei und auch Deutschland stammen die zwölf- bis vierzehnjährigen Kinder, die die Klasse 6b der Georg-Büchner-Schule im hessischen Stadtallendorf in der Nähe von Marburg besuchen. Ihr Lehrer Dieter Bachmann ist ihr Bezugspunkt, ein Mann kurz vor der Pensionierung, der so gar nicht aussieht und sich benimmt, wie man sich einen Pauker gemeinhin vorstellt. Trägt AC/DC-T-Shirts, Kapuzenpullover, Strickmützen. Und spricht mit den Kindern ruhig und besonnen, nimmt sie ernst, interessiert sich für sie, ihre Interessen und Nöte, bringt sich immer auch als Mensch ein. Vor allem aber involviert er sie, bezieht sie ein in eine Atmosphäre des Vertrauens, immer wieder spielt Musik eine integrierende Rolle: Es ist anrührend, Kids aus unterschiedlichsten Kulturkreisen zu sehen, wie sie gemeinsam "Smoke on the Water" spielen, einen fast 50 Jahre alten Song, der mit ihrem Leben beim besten Willen nichts zu tun hat, außer dass er sie eint und eine Sprache sprechen lässt.

Keine Talking Heads reden in die Kameras, kein Off-Kommentar erklärt Hintergründe, keine Statistiken oder Diagramme werden eingeblendet. Als Orientierung dienen Totalen aus der Gegend, von der Landschaft, der Stadt, von Straßen und Gebäuden, gefilmt in extremem Breitwandformat. Sie bieten alle unterstützenden Informationen, die man braucht. Industriegebiet, 70 Prozent Immigrantenanteil, Integration eine Priorität. Alles weitere erfährt man in den Gesprächen von Herrn Bachmann mit seinen Schülern, der sie ermuntert, über ihre Familien zu erzählen - und den Film damit mehr über das Leben als Einwanderer in Deutschland erzählen lässt, als es kluge Zahlenkolonnen könnten. Nichts ist forciert in diesem Film, und doch ist es spannend, wie dieser engagierte und endlos geduldige Mann um jeden seiner Schüler kämpft und hofft, ihnen das Rüstzeug für ihr Leben als Erwachsene in Deutschland mitzugeben. Gewiss, ein bisschen Sitzfleisch muss man mitbringen: Knapp vier Stunden dauert der fünfte Film (und dritte Dokumentarfilm) von Maria Speth, die vor sieben Jahren ihren letzten Film, "Töchter", im Forum der Berlinale vorgestellt hatte. Man freut sich über jede einzelne Minute der Laufzeit, weil man angewandte Menschlichkeit selten in einer solchen Reinform erleben kann.

Thomas Schultze