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BERLINALE REVIEW: "Introduction" (Wettbewerb)

Ein Jahr nach dem Gewinn des Silbernen Bären für die beste Regie stellt Hong Sangsoo sein nächstes Werk im Wettbewerb vor. Auch dieses ist ein kleines Filmgedicht, auf das man sich einlassen muss, wenn auch nicht so charmant wie der Vorgänger.

02.03.2021 16:02 • von Heike Angermaier
"Introduction" vom Bärengewinner Hong Sangsoo (Bild: Jeonwonsa Film)

Nur ein Jahr nach dem Gewinn des Silbernen Bären für die beste Regie stellt Hong Sangsoo seinen nächsten Film im Wettbewerb der Berlinale vor, bei dem wie gewohnt fast alles aus seiner Hand ist. Der koreanische Autorenfilmer übernahm erneut neben Regie, Drehbuch und Produktion auch Kamera, Schnitt und Musik selbst. Seine Muse Kim Min-hee, die 2017 den Silbernen Bären für ihre Darstellung in Hongs On the Beach at Night Alone" erhielt, übernimmt hier eine kleinere Rolle als Künstlerin, die in Berlin lebt, und unterstützt bei der Produktion.

In Schwarz-Weiß oder besser in winterlich-verhangenen Grautönen erzählt Hong locker in Kapiteln unterteilt, von einem jungen Paar, das sich trennt und zufällig wiedersieht. Dabei sieht man von der Beziehung nicht viel, am Anfang eine ganz kurze Verabschiedung, dann ein kurzes Treffen in Berlin, wo die junge Frau studieren will, und das zufällige Wiedersehen an einem Strand, wo sie feststellt, dass sie vielleicht hätten zusammenbleiben sollen, sie aber damals nicht anders konnte als ihn zu verlassen.

Hong erzählt auch eher vom Leben an sich, das einfach passiert, sich immer anders entwickelt als von den Jungen gedacht und von deren Müttern für sie erhofft, und von der menschlichen Natur. Er greift nicht auf konventionelle Spannungsdramaturgie zurück, sondern erzählt inspiriert von den Filmemachern der Nouvelle Vague ganz beiläufig, nonchalant. In ruhigen Einstellungen lässt er seine Protagonisten miteinander reden, meist zu zweit, meist rauchend, meist über Alltägliches. Dazwischen scheinen Poesie, tiefere Wahrheiten auf. Durch den Film weht Melancholie, auch ein Hauch Humor, weniger als etwa in seinem preisgekrönten und charmanteren "The Woman Who Ran".

Überhaupt muss man sich auf "Introduction" einlassen, sonst kann er einem trotz seiner knappen Laufzeit von 66 Minuten lange vorkommen. Doch wer es tut, kann den Film als Filmgedicht wahrnehmen, die kleinen Momente genießen. Der schönste Moment ist, wenn der junge Protagonist, der nach dem Willen seiner Mutter hätte Schauspieler werden sollen, es aber nicht tut, weil er keine Frauen umarmen will, die er nicht liebt, am Ende des Films wunderbar unberechenbar ins winterkalte Meer springt. Ein optimistischer Moment voller Lebenslust.

Heike Angermaier