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BERLINALE REVIEW: "Vi", "Nous", "Moon, 66 Questions" (Encounters)

Drei Kurz-Reviews zum Encounters-Wettbewerb: Liebe und Essen machen in Ho-Chi-Minh-Stadt, Vaterpflege in Griechenland und einen Blick auf die diverse Pariser Gesellschaft.

02.03.2021 06:52 • von Michael Müller
Einer der Berlinale-Filme, der bleiben wird: "Vi" von Le Bao (Bild: E&W Films, Le Bien Pictures, Deuxième Ligne Films, Petit Film, Senator Film Produktion)

"Vi" aka "Taste" des vietnamesischen Regisseurs Le Bao aus dem Encounters-Wettbewerb ist ein ganz besonderer Film geworden. Sicherlich ist der junge Filmemacher mit seinem Langfilmdebüt dem sogenannten Slow Cinema zuzurechnen, dem zum Beispiel auch der letztjährige Wettbewerbsteilnehmer Tsai Ming-liang angehört: Lange und starre Einstellungen ohne Schnitte und nahezu keinen Dialog, um die Menschen bei der alltäglichen Arbeit dokumentarisch beobachten zu können. Olegunleko Ezekiel Gbenga spielt in "Vi" den nigerianischen Immigranten Bassley, der in Ho-Chi-Minh-Stadt strandet. Eigentlich wollte er hier eine Fußballkarriere starten, um seine Familie in der Heimat zu ernähren. Jetzt hat er aber ein gebrochenes Bein und wird fristlos von seinem Klub entlassen. Neue Arbeit findet er bei vier vietnamesischen Köchinnen, die in einer Art Nudisten-Kommune wohnen. Die erinnert wiederum architektonisch mit ihren kahlen, abwaschbaren Räumen ein wenig an ein Escher-Gemälde oder auch eine Berliner Theaterbühne.

Dort entwickeln die fünf gemeinsam einen auch für die Zuschauer*innen letztlich doch hypnotisierenden Rhythmus aus Essen machen, Essen verzehren, Sex haben und Körperpflege - nicht immer unbedingt in dieser Reihenfolge, aber immer mit der gleichen routinierten Hingabe. Wenn sie alle später wieder in Kleidung zu sehen sind, fühlt sich das nach dieser Dauer geradezu befremdlich an. Das frühere Saigon als Lokalität bringt mit seine Fortbewegungsmitteln zu Wasser und zu Land auch ein wenig Endzeit-Flair in den kontemplativen Film. Was das Ganze zu bedeuten hat? Noch keine Ahnung, weil der Eindruck zu frisch ist. Aber es gehört auch wegen der gekonnten Inszenierung und dem Auge für Bildkompositionen jetzt schon zu den Ausnahme-Filmerfahrungen dieser Berlinale. Die Senator Film Produktion ist einer der Koproduzenten.

Im anderen Encounters-Wettbewerbsbeitrag "Moon, 66 Questions" ist gerade Sommer in Griechenland. Aber anstatt dass die schlacksige, rotblonde Artemis (Sofia Kokkali) die Freizeit mit ihren Freunden im Swimming Pool verbringt, kümmert sie sich um ihren Vater Paris (Lazaros Georgakopoulos). Der erlitt einen Schlaganfall und kann nach seinem Krankenhausaufenthalt weder gut sprechen, stehen oder laufen. Er ist auf ständige Hilfe angewiesen. Da sich aber die Familie schwer damit tut, eine Pflegerin oder einen Pfleger für ihn aufzutreiben, kümmert sich Artemis. Wobei ihr eigentlich die Intimität, dem nackten Vater ein Handtuch ins Bad zu bringen, bereits schon zu viel ist. Wer jetzt von Jacqueline Lentzous Langfilmdebüt das typische Coming-of-Age-Gebaren aus Selbstfindung und ersten sexuellen Erfahrungen erwartet, ist hier falsch.

"Moon, 66 Questions" handelt in seiner Geschichte mindestens genauso sehr vom angeschlagenen Vater wie von der heranwachsenden Tochter und vor allem ihrer Beziehung zueinander. Das unterstreicht Lentzous auch mit realen eigenen Homevideo-Aufnahmen aus den 1990er-Jahren, die immer wieder in den Film eingestreut werden und von denen man bis kurz vor Schluss noch nicht so recht weiß, was eigentlich deren Zweck ist. So anstrengend die Pflege des entfremdeten Vaters für die Tochter auch ist, so wohltuend sind alle kleine Ablenkungen wie geheime Einpark-Übungen in der Garage, Tischtennis-Einlagen mit den Freunden oder ein schneller Tanz, während sie mit dem Gartenschlauch den Boden säubert. Aber gerade auch die Annäherung der beiden über die Hilfebedürftigkeit des Vaters hat etwas zutiefst Berührendes. Zudem mündet "Moon, 66 Questions" in eine ganz fantastische Schlussszene.

Die mit dem César für den besten Kurzfilm 2017 ausgezeichnete Dokumentarfilmerin Alice Diop wiederum hat die kulturelle Diversität im Fokus, wenn sie Filme macht. Ihr neuestes Werk, die Dokumentation "Nous", mit der Diop das "Wir" einer vielfältigen französischen Gesellschaft meint, begleitet verschiedene Menschen in und um Paris: Die Kamera folgt einem Autoschrauber, einer Pflegekraft, die Senioren zu Hause ihre Pillen vorbeibringt, Jungen, die auf Pappen im Sommer den Hügel ihrer Siedlung herunterrutschen, Jugendliche, die im Park Wasserpfeife rauchen und Familien, die gemeinsam ein Feuerwerk bestaunen. Es gibt einen Besuch im Holocaust-Museum mit seinen Installationen. Dazwischen schneidet Diop aber auch Archivaufnahmen ihres eigenen Vaters, der aus dem Senegal nach Frankreich auswanderte. Auf die Frage, ob es die richtige Entscheidung war auszuwandern, fallen dem Vater nur positive Aspekte ein. Trotzdem war es dann sein Wunsch, sich im Senegal begraben zu lassen. Diop hinterfragt mit "Nous" als dritter Beitrag im Encounters-Wettbewerb ihr eigenes Bild von einer Heimat - was sie ausmacht und kostet. Als Klammer des Films dient eine ausschließlich weiße Jagdgesellschaft, die aber nicht vorgeführt wird, sondern Teil des Ganzen ist.

Michael Müller