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BERLINALE REVIEW: "Nebenan" (Wettbewerb)

Gleich mit seinem Regiedebüt ist Daniel Brühl im Wettbewerb der Berlinale gelandet: "Nebenan" mit Brühl und Peter Kurth in den Hauptrollen erzählt gewitzt vom Aufeinanderprall zweier grundverschiedener Männer in einer Eckkneipe in Berlin. Lesen Sie unsere Besprechung hier.

01.03.2021 21:00 • von Thomas Schultze
Psychokrieg: Peter Kurth und Daniel Brühl in "Nebenan" (Bild: Berlinale)

Gleich mit seinem Regiedebüt ist Daniel Brühl im Wettbewerb der Berlinale gelandet: Nebenan" mit Brühl und Peter Kurth in den Hauptrollen erzählt gewitzt vom Aufeinanderprall zweier grundverschiedener Männer in einer Eckkneipe in Berlin. Lesen Sie unsere Besprechung hier.

Wenn Daniel Brühl in seinem Regiedebüt einen international erfolgreichen Schauspieler spielt, der Daniel heißt, in Köln groß wurde, aber seit fast 20 Jahren in Berlin lebt, der seinen Durchbruch mit einem 2002 gedrehten "Stasifilm" feierte und mittlerweile Rollen für große Superheldenfilme angeboten bekommt, dann merkt man auf. Weil die Biographie des Daniel im Mittelpunkt der Handlung von "Nebenan" zumindest in diesen Punkten deckungsgleich ist mit dem Daniel, der den Film gemacht hat, läuft fortan vor dem geistigen Auge immer noch ein zweiter Film ab: Wenn all die biographischen Eckdaten übereinstimmen, wie sehr entsprechen sich der fiktive Daniel und der reale Daniel dann auch in den anderen Punkten? Nicht zuletzt deshalb eine interessante Frage, weil der Daniel im Film gleich am Anfang nicht übermäßig sympathisch ist und im Verlauf der Handlung der Verdacht, der Typ könne ein ziemliches Arschloch sein, immer weiter Nahrung erhält. Es ist ein cleveres Spiel mit den Erwartungen des Publikums und ein zusätzlicher Anreiz dranzubleiben, wenn die Hauptfigur zu Beginn des Films die superschicke Maisonettewohnung in Prenzlauer Berg hinter sich lässt.

Heute ist in London Vorsprechtermin für die Hauptrolle des Laser Angel in einem Hollywood-Blockbuster, mit der sich jegliches finanzielle Problem auf immer und ewig in Luft auflösen würde. Das Projekt ist streng geheim. Nur eine Seite aus dem Drehbuch liegt vor zur Vorbereitung. Um mehr in Erfahrung zu bringen, lässt Daniel alle Verbindungen spielen, parliert mühelos auf Englisch mit den Bigshots, deren Telefonnummer Siri selbstverständlich gespeichert hat. Bevor es zum Flughafen geht, macht Daniel Zwischenstopp in einer Eckkneipe. Nicht zum ersten Mal. Hauptsache weg von daheim. Mittelguten Kaffee trinken. Erinnert ihn an seine Eltern, sagt er der Frau hinter der Bar. Alles wie immer. Und doch ganz anders als sonst, weil ein Mann an einem Tisch, ein Stammgast offenbar, dem zusehend genervten Schauspieler ein Gespräch aufdrängt und dabei offenbart, nicht nur seine Filmografie genau zu kennen und scharf zu kritisieren, sondern mehr über ihn zu wissen, als ihm lieb sein kann.

Ein Two-Hander ist "Nebenan", in der Tradition von "The Dresser - Ein ungleiches Paar" oder Mord mit kleinen Fehlern", der Aufeinanderprall zweier zwei grundverschiedener Männer, die eigentlich nur zwei Dinge einen: Sie wohnen gegenüber voneinander im fünften Stück eines Altbaus, und sie können einander nicht ausstehen. Ein Psychospiel an mehr oder weniger einem Schauplatz. Ein Stellungskrieg, in dem um jeden Zentimeter gerungen wird, weil es auf einmal um alles gut. Brühl ist gut in der Rolle des arroganten Fatzkes, der entzaubert wird, Szene für Szene ein bisschen mehr, ein Ertrinkender, der manchmal glaubt, er würde wieder Oberwasser gewinnen, aber eigentlich immer weiter untergeht. Und Peter Kurth ist, inszeniert von Brühl, souverän als Mann von der Straße, der einmal die Gelegenheit hat, gegen die auszuteilen, für die er sonst unsichtbar ist. Klug haushaltet der Film mit seinen Kräften, lädt sich nicht mehr auf, als er tragen kann. Dafür sorgt auch das anspielungsreiche Drehbuch von Daniel Kehlmann (noch ein Daniel!), der die Geschichte nach einer Idee von Daniel Brühl ausgearbeitet hat und mit geschliffenen Dialogen diverse Themen streift, die virulent sind: Gentrifizierung, das Selbstbild von Männern in unserer Zeit, die Klammer zwischen Reich und Arm. Fein ist das Ergebnis geworden. Auch wenn man hoffen will, den Daniel im Film nicht wieder zu erleben. Der Daniel, der ihn inszeniert hat, darf dagegen bald wieder antreten.

Thomas Schultze