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BERLINALE REVIEW: "Ich bin dein Mensch" (Wettbewerb)

Mit "Ich bin dein Mensch" stellt Maria Schrader im Jahr eins nach "Unorthodox" erstmals einen Film im Wettbewerb der Berlinale vor - eine hinreißende romantische Komödie, die mit Fortlauf der Handlung immer tieferen Fragen nachgeht. Hier unsere Besprechung.

01.03.2021 19:00 • von Thomas Schultze
Roboterliebe: "Ich bin dein Mensch" von Maria Schrader (Bild: Berlinale)

Mit Ich bin dein Mensch" stellt Maria Schrader im Jahr eins nach Unorthodox" erstmals einen Film im Wettbewerb der Berlinale vor - eine hinreißende romantische Komödie, die mit Fortlauf der Handlung immer tieferen Fragen nachgeht. Hier unsere Besprechung.

Träumen Androiden von elektrischen Schafen? Eine Antwort auf Philip K. Dicks Frage gibt auch Maria Schrader nicht in ihrem neuen Film, ihre erste Arbeit seit der Netflix-Sensation "Unorthodox", die sie im vergangenen Jahr über Nacht international bekannt gemacht hatte. Aber man erfährt so manches andere, das man noch nicht wusste über Roboter und von dem man nicht ahnte, dass es einen interessieren könnte: Androiden, so lernt der Zuschauer, machen Hirschen keine Angst, können zu Fuß ohne Weiteres von Berlin nach Dänemark gehen, haben kein Problem damit, ein paar Tage bewegungslos zu warten. Und sie verstehen Menschen bisweilen besser als Menschen selbst, dann aber auch wieder nicht. Was der Ausgangspunkt ist für die Adaption der Erzählung von Emma Braslavsky, toll besetzt mit Maren Eggert und Dan Stevens, die beginnt wie eine High-Concept-Rom-Com, mit zunehmender Dauer aber immer unerwartetere Wege geht und sich auf und ganz gar nicht triviale Weise mit zutiefst philosophischen und ethischen Fragen auseinanderzusetzen beginnt. Anfangs könnte "Ich bin dein Mensch" auch von Richard Curtis stammen. Später nicht mehr.

Um sich die Finanzierung für ihre Forschungsarbeiten am Berliner Pergamonmusuem zu sichern, erklärt sich die Wissenschaftlerin Alma bereit, drei Wochen lang mit einem humanoiden Roboter zu leben, der ganz auf ihre Interessen und Vorlieben programmiert ist: Sie soll evaluieren, ob es empfehlenswert ist, diese Roboter als mögliche Lebenspartner für Menschen zuzulassen. Tom heißt dieser Android, er hat strahlend blaue Augen und spricht mit einem leicht britischen Akzent, er ist charmant und jederzeit bereit, seinem Menschen jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Wenn der es nur zulassen würde. Alma hat kein Interesse an dem Androiden, verbannt ihn in die Besenkammer und hat ehrlich gesagt genug um die Ohren in ihrem Leben, das mehr aus den Fugen geraten ist, als man anfangs ahnen würde. Wenn sich die beiden nicht annähern würden, hätte man keinen Film. Aber wie sie es tun und was "Ich bin dein Mensch" daraus entwickelt, ist immer überraschend. Gerade noch wird verhandelt, warum "Epic Fails" auf YouTube lustig sein sollen. Und schon sieht man sich konfrontiert mit den großen existenziellen Fragen, weil geklärt werden muss, was uns als Menschen ausmacht, die zwar nach der Perfektion streben mögen, die Tom bereits verkörpert, aber doch gezwungen sind, genau daran zu scheitern. Glücklich sein kann nur, der weiß, dass dieses Gefühl endlich ist.

Wie schon bei Vor der Morgenröte", ihrem wunderbaren Film über Stefan Zweig, arbeitete Maria Schrader wieder mit Jan Schomburg am Drehbuch, der als Regisseur und Autor gerade erst mit Der göttliche Andere" seine eigene Variante einer romantischen Komödie vorgelegt hatte. In Bezug auf "Ich bin dein Mensch" wirkt der Film rückblickend wie ein Probelauf. Auch hier diente eine High-Concept-Idee als Katalysator für das Durchspielen größerer menschlicher Themen. Bei "Ich bin dein Mensch" greifen die Zahnräder jetzt feiner ineinander, wird die bloße Freude an der Story scheinbar mühelos ausbalanciert mit den tieferen Fragestellungen. Sie sind der Trigger für den großartigen letzten Akt, der den Film an Orte in der menschlichen Seele schickt, den nur die wenigsten romantischen Komödien anstreben. Das kann nur funktionieren, wenn die beiden Hauptdarsteller miteinander harmonieren: Maren Eggert und Dan Stevens spielen die Annäherung von Mensch und Maschine so punktgenau und überzeugend, dass man ihnen auch dann folgen würde, wenn der Film nicht so gut wäre wie er ist, dessen Momente sich hoffentlich nicht in der Zeit verlieren werden, wie Tränen im Regen.

Thomas Schultze