Produktion

BERLINALE REVIEW: "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" (Wettbewerb)

Dominik Graf verfilmt Erich Kästner. Das lässt Großes erwarten. Die Erwartungen werden erfüllt. "Fabian und Der Gang vor die Hunde" mit Tom Schilling und Saskia Rosendahl ist ein frühes Highlight im Wettbewerb der Berlinale. Hier unsere Besprechung.

01.03.2021 19:00 • von Thomas Schultze
Tom Schilling spielt Kästners "Fabian" (Bild: Berlinale)

Ein Versprechen: Dominik Graf verfilmt Erich Kästner. Das lässt Großes erwarten. Die Erwartungen werden erfüllt. Fabian oder Der Gang vor die Hunde" mit Tom Schilling und Saskia Rosendahl ist ein frühes Highlight im Wettbewerb der Berlinale. Hier unsere Besprechung.

Da dreht der Graf zum ersten Mal seit acht Jahren wieder einen Kinofilm, denkt man sich noch vor dem Erlöschen der Lichter mit einem Blick auf den Kasch der Leinwand, und dann wählt er, der kompromisslose Virtuose des deutschen Films, ausgerechnet das klassische Fernsehformat für seine Bilder? Dann wird es dunkel, der Film startet, und man wird eines Besseren belehrt, überrollt von so purem Kino, von so fiebernden und pulsierenden Bildern, dass man sich festhalten muss am Kinosessel. Und natürlich, auch das muss gleich festgehalten werden, handelt es sich nicht um Fernsehformat, 1,37:1, sondern 1,33:1, also das gängige Kinoformat der Zeit, in der "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" spielt, Dominik Grafs Verfilmung des 1931 erschienenen Romans von Erich Kästner. Es ist ein Format, in dem sich die Figuren nach oben recken können, aber schnell an ihre Begrenzungen stoßen, wenn sie sich seitlich in Bewegung setzen: eine zwingende Entsprechung der späten Weimarer Republik, in der der ausufernde Hedonismus der wilden Zwanzigerjahre, das Feiern-als-gäbe-es-kein-Morgen-mehr erschöpft wirkt, leer, mit einer Spur von Katzenjammer, während bereits die Schlägertrupps der SA für Law and Order sorgen auf den Straßen. Lange dauert es nicht mehr, und der Reichstag wird in Flammen stehen und kurz darauf das ganze Land.

Mit einer furiosen Kamerafahrt beginnt der Film. Ohne Schnitt bewegen wir uns in der Gegenwart die Treppen einer Berliner U-Bahnstation hinab, an zahlreichen Menschen vorbei den gesamten Bahnsteig entlang, um schließlich im Jahr 1931 zu landen, als man auf der anderen Seite wieder oben auftaucht. Mit ein paar Schritten hat Kameramann Hanno Lentz, der schon ein paarmal für Dominik Graf gearbeitet hat, insbesondere bei Hotte im Paradies", aber jetzt erstmals für einen Kinofilm des Filmemachers das Licht setzt, 90 Jahre durchmessen und damit im Handstreich klargemacht, dass die Gegenwart in der Vergangenheit von "Fabian" immer zum Greifen nah ist. Später treten Figuren einmal aus einem Haus auf die Straße und die Kamera erfasst am Boden die Stolpersteine vor dem Eingang, jene bronzefarbenen Plaketten, die seit 1992 die Erinnerung daran aufrecht halten, dass in unserer Mitte jüdische Mitbürger gelebt und dann deportiert und ermordet wurden. Ein muffiges Historienepos ist das nicht, mit gestärktem Kragen und ordentlichen Manieren. Was man in viel zu kurzen 180 Minuten sieht, hat Dringlichkeit, Kraft und Energie, Hier und Jetzt, hungrige Bilder eines mit 68 Lebensjahren unverändert hungrigen Filmemachers, der die Mittel seines Mediums ausschöpft, um ein Gefühl zu geben für eine Zeit, die gerade wieder in den Mittelpunkt des Interesses deutschen Filmschaffens rückt, ob mit Babylon Berlin" oder der Neuverfilmung von "Berlin Alexanderplatz". "Fabian. Die Geschichte eines Moralisten" ist ein Schlüsselwerk von Erich Kästner, das ursprünglich unter dem Titel "Der Gang vor die Hunde" hatte erscheinen sollen, dann aber gekürzt werden musste und mit neuem Titel weniger negativ wirken sollte - was nicht verhindern konnte, dass die Nazis den Roman als "entartet" erachteten und sich seiner bei den Bücherverbrennungen entledigte. Erst 2013 erschien erstmals der Roman, wie ursprünglich von Kästner vorgesehen.

Wolf Gremms erste Verfilmung von 1980, produziert von Regina Ziegler, gewann den Deutschen Filmpreis. Graf geht radikaler mit dem Stoff um, assoziativer, wilder, eindringlicher. Sein Dr. Jakob Fabian, den alle immer nur bei seinem Nachnamen nennen, wird gespielt von Tom Schilling. Er ist lange Zeit ein passiver Protagonist, aber dafür auch ein genauer Beobachter, der verfolgt, wie alles den Bach runtergeht und sein Leben damit: Anders als sein Kumpel Labude aus reichem Haus - Albrecht Schuch als Wirbelwind und Gegenpol zu Schilling - stürzt der Moralist sich nicht Hals über Kopf in die Laster der Zeit. Seine Anständigkeit kann allerdings nicht verhindern, dass er seine Anstellung als Werbetexter verliert und das Geld zum Leben immer knapper wird. Und sie hilft ihm auch nur so weit und nicht weiter, als er sich in die Bardame Cornelia verliebt, die sich außerdem als neue Nachbarin in seiner schrebbeligen Mietbude erweist und als Seelenverwandte obendrein: In einem wunderbaren Countdown hält die Liebe Einzug in den Film. Wenn er bei Null ankommt, ist es nicht nur um Fabian, sondern auch um den Zuschauer geschehen: Es ist unmöglich, sich nicht in Saskia Rosendahl zu verlieben, wie sie auf einmal da ist, mit ihrer coolen Kappe, die auch die Bardot in Viva Maria" tragen hätte können. Da sich von Liebe und Luft allein bekanntlich nur in romantischen Komödien aus Hollywood leben lässt, wird ihre Beziehung auf eine schwere Probe gestellt, als Cornelia von einem mächtigen Filmproduzenten in Aussicht gestellt bekommt, der nächste große Star seines Hauses zu werden. Zahllose Zigaretten müssen angesteckt und geraucht werden, bis Fabian, mittlerweile zurück in seinem Elternhaus in Dresden, sich durchringt, endlich doch noch für das zu kämpfen, was ihm wichtig ist.

Lakonisch und kommentierend lässt Graf von zwei Stimmen aus dem Off Originaltexte von Kästner einsprechen, fast unbeteiligt wirkende allwissende Erzähler fast wie bei Barry Lyndon", in die fiebrigen Aufnahmen mit verschiedenem Filmmaterial werden schwarzweiße Originalaufnahmen eingeschnitten, die ein quirliges Berlin zeigen, das noch nicht weiß, dass es vor die Hunde gehen wird. In einem 2009 erstmals veröffentlichten Aufsatz über Fassbinders Lili Marleen" erzählt Graf von einer Mitfahrerin auf dem Weg nach West-Berlin, die zu ihm sagte: "Wir sind die erste Generation, die vorbehaltlos auf die deutsche Geschichte schauen kann." Und sie dann aber auch wahrnimmt, wohin man auch tritt. Das Ergebnis ist Dominik Grafs Meisterwerk, das insofern Erinnerungen an Wolf of Wall Street" von Scorsese weckt, als in beiden Fällen erfahrenste Filmemacher alles auf eine Karte setzen, ihr gesamtes Können und Wissen in die Waagschale werfen, um ein Sittengemälde zu entwerfen, das einen Blick zurückwirft, aber mit beiden Beinen fest in der Gegenwart steht. Pietro Marcello - im diesjährigen Berlinale Special mit seiner Lucio-Dalla-Doku "Per Lucio" - hat vor zwei Jahren Ähnliches versucht mit seiner Jack-London-Verfilmung Martin Eden", die in Venedig im Wettbewerb lief und international gefeiert wurde. Grafs Film ist besser, geht weiter, zehrt vom enzyklopädischen Filmwissen seines Machers und dessen Lust an der unorthodoxen Erzählung - und hat mindestens ebenso lauten Beifall verdient. Mindestens.

Thomas Schultze