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EFM-Direktor Dennis Ruh: "Märkte bleiben ein People's Business"

Dennis Ruh ist neuer Direktor des European Film Market, der heute startet. Über die Herausforderungen der diesjährigen, ganz besonderen Ausgabe und Pro und Contra von Onlinemärkten spricht er hier.

01.03.2021 08:56 • von Barbara Schuster
Dennis Ruh ist neuer Direktor des European Film Market (EFM) (Bild: EFM 2020)

Dennis Ruh ist neuer Direktor des European Film Market, der heute startet. Über die Herausforderungen der diesjährigen, ganz besonderen Ausgabe und Pro und Contra von Onlinemärkten spricht er hier.

Ihr Start hätte Sie nicht vor größere Schwierigkeiten stellen können... Wie plant man einen internationalen Filmmarkt in Zeiten von Corona?

Als ich im September letzten Jahres meinen Posten angetreten habe, hatten wir noch einige Wochen die Vorstellung, eine hybride Veranstaltung anbieten zu können. Zu dem Zeitpunkt war uns natürlich schon bewusst, dass die große Reisetätigkeit im Februar nicht möglich sein würde. Bereits im Sommer hat das EFM-Team deshalb angefangen, die Onlineanwendungen mit zu entwickeln, samt Onlinescreenings und Onlineständen. Im Laufe des Herbstes kristallisierte sich heraus, dass wir uns von der hybriden Variante verabschieden mussten. Es galt nun, unter Lockdown-Voraussetzungen ein Konzept umzusetzen, das den größten Wert für die Branche hat. Klar war, dass das Bedürfnis nach einem Filmmarkt zum angestammten Termin im ersten Quartal da war. Das wurde mir in vielen Gesprächen, die ich mit Branchenmitgliedern führte, immer wieder bestätigt. Im Zuge der Überlegungen fiel die Entscheidung, die Berlinale in zwei Stufen zu veranstalten - im März das Branchenangebot mit dem EFM und den anderen Branchensektionen des Festivals, die Publikumsvorführungen im Juni, sobald es die Umstände zulassen. So fokussierten wir uns ab diesem Zeitpunkt auf die Etablierung eines reinen EFM-Onlinekonzepts.

Einige Festivals haben schon Erfahrungen gesammelt mit virtuellen Filmmärkten, siehe Cannes, Toronto oder jüngst Rotterdam. Inwiefern haben Sie sich mit Ihren internationalen Kollegen ausgetauscht?

Der Austausch fand auf alle Fälle statt. Zudem bringe ich durch meine Zeit bei German Films eine gewisse Erfahrung aus der anderen Perspektive mit, so habe ich u.a. für den Marktauftritt des deutschen Films beim Marché du Film in Cannes verantwortlich gezeichnet. Der Marché du Film fand vergangenes Jahr als erster großer Filmmarkt online statt. Dementsprechend waren alle Institutionen, die im Pavillon vertreten sind, in die Konzeption miteingebunden, beteiligten sich aktiv an der Gestaltung. Ich habe damals schon Gespräche mit Partner*innen und anderen Mitgliedern der European Film Promotion geführt und das Ergebnis evaluiert. Das Feedback der Marktteilnehmer*innen war einhellig: Auch ein Onlinemarkt kann effizient sein und seine Vorteile haben. Die Meetings starten pünktlich, man muss keine Zeit aufwenden, um von einem Kino zum anderen zu laufen, was im physischen Marktgeschehen hin und wieder für Verzögerungen in den Schedules sorgt. Bei einem Onlinemarkt ist alles genau durchgetaktet. Die Resonanz auf Cannes war positiv, die Zahlen lagen in etwa bei denen des physischen Markts. Nach Cannes habe ich mir das Online-Angebot von Toronto angeschaut und zuletzt das von Sundance. Die Kolleg*innen in Utah haben hervorragende Arbeit geleistet. Das System hat wunderbar funktioniert. Man merkt aber auch, dass sich die Onlineangebote weiterentwickelt haben, immer neue Formate einbezogen wurden und generell die Bestrebung da ist, neue Formate zu suchen und anzubieten.

Gibt es auch Schwachstellen?

Ein Punkt, der bei Onlinemärkten zu Anfang nicht so gut funktionierte, war der Bereich des Networking. Wie trifft man sich ohne ein im Voraus vereinbartes Meeting? Wie lernt man neue Kontakte kennen? Diese Aspekte sind online wesentlich schwieriger herzustellen. Gerade Neuankömmlingen im Markt, die nicht über ein großes Netzwerk verfügen, wird der Marktzugang damit erschwert. Mittlerweile existieren unterschiedliche Konzepte, wie diese Barrieren aus dem Weg geräumt werden und soziale Veranstaltungen während Onlinemärkten und Onlinefestivals stattfinden können. Unlängst habe ich bei IFFR Pro des Rotterdam International Film Festivals an den Closing-Night-Drinks teilgenommen. Dafür konnte man sich im virtuellen Event-Space wonder.me bewegen und sich relativ spontan mit Leuten treffen. Das hat funktioniert und Spaß gemacht. Es vermittelte ein bisschen das Feeling, als stünde man am Petit Majestic in Cannes. So sehr uns die Corona-Pandemie auch vor große Herausforderungen stellt, sie ist sicherlich auch ein Innovationstreiber.

Vor welche Schwierigkeiten wurden Sie bei der Ausarbeitung des EFM als Onlinemarkt gestellt?

Größtenteils sahen wir uns vor technische Herausforderungen gestellt. Die Frage war: Wie schafft man es, das, was wir üblicherweise physisch umsetzen, in die Online-Welt zu übersetzen? Dabei ist klar, dass es sich nicht um eine Eins-zu-eins-Umsetzung handeln kann. Viele Dinge müssen neu durchdacht werden, weil der Online-Bereich andere Möglichkeiten bereithält. Nehmen wir die Market Screenings: Normalerweise gewährt der Market-Badge Zugang zu allen Market-Screenings. Priorisierte Käufergruppen hatten zudem Zugang zu den "buyers only screenings". Der Onlinemarkt ist wesentlich komplexer, gerade mit Blick auf die Rechtevergabe. Rechteinhaber können nämlich bestimmte Territorien blocken, für die sie die Rechte schon verkauft haben. Hierfür müssen technische Prozesse wirklich in die Tiefe gehen.

Sie starten die Initiative "EFM Goes Global" und ermöglichen damit Marktteilnehmern in verschiedenen Schlüsselmärkten, die Filme vor Ort im Kino zu sichten. Was waren die Herausforderungen, damit dieses Angebot auf die Beine gestellt werden konnte?

Das ist unsere physische Komponente, die wir dieses Jahr anbieten können. Das Angebot nimmt gut Fahrt auf. Es gibt ein sehr starkes Interesse der Verleiher*innen in besagten Territorien, an den Screenings teilzunehmen. In den Städten unserer "Market Hubs" arbeiten wir mit starken Partnern zusammen, die uns bei der Umsetzung helfen. Hierbei konnte ich auf das Netzwerk zurückgreifen, das ich aus meiner Vergangenheit mitbringe. In Tokio gewannen wir das Tokyo Film Festival und den dortigen Filmmarkt, in Australien arbeiten wir mit dem Melbourne Filmfestival und den Palace Cinemas zusammen, in São Paulo mit dem São Paulo Film Festival und in Mexico haben wir das IMCINE, das mexikanische Filminstitut, an unserer Seite. Das sind Partner, auf die wir uns verlassen können. Sie haben eine ähnliche Mission wie die Berlinale und der EFM und tragen die Kinokultur in ihrem Leitbild, stehen für das Sehen von Filmen im Kino als sozialen Raum und kulturelles Erlebnis. Das ist ein Aspekt, der mir bei dieser Initiative wichtig war.

Von Kinoschließungen sind diese Länder nicht (mehr) betroffen?

Nein, die Kinos dort sind geöffnet. In einigen Städten gibt es allerdings Beschränkungen hinsichtlich der Belegungszahlen. Daran halten wir uns selbstverständlich und arbeiten auch mit den jeweiligen Hygienekonzepten.

Welche Resonanz erhalten Sie von der Industrie? Wie sieht es bezüglich der Anmeldungen aus?

Die Resonanz aus der Branche ist sehr gut. Positiv ist, dass wir online mindestens genauso gefragt sind wie "on site". Momentan sieht es so aus, dass die Anmeldungen sogar noch höher liegen als 2020. Zum Stand 17. Februar können wir 780 Filme in Market-Screenings anbieten, mehr als im letzten Jahr. Insgesamt haben wir knapp 240 virtuelle Stände im Gegensatz zu 203 in 2020. Das Akkreditierungsniveau ist auf dem des Vorjahres, und wir haben insgesamt an den Ständen über 470 Firmen organisiert. Wirklich erfreut sind wir, dass wir sogar 200 neue Firmen gewinnen konnten, die bei uns ausstellen.

Das ist eine ganze Menge...

Im Onlinebereich sind die Zugangshürden einfach geringer. Es fallen die Reisekosten weg, die Preise für die Anmeldung sind geringer. So wird es auch für neue Firmen möglich, sich zu positionieren und auf dem EFM präsent zu sein.

Inwiefern verändert das die Kostenstruktur des EFM?

Wir haben dadurch natürlich weniger Einnahmen. Auf der anderen Seite haben wir auch weniger Ausgaben. Wir bauen keine Stände, sondern bieten lediglich Online-Pages an. Ein virtueller Filmmarkt hantiert natürlich mit einer anderen Kostenstruktur, wobei die Grundkosten eines Wechsels in die virtuelle Welt, der Neuaufbau und -ausbau einer umfassenden digitalen Infrastruktur für viele tausend Akkreditierte hoch sind und wiederum größerer Investitionen bedarf.

Und auch die Programmierung, die dahintersteckt, ist nicht unaufwändig...

Es war eine sehr komplexe, kostenintensive Programmierungsphase, mit sehr komplexen Rechtevergaben für die Market-Screenings, mit vielen neuen Angeboten, die wir an den virtuellen Ständen geschaffen haben. So können die Produzent*innen etwa ihre "Producers Profiles" selbst anlegen, können kommende Projekte ankündigen, für die sie noch Koproduzent*innen suchen. Auch unsere Marktteilnehmer*innen haben die Möglichkeit, ihren Content eigenständig zu verwalten und zu bearbeiten. Zusätzliche Fördergelder haben wir von der BKM aus dem Programm "Neustart Kultur" erhalten, das auch Förderung für kulturelle Digitalisierungsprojekte umfasst. Da passt ein Projekt wie der virtuelle EFM wie die Faust aufs Auge.

Vorzüge eines Onlinemarktes haben Sie bereits angesprochen, wie viel Arbeit dahintersteckt ebenfalls. Werden die virtuellen Elemente auch nach der Pandemie Bestand haben?

Das Digitale wird sicherlich eine bestehende Komponente des physischen Marktes bleiben. Davon bin ich fest überzeugt. Die geringere finanzielle Hürde macht einen (Online)Markt wesentlich inklusiver. Man kann auch kleineren Verleiher*innen Marktzugänge bereitstellen, die es aufgrund der Reisekosten nie auf die Filmmessen schaffen würden. Die digitalen Elemente werden sicherlich nicht nur beim EFM Bestand haben, sondern auch bei anderen Märkten, die momentan virtuelle Erfahrung sammeln konnten. Nichtsdestotrotz sind Festivals und Filmmärkte ein People's Business. Die Menschen werden wieder zu den physischen Märkten zurückkehren, wollen sich wieder treffen. Das Filmbusiness ist ein Business, das viel auf Vertrauen basiert. Dementsprechend ist das persönliche Treffen gewünscht und auch notwendig. Auch wenn die virtuellen Märkte effizient sind - die Spaßkomponente fehlt dann doch oft. Der zwischenmenschliche Kontakt oder das Treffen auf einem Empfang oder einer Premierenparty lassen sich online schwer abbilden.

Mit welchen Elementen wird der digitale Filmmarkt jenseits der "Market Screenings" ergänzt?

Eines vorweg: Bei der Überlegung, die Berlinale zweistufig zu fahren, war uns wichtig, dass die verschiedenen Festivalsektionen ihre Auswahl schon im Februar bekannt geben und im März während des EFM den Jurys zeigen - und wir diese im Markt präsentieren können. Es war uns wichtig, der Branche einen Anreiz zu geben und neue Filme im Angebot zu haben. Jenseits der Market-Screenings haben wir natürlich die virtuellen Stände als einen der Hauptbausteine. Darüber hinaus bieten wir unsere EFM Industry Sessions an, die unser komplettes Konferenzprogramm abdecken. Hier gibt es Think Tanks, Talks, Masterclasses zu allen möglichen Branchenthemen. Die bekannten EFM-Plattformen, die unterschiedliche Besuchergruppen ansprechen, haben dieses Jahr mit vereinten Kräften ein gemeinsames, reichhaltiges Programm auf die Beine gestellt. Ferner gibt es den Berlinale Series Market während des EFM, sozusagen als Markt im Markt. Wir widmen den Serien einen kompletten Tag, und der bekannte britische Serienschöpfer Russell T Davies, der mit seiner neuen Arbeit "It's a Sin" bei den Berlinale Series vertreten ist, wird eine Keynote halten. Zudem werden im Serienbereich diverse Showcases angeboten sowie das neue Label "Berlinale Series Selects", mit dem wir auf Serien-Highlights mit hohem kommerziellen Potenzial aufmerksam machen. In Kooperation mit dem Goethe-Institut launchen wir erstmalig einen Podcast, der sowohl Industry-Themen aufgreift, aber auch Felder abdeckt wie "Diversity & Inclusion", was einer unserer diesjährigen Schwerpunkte ist. Unser bewährtes Format EFM Startups hat es auch in die virtuelle Welt geschafft, und die Präsentation von zehn Start-up-Unternehmen, die technische Innovationen für die Filmproduktion vorstellen, findet im Onlinebereich statt. Der Fokus auf Produzent*innen ist auch bei den "Presentations" gegeben, innerhalb derer wir u.a. unter dem Header "Digitising the Business" das Thema digitale Vermarktung und digitale Produktion aufgreifen oder darlegen, wie und warum die Arbeit der Film Commissioners - gerade in Corona-Zeiten - von Nutzen sein kann. Als "Spaßkomponente" haben wir das "Revive"-Programm eingebaut, das kurze Yoga-Breaks und einen Workshop zum Thema "Well-Being" anbietet - eine Art Auszeit zwischen den Meetings und Screenings. Gerahmt wird das reichhaltige Programm durch unsere Eröffnungs- und Abschlussveranstaltung.

Der Serienbereich erhält in den letzten Jahren einen immer größeren Stellenwert. Was erwartet die Besucher dieses Jahr?

"Berlinale Series Market & Conference" nimmt eine zentrale Position ein. Ich würde es als Herzstück unserer Industry Sessions bezeichnen. Wir haben spannende Akteure mit ebenso spannenden Showcases, zudem bieten wir das Format "Upcoming Series from Germany" an. Es sind alle großen Player vertreten, auch die Streaminggrößen Netflix und Amazon. Die Serien bleiben ein wichtiger Teil bei uns. Gerade in Zeiten, wo Kinos geschlossen waren und sind, spielen serielle Formate eine große Rolle. Und der Serienhunger ist noch lange nicht gestillt.

Der Part "Country in Focus" wurde auf 2022 verschoben. Gastland ist Italien. Hätte das Format digital keinen Sinn gemacht?

Es hätte digital sicherlich auch eingebettet werden können. Wir haben uns mit unseren italienischen Partnern bewusst dazu entschieden, mit Italien ins Jahr 2022 zu gehen, um das italienische Filmschaffen in einem weniger kompakten Format auch wirklich feiern zu können. Dennoch ist Italien auch dieses Jahr ein wichtiger Teil unseres Marktes und spielt eine starke Rolle. Wir haben ganze 90 italienische Firmen und Institutionen, die bei uns ausstellen!

Gerne wird davon gesprochen, dass die Corona-Pandemie als eine Art Brandbeschleuniger bei den Umwälzungen im Kino/Filmbusiness fungiert. Was sind Ihrer Ansicht nach die herausfordernden Gegebenheiten mit Blick auf Filmmärkte und Festivals?

Die pandemische Situation stellt für Märkte und Festivals die größte Herausforderung - wie für alle anderen Branchenzweige auch. In vielen Ländern sind die Kinos nach wie vor geschlossen, in manchen, Deutschland einbezogen, gibt es noch nicht einmal eine Öffnungsperspektive. Die nächsten Monate bleiben spannend. Unter diesen Gegebenheiten hat sich die Rolle der Streamer weiter vergrößert. Dennoch können diese nicht allen Filmen ein Zuhause geben. Vor allem Arthousefilme tun sich schwerer, als noch vor einigen Jahren. Für diese bleiben die Verleiher*innen von zentraler Bedeutung. Unsere Aufgabe ist es, zukunftsfähige Konzepte zu erarbeiten. Mit Blick auf den EFM ist mir wichtig, auch unterjährig Angebote zu schaffen, wie etwa mit dem angesprochenen Podcast, der überdies nicht nur ein reines Marktpublikum ansprechen soll. Doch jetzt surfen wir erst einmal mit Vollgas auf der digitalen Welle - was den Vorteil generiert, einen breiteren Markt zu ermöglichen.

Das Gespräch führte Barbara Schuster