Festival

Die Berlinale-Chefs im Gespräch: "Es gab keine Alternative"

Morgen beginnt die 71. Berlinale, ausschließlich digital, mit reduziertem Programm, nur fünf Tage lang, als flankierende Veranstaltung zum parallel stattfindenden European Film Market. Im Juni soll ein Publikumsfestival vor Ort folgen. Die Berlinale-Leiter Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian erzählen vom aus der Not geborenen Festivalmachen.

28.02.2021 09:12 • von Thomas Schultze
Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian: "Wir wollten unbedingt eine Berlinale machen" (Bild: Alexander Janetzko / Berlinale)

Morgen beginnt die 71. Berlinale, ausschließlich digital, mit reduziertem Programm, nur fünf Tage lang, als flankierende Veranstaltung zum parallel stattfindenden European Film Market. Am Freitag werden die Gewinner des Wettbewerbs bekannt gegegeben. Im Juni soll dann ein Publikumsfestival mit Filmpremieren und der Preisverleihung vor Ort folgen. Die Berlinale-Leiter Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian erzählen vom aus der Not geborenen Festivalmachen.

Nachdem die Berlinale im vergangenen Jahr die letzte Filmgroßveranstaltung war, die weitestgehend unberührt war von Corona, geht die Pandemie nun auch an der Berlinale nicht vorbei: Warum haben Sie die aktuelle Konstellation gewählt?

MARIETTE RISSENBEEK: Wir wollten unbedingt eine Berlinale machen. Als es im Dezember jedoch so düster aussah mit der Pandemieentwicklung, hätten wir natürlich entscheiden können, die diesjährige Ausgabe abzusagen. Der Lockdown war gerade verlängert worden, die Prognosen sahen nicht gut aus, die Entwicklung war schwer kalkulierbar. Da wurde eine Absage als Option durchaus ernsthaft diskutiert. Es wäre sicherlich die einfachste Lösung gewesen. Aber das wollten wir auf keinen Fall. Bei unseren Überlegungen war es uns ungemein wichtig, und das haben wir von Anfang an auch so kommuniziert, dem Publikum in Berlin die ausgewählten Filme vor Ort auf der Leinwand zu zeigen. Es war uns ein Anliegen zu verdeutlichen, dass wir über Kinofilme reden und das Gemeinschaftserlebnis Kino vermitteln wollen. Angesichts der Situation, wie sie sich uns präsentierte, war klar, dass man diese Form der Präsentation frühestens zu Beginn des Sommers in Betracht ziehen konnte.

Warum dann nicht das gesamte Festival in den Juni verlegen?

MARIETTE RISSENBEEK: Wir haben ebenso gemerkt, dass es den vielen Filmen, die ausgewählt wurden, wichtig war, einen Weg zu finden, sich der internationalen Branche so früh wie möglich zu präsentieren, um im Anschluss in verschiedenen Ländern den Weg ins Kino zu finden. Zudem ist die Positionierung des European Film Market (EFM) zu Beginn des Jahres schon sehr wesentlich für das Arthouse-Kino, für das sich die Berlinale auch in besonderem Maße stark macht. Also wollten wir einen Weg finden, dass Festival und Filmmarkt einen Auftritt haben, um Flagge zu zeigen und sich zum jetzigen Zeitpunkt zum Kino zu bekennen.

Was erhoffen Sie sich von der Zweiteilung des Festivals, was konkret von der bevorstehenden "digitalen" Berlinale?

MARIETTE RISSENBEEK: Im Markt wurden für die digitale Ausgabe in diesem Jahr mehr Titel angemeldet als im Vorjahr. Uns zeigt das, dass die Produzent*innen und Verkäufer*innen von Filmen im Moment sehr dringend nach einer Plattform suchen, auf der sie ihr Produkt anbieten können. Der letzte große vorherige Markt war der American Film Market, und der fand bereits Anfang November statt, also vor vier Monaten. Das große Interesse am digitalen EFM Anfang März hat uns vor Augen geführt, dass dieses Angebot willkommen ist und angenommen wird. Wenn wir diese Veranstaltung, die wohlgemerkt aus der Not digital geboren ist und in dieser spezifischen Form hoffentlich nur dieses eine Mal stattfindet, hinter uns haben, müssen wir natürlich Kassensturz machen. Wie haben die Marktteilnehmer*innen den digitalen EFM erlebt? Was war das Resultat? Gleichzeitig muss man klar sagen: Es gab keine Alternative. Wenn man also im Frühjahr 2021 mit einem Filmfestival Präsenz zeigen will, dann ist das nur digital möglich.

Wie reagieren Produzenten, Weltvertriebe und Rechteinhaber auf die diesjährige Struktur? Gab es auch Titel, die wieder zurückgezogen wurden?

CARLO CHATRIAN: Die Entscheidung, ein Zwei-Stufen-Festival abzuhalten, war unsere. Aber natürlich haben wir uns mit allen involvierten Partnern abgestimmt, nicht nur mit den Behörden vor Ort, sondern auch den Produzent*innen und Rechtehändler*innen. Für manche Firmen funktioniert unser Angebot gut, für andere weniger. Oft werden große Festivals als Plattformen genutzt, um einen bevorstehenden Kinostart optimal bewerben zu können. Das kam in diesem Jahr nicht in Betracht, einfach weil es aktuell keine bevorstehenden Kinostarts gibt. Als wir unser Konzept für die zweistufige Berlinale vorstellten, ging ich davon aus, dass manche der Filme, die wir bereits in die engere Auswahl gezogen hatten, vielleicht einen Rückzieher machen würden. Ein bisschen überrascht war ich also schon, dass fast alle von uns eingeladenen Titel die Einladung auch annahmen. Ich muss annehmen, dass unser Angebot reizvoll war und die angebotene Plattform zusagte. Ich habe mit allen Filmemacher*innen persönlich gesprochen. Alle betonen, dass es ihnen wichtig ist, dass sie ihre Filme im Juni einem Publikum vor Ort vorstellen können. Wir müssen jetzt natürlich abwarten, ob sich das alles so umsetzen lässt, wie wir das geplant haben. Bisher bin ich zufrieden.

Inwiefern hat Corona Sie bei der Auswahl betroffen? Was war anders als in normalen Jahrgängen?

MARIETTE RISSENBEEK: Carlo hatte Reiseverbot, das ist doch klar. Er konnte nicht reisen, Filme sichten, Menschen treffen, wie das sonst üblich ist. Er musste alles online machen.

CARLO CHATRIAN: Der Auswahlprozess beginnt normalerweise im Sommer. 2020 haben wir sogar noch früher begonnen. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir bereits eine etwas reduziertere Ausgabe der Berlinale vor Augen, waren allerdings zuversichtlich, dass sie mit Kinovorführungen vor Publikum stattfinden könnte. Als wir im Herbst mit der zweiten Welle konfrontiert wurden, war klar, dass es schwierig werden würde, ein Festival in einer Stadt wie Berlin stattfinden zu lassen. Da waren wir aber bereits recht weit mit der Auswahl der Filme fortgeschritten. Ich würde sagen, dass wir etwa 50 Prozent der Titel ausgewählt hatten. Ob man es hinterher merken wird oder nicht, kann ich nicht sagen, aber es war eine doch sehr außergewöhnliche Situation, unter diesen Umständen mit der Zusammenstellung des Programms fortzufahren. Wir mussten pausieren, um Entscheidungen zu treffen, wie es mit der 71. Berlinale weitergehen würde, und nahmen dann den Sichtungsprozess wieder auf, jetzt mit dem Bewusstsein, dass das Festival in zwei Phasen stattfinden würde. Wie Mariette schon gesagt hat, mussten wir lernen, diese Arbeit ohne Reisemöglichkeiten zu erledigen. Auch der direkte Austausch im Auswahlkomitee war eingeschränkt. Man konnte sich nicht einfach treffen und an einen Tisch setzen.

Sie sind sehr präzise bei der Komposition der einzelnen Reihen und ihr Zusammenspiel miteinander. Welche Rolle hat die Pandemie dabei gespielt?

CARLO CHATRIAN: Wenn wir das Programm zusammenstellen, haben wir keinen Blick darauf, was für ein Bild sich am Ende ergeben wird. Das Kino ist ein Spiegel der Zeit, in der wir leben. Es ist also zwingend, dass die Pandemie bereits eine Rolle spielt in den Filmen, die wir zeigen - manchmal mehr, manchmal weniger, manchmal offensichtlich, manchmal andeutungsweise. Ich habe versucht, das in meiner Programmpräsentation anzusprechen. Wenn Sie die Auswahl Anfang März am Stück sichten, können Sie sich selbst ein besseres Bild machen, inwiefern die Pandemie sich im Filmschaffen niederschlägt. Meine Hoffnung ist, dass die Filme mehr zu bieten haben und über die Pandemie hinausreichen. Sie sollen uns Hoffnung spenden und uns erlauben, in die Zukunft zu blicken.

Hat die Pandemie Ihren eigenen Blick auf das Kino und die Filme verändert?

CARLO CHATRIAN: Das ist eine interessante Frage, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich Ihnen eine Antwort geben kann. Die Eindrücke sind alle noch sehr frisch; ich hatte noch keine Zeit, mir Gedanken zu machen. Natürlich macht es einen Unterschied, ob man einen Film in Gegenwart anderer Menschen sieht und deren Feedback erhält, wie es uns bei der Auswahl bis Mitte Oktober noch möglich war, oder ob man die Filme allein betrachtet, wie ich es notgedrungen nach der Unterbrechung im Oktober gemacht habe. Festhalten kann ich, dass ich nach Austausch und menschlicher Interaktion dürste. Ich hoffe, dass das im Juni möglich sein wird.

Auffallend in Ihrer Auswahl ist: Keine amerikanischen Filmemacher im Wettbewerb. Eine bewusste Entscheidung?

CARLO CHATRIAN: Im vergangenen Jahr waren zwei amerikanische Filme im Wettbewerb plus der Eröffnungsfilm, dieses Jahr ist kein amerikanischer Film dabei. Ich lehne Quoten ab. Bei jedem Film wägen wir ab, ob wir ihn haben wollen und in welche Reihe er am besten passt - unabhängig von seinem Produktionsland. Ich mag die amerikanischen Filme im diesjährigen Programm sehr - "French Exit" im Special zum Beispiel. Oder "Best Seller", der zwar keine US-Produktion ist, aber von seinen Stars, Michael Caine und Aubrey Plaza, getragen wird. In Encounters finden sich gleich drei amerikanische Filme. Ich finde, in diesen Reihen sind sie am besten aufgehoben, können sie ihre Wirkung am besten entfalten. Für den Wettbewerb habe ich nach etwas Anderem gesucht, deshalb ist in diesem Jahr kein amerikanischer Film dabei - aber nicht, weil ich keine amerikanischen Filme im Wettbewerb haben wollte.

Noch auffallender ist: Das deutsche Kino ist stärker vertreten denn je - fünf deutsche Filmemacher allein im Wettbewerb; vier weitere deutsche Titel im Special. Ist es ein besonders starker Jahrgang für das deutsche Kino?

CARLO CHATRIAN: Wir mögen jeden dieser Filme. Und natürlich freuen wir uns, wenn wir als deutsches A-Festival die deutsche Filmindustrie unterstützen können. Gerade in diesem Jahr wollten wir Flagge bekennen, weil uns natürlich bewusst ist, in welch einer schwierigen Situation sich deutsche Produzent*innen nach den letzten zwölf Monaten aktuell befinden. Gerne geben wir Filmen den nötigen Platz, die wir für sehr stark halten. Die Berlinale ist eine Plattform, die für Filmemacher auf der ganzen Welt wichtig ist, aber ganz besonders für den deutschen Film. Die Produzent*innen nahmen teilweise schon sehr früh Kontakt mit uns auf. Erste Titel wählten wir bereits im Sommer aus, weitere kamen im Herbst dazu. Die Bande zwischen dem deutschen Film und der Berlinale sind sehr eng, müssen sehr eng sein, wie es bei Cannes und dem französischen Film ist. Sehen Sie nur, wie viele französische Filme im letzten Jahr in der Sélection officielle zu finden waren. Der heimische Markt ist essenziell für diese Produktionen.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass die Berlinale vor Ort im Juni tatsächlich stattfinden kann? Selbst Cannes soll bereits darüber nachdenken, den Juli-Termin auf Oktober zu schieben.

MARIETTE RISSENBEEK: Ich kann selbstverständlich nicht für Cannes sprechen. Mein Verständnis ist aber, dass man dort vor Ort die große Version stattfinden lassen will, also Festival und Markt. Das ist eine eigene Größenordnung und stellt die Organisation vor zusätzliche Probleme. Für uns gehen wir davon aus, dass die Kinos in Deutschland nach Ostern wieder öffnen dürfen und wir unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln im Juni entsprechend im Kino spielen können. Zusätzlich zu den gängigen Kinos, mit denen wir in der Regel zusammenarbeiten, haben wir zu mehreren Open-Air-Spielstätten Kontakt aufgenommen und gehen Partnerschaften ein. Bis zu fünf dieser Spielstätten sollen zum Einsatz kommen, was eine größere Sicherheit gibt, dass wir tatsächlich Zuschauer und Zuschauerinnen empfangen können.

Wie reagieren die Sponsoren auf die Situation?

MARIETTE RISSENBEEK: Unsere langjährigen Partner haben sehr viel Verständnis bekundet. In den Verträgen mit den Sponsoren ist aber genau festgelegt, wie die Veranstaltung aussieht. Das ist in diesem Jahr völlig anders. Mit den Sponsoren stehen wir also vor einer einmaligen Situation. Mit jedem einzelnen stehen wir intensiv im Austausch und es gibt reges Interesse am Summer Special im Juni. Weil aber die Juni-Veranstaltung ihre endgültige Form noch nicht angenommen hat, wird es noch etwas dauern, bis das konkrete Engagement feststeht.

Wie wird sich die Situation in diesem Jahr auf die finanzielle Lage auswirken?

MARIETTE RISSENBEEK: Unsere Einnahmen werden deutlich niedriger ausfallen. Selbst in einem Best-Case-Szenario wird es uns nicht möglich sein, wie im vergangenen Jahr 330.000 Tickets zu verkaufen. Die Unterstützung der Sponsoren ist noch nicht geklärt, die ganze Veranstaltung ist noch nicht endgültig geplant. Auch die Einnahmen durch Akkreditierungsgebühren entfallen im Sommer, ebenso wie weitere Einnahmen, die mit einer physischen Veranstaltung verbunden sind. Die BKM hat zugesichert, uns aus dem Topf von Neustart Kultur für 2021 und 2022 zu unterstützen, sollten uns Finanzen zur Durchführung fehlen.

Wie wird Corona das Kino, wie das Filmschaffen, wie die Festivallandschaft nachhaltig verändern?

CARLO CHATRIAN: Das lässt sich unmöglich sagen. Wie jeder andere kann ich nur die Hoffnung äußern, dass diese Corona-Situation aufhören wird und sich endlich wieder Perspektiven auftun. Das Kino als gemeinschaftliches Erlebnis existiert aktuell nicht. Festivals brauchen diese gemeinschaftliche Erfahrung. Wenn wir Filme nur digital zeigen können, können wir uns natürlich weiterhin "Festivals" nennen. Aber wir würden uns in die Tasche lügen, weil das eine völlig andere Art von Event ist. Kino ist ein einzigartiges Erlebnis. Es wäre eine Tragödie, wenn diese Kultur sterben würde. Aber ich bin von Natur her Optimist. Deshalb gehe ich davon aus, dass die Kinolandschaft aufs Neue erblühen wird. Wie genau das allerdings aussehen wird, kann ich nicht sagen.

Können Sie perspektivisch schon etwas zur Berlinale 2022 sagen?

MARIETTE RISSENBEEK: Wir hoffen, dass die 72. Berlinale wieder in gewohnter Weise und in hoffentlich gewohntem Umfang stattfinden wird. Wir werden jedenfalls weiter über den Berlinale-Palast als Dreh- und Angelpunkt verfügen können. Der neue Veranstalter LiveNation hat uns entsprechend für die nächsten Jahre grünes Licht erteilt.

Das Gespräch führte Thomas Schultze.