Produktion

"Billie Eilish"-Regisseur R.J. Cutler: "Am Anfang stand Neugier"

Seit heute kann man auf Apple TV+ die Doku "Billie Eilish: The World's A Little Blurry" sehen. Wir unterhielten uns mit Regisseur R.J. Cutler, wie er den ungewöhnlichen Film drehen konnte.

26.02.2021 15:53 • von Thomas Schultze
R.J. Cutler (mitte im Hintergrund) beim Dreh der Billie-Eilish-Doku (Bild: Apple TV+)

Seit heute kann man auf Apple TV+ die Doku "Billie Eilish: The World's A Little Blurry" sehen. Wir unterhielten uns mit Regisseur RJ Cutler, wie er den ungewöhnlichen Film drehen konnte.

Wie sind Sie zu diesem Film gekommen?

R.J. CUTLER: Am Anfang stand für mich Neugier. Ich wurde eingeladen, Billie und ihre Familie bei sich zuhause zu treffen, in dem kleinen Hof, den man im Film sehen kann. Wir unterhielten uns ungezwungen und kamen überein, dass wir ein Jahr lang dokumentieren wollten, was in ihrem Leben vorfallen würde. Vom ersten Drehtag gab es nicht eine Sekunde, an dem ich meine Entscheidung, diesen Film zu machen, in Zweifel zog. Vom ersten Moment stand für mich fest, dass meine Neugier gerechtfertigt war, inspiriert von Billies Persönlichkeit, ihrem Verhältnis mit ihrer Familie und der Musik, die sie zusammen mit ihrem Bruder Finneas entstehen lässt. Es war eine einmalige Erfahrung, hautnah mit dabei zu sein und zu sehen, wie ihre Fans auf sie reagieren und wie sie Stück um Stück die Welt erobert. Während der gesamten Dreharbeiten musste ich mich zwicken, weil mir klar war, dass wir gerade etwas Besonderes miterleben.

Wann wurde Ihnen bewusst, dass ein mit 140 Minuten Laufzeit ungewöhnlich langer Film entstehen würde?

R.J. CUTLER: Es war exakt der Film, den ich machen wollte, der Film, wie ich ihn mir in meinen kühnsten Träumen vorgestellt hatte. Der Schnitt war ein Wahnsinnsakt - wir saßen mehr als einem Jahr im Schneideraum. Mir ist bewusst, dass der Film eine ganze Mahlzeit ist. Es war nicht so, dass ich mir ausgemalt hatte, einen 140 Minuten langen Film zu machen. Es stellte sich einfach heraus, dass genau das seine Laufzeit sein würde. Das muss man dann auch akzeptieren. Wissen Sie, an irgendeinem Punkt ist jeder Film während des Schnitts einmal 140 Minuten lang. Die meisten muss man dann noch weiter kürzen. Manche aber brauchen die Laufzeit, um ihre Geschichte bestmöglich zu erzählen. "Billie Eilish: The World's A Little Blurry" hätte nicht kürzer sein können.

Wenn man, wie Sie vor "The World's A Little Blurry", eine Doku über John Belushi dreht, hat man biographische Eckdaten, die einem Filmemacher vorgeben, wie er seine Arbeit gestaltet. Bei Ihrer Eilish-Doku war es dagegen Fliegen mit verbundenen Augen. Das Material, das man dreht, nährt das Narrativ. Was war Ihr Prozess?

R.J. CUTLER: "Belushi" war ein Archivfilm, "The World's A Little Blurry" folgt der Philosophie des Cinema verité. Die Arbeitsweise ist dabei eine völlig andere - tatsächlich könnte man die beiden Filme als Gegenteil voneinander betrachten. Bei "Belushi" ging es tatsächlich darum, eine Form für vorhandenes Material zu finden. Bei diesem Film folgten wir einfach dem Leben und ließen uns überraschen. Als Filmemacher hat man die Aufgabe, einen so klaren Blick wie möglich zu haben. Natürlich erlebt man die wichtigen Momente bewusst mit, die dem Film später eine Kontur geben werden. Aber zunächst sammelt man nur. Man hält fest. Man dokumentiert. Es ist wie Jazz, wie eine Improvisation. Die Struktur kommt später. Beim Schnitt entdeckt man, was man beim Dreh tatsächlich gesehen hat.

Der Film selbst erzählt Ihnen also, welche Form er annehmen will.

R.J. CUTLER: Wayne Gretzky ist der größte Hockeyspieler aller Zeiten. Alle haben sich immer gefragt, was ihn so gut machte. Als man ihn selbst später fragte, antwortete er: Ich habe immer versucht, dem Puck zu folgen. Das trifft unsere Arbeit an "The World's A Little Blurry" auf den Punkt. Wir haben immer versucht, dem Puck zu folgen.

Das Ergebnis erinnert an D.A. Pennebaker, insbesondere "Don't Look Back" über Dylans Englandtour im Jahr 1965.

R.J. CUTLER: "Don't Look Back" war das große Vorbild für die Verité-Szenen, stimmt. Und die Maysles-Brüder und deren "Gimme Shelter" für die Konzertszenen. Ich betrachte unseren Film als Musical: Wenn man einen Film über einen Musiker macht, muss die Musik den Ton angeben. Sie gibt uns den Rhythmus, die Stimmung. Unser großes Glück war, dass Billies Musik so außergewöhnlich eigen und großartig ist.

Wie macht man sich als Filmemacher so unsichtbar, dass man solch unmittelbare Aufnahmen einfangen kann?

R.J. CUTLER: Überhaupt nicht. Sehen Sie mich an: Ich bin ein Meter fünfundachtzig groß und, naja, nicht mehr der Spargel, der ich als Teenager mal war. Wenn ich mit zwei Freunden auftauche, einer mit Kamera und einer mit einem Boom-Mikro, dann ist das nicht zu übersehen. Unsere Absicht kann es nicht sein, unsichtbar zu sein. Unsere Absicht muss es sein, als Filmemacher in ein so organisches Verhältnis mit den Individuen in unserem Film zu treten, dass sie sich wohl fühlen und vergessen, dass wir da sind. Es kann kein anderes Ziel geben.

Bei den Aufnahmen in Finneas' Zimmer, wo man hautnah miterlebt, wie seine Schwester und er die Lieder entstehen lassen, die drei Jahre später bereits als Klassiker gelten, waren Sie aber nicht mit dabei?

R.J. CUTLER: Diese Aufnahmen sind ein Geschenk. Wir haben sie Billies Mutter Maggie Baird zu verdanken. Maggie hat als ausgebildete Schauspielerin und Schauspiellehrerin ein intrinsisches Verständnis für Filmemachen. Sie war es, die in Finneas' Zimmer eine GoPro-Kamera montiert hat und ihren Kindern sagte, sie sollten sie bei der Arbeit an ihren Liedern immer dann einschalten, wenn etwas Aufregendes passiert, das sie dokumentieren wollen. Ihnen war bewusst, dass etwas Besonderes passiert.

Es ist, als würde man zusehen können, wie "Revolver" oder "Pet Sounds" aufgenommen werden.

R.J. CUTLER: Lustig. Unsere Referenz war "Sgt. Pepper". Ja, irre, dass man Zeuge sein darf, wie sie miteinander kämpfen, den Songs ihre Form zu geben.

Gab es auch Dinge, die tabu waren für Sie.

R.J. CUTLER: Für Billies Familie nicht. Für mich schon. Wir durften die Kameras immer laufen lassen. Was nicht heißt, dass ich alles verwenden wollte. Ich habe eine Verantwortung als Filmemacher, das Vertrauen, das mir entgegengebracht wurde, nicht zu missbrauchen. Es gibt Grenzen, die sollte man nicht überschreiten, ungeachtet der Aufnahmen, die man im Kasten hat oder nicht.

Für wen ist der Film Ihrer Meinung nach gemacht: für die Fans von Billie Eilish oder für Leute, die weniger mit ihr vertraut sind?

R.J. CUTLER: Ich beantworte Ihre Frage mit einem klaren und deutlichen Ja.

Das Gespräch führte Thomas Schultze.