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Review: "Cherry - Das Ende der Unschuld"

Am 12. März feiert ein weiteres Filmereignis Premiere exklusiv auf Apple TV+: Die Russo-Brüder stellen mit "Cherry" mit "Spider-Man"-Star Tom Holland ihre erste Regiearbeit seit "Avengers: Endgame" vor. Hier unsere Besprechung.

25.02.2021 18:25 • von Thomas Schultze
Harte Drogen treiben Tom Holland in "Cherry" ins Verbrechen (Bild: Apple TV+)

Am 12. März feiert ein weiteres Filmereignis Premiere exklusiv auf Apple TV+: Die Russo-Brüder stellen mit "Cherry - Das Ende der Unschuld" mit "Spider-Man"-Star Tom Holland ihre erste Regiearbeit seit Avengers: Endgame" vor. Hier unsere Besprechung.

Harte und anrührende Saga von den Russo-Brüdern über eine Liebe im modernen Amerika, die von harten Drogen auf eine Probe gestellt wird.

Nachdem sie mit vier Marvel-Filmen in Folge (zweimal "First Avenger, zweimal "Avengers") zu den erfolgreichsten Filmemachern der letzten zehn Jahre avancierten, haben die Brüder Joe und Anthony Russo jetzt erstmals wieder einen Film gemacht, den auch Marvel-Kritiker Martin Scorsese als »Kino« bezeichnen würde - auch wenn er noch mitten in der Pandemie ausschließlich bei Apple TV+ laufen wird. Für die Russos markiert "Cherry - Das Ende der Unschuld" eben nicht nur eine filmische Heimkehr in ihre Heimatstadt Cleveland, wo sie zuletzt vor 19 Jahren "Safecrackers oder Diebe habens schwer" spielen ließen, der in der Quinzaine des Réalisateurs gelaufen war und den Brüdern den Durchbruch beschert hatte. Es ist auch eine Rückkehr zum persönlichen Filmemachen mit eigener Handschrift, aber eben auch ein mit allen technischen Schikanen realisiertes Projekt, gemacht mit jener Art von vor Kraft strotzendem Selbstbewusstsein, wie es der Erfolg mit sich bringt.

Wenn überhaupt lässt die Verfilmung des autobiographischen Romans von Nico Walker die Muskeln ein bisschen zu sehr spielen, walzen die Russos diese ganz persönliche Geschichte eines Irak-Veteranen, der traumatisiert aus dem Krieg heimkehrt und sich in harte Drogen flüchtet, die er mit Banküberfällen finanziert, etwas arg aus, auf üppige zwei Stunden zwanzig. Weniger wäre vielleicht mehr gewesen. Es will ein Epos sein, hätte aber kein Epos sein müssen. Der Film ist durchwegs kompetent und visuell ansprechend, bisweilen aufregend, er wird seinen Figuren und dem Sujet gerecht und könnte nicht lauter sein in seiner Anklage, wie die endlosen Kriege Amerikas die Opioid-Krise in den ruralen Gegenden des Landes befeuern und unschuldige Menschenleben auch an der Heimatfront brechen. Aber manchmal machen sich auch Längen bemerkbar bei diesem gut beobachteten Einzelschicksal, das stellvertretend steht für eine Generation junger Menschen in den USA, die vom Militär verheizt und Zuhause allein gelassen werden mit ihren Traumata und den unaussprechlichen Dingen, die sie an der Front miterleben mussten. Indem sie als Musik Songs der Woodstock-Ära einsetzen, von People's-Rock-Bands wie Grand Funk oder Mountain, schlagen die Russos eine clevere Brücke zu einer Zeit mehr als 20 Jahre früher als die Handlung ihres Films, als Vietnam ebenfalls unauslöschliche Narben schlug: Wer nicht aus der Geschichte lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. Nur dass die Drogenprobleme des Landes heute noch größer sind.

"Cherry" folgt dem Absturz seines titelgebenden Antihelden resigniert und mit einem Sinn für bitterbösen Humor. Gespielt von "Spider-Man" Tom Holland, der kurz nach "The Devil All the Time" unterstreicht, dass sein Schauspielerherz durchaus für die kleineren, dreckigen Geschichten schlägt, reißt sein ganzes Umfeld mit in den Abgrund, neben einem Sammelsurium kurioser Gestalten aus dem Drogenmilieu eben auch seine bildschöne Freundin Emily, gespielt von Ciara Bravo in ihrer ersten großen Filmrolle als Inbegriff des unschuldigen Engels. In fünf jeweils mit roten Schrifttafeln und knalliger Schrift angekündigten Kapiteln wagen die Russos einen Parforceritt von Liebesgeschichte über Kriegsfilm hin zum Drogendrama, spielen dabei mit Bildformaten und anderen Tricks, stellen absurd komische Szenen Momente des nackten Schreckens gegenüber, packen alles auf den Tisch, was ein Film leisten kann. Und würden ihr Blatt überreizen, wenn sie nicht ganz am Schluss das Ruder herumreißen würden: In den letzten Momenten gewinnt Cherry die tragische Fallhöhe, die man sich von einer Hillbilly-Elegie erwartet, deren deutscher Untertitel immerhin das Ende der Unschuld verspricht.

Thomas Schultze