Kino

Martin Moszkowicz: "Ohne uns geht es nicht"

Große Produktionen stünden für ein Kino-Comeback zuhauf in den Startlöchern - doch wie steht es um Herausbringungsrisiken in einer unberechenbaren Zeit? Ein Gespräch mit dem Vorstandsvorsitzenden der Constantin über zu kurz gegriffene Strategien, mangelnde Konstruktivität im Umgang mit der Krise, Massentests als Schlüssel zu realistischen Perspektiven - und flexiblere Ansätze in der Auswertung.

25.02.2021 12:09 • von Marc Mensch
"Das Großartige am Kino ist doch, dass es stets in der Lage war, sich anzupassen - und das wird erneut der Fall sein." - Martin Moszkowicz, Vorstandsvorsitzender der Constantin Film AG (Bild: Mathias Bothor)

Im Vorfeld der Bund-Länder-Beratungen am 3. März bleibt weiter unklar, wann den Kinos die Chance zur Wiedereröffnung eingeräumt wird. Neben der Frage nach dem Termin stellt sich natürlich auch jene nach den Rahmenbedingungen - zu denen ganz zentral die Filmversorgung zählt.

Wir sprachen mit Martin Moszkowicz, dem Vorstandsvorsitzenden der Constantin Film AG, über die Risiken einer Filmherausbringung in Pandemiezeiten, über Ansätze zu deren Abfederung und seinen Blick auf die Zukunft des Kinos und der damit verbundenen Auswertungsansätze.

BLICKPUNKT: FILM: Obwohl sich die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz Mitte Februar bereits der noch im Herbst als entscheidender Schwelle gehandelten 50 angenähert hatte, war zuletzt völlig offen, unter welchen Umständen wieder mit flächendeckenden Kinoöffnungen zu rechnen ist. Frustriert es Sie, dass Bund und Länder keine längerfristigen Perspektiven entwickeln?

MARTIN MOSZKOWICZ: Natürlich sind wir frustriert, wenn wir hören, man fahre nun einmal "auf Sicht". Denn das war noch nie eine gute Idee, auch nicht in einer Pandemie. Man muss vorausschauend planen, Strategien für alle Eventualitäten entwickeln. Sind wir ehrlich: Von der Vorstellung, der Inzidenzwert könne innerhalb der nächsten Wochen oder Monate auf nahe Null gesenkt werden, muss man sich verabschieden. Das Virus endgültig zu besiegen, wird eine Frage von Jahren sein, wenn es denn überhaupt gelingt. Damit will ich keine Angst schüren, im Gegenteil. Wir müssen einfach lernen, konstruktiv mit der Situation umzugehen, das Leben weiter zu gestalten. Verstehen Sie mich nicht falsch: Die Situation ist alles andere als einfach, ich würde aktuell mit keinem Politiker tauschen wolle - und Kritik im Nachhinein zu üben, ist mitunter nur allzu leicht. Entscheidend für den Erfolg von Maßnahmen ist, dass sie nachvollziehbar sind. Hier gibt es sicherlich Versäumnisse, die ihren Teil zu Verärgerung und Frust beitragen. Auch wir sind nicht zufrieden - und was mich persönlich am meisten ärgert, ist, dass man auch nach einem Jahr mit dem Virus nicht konstruktiver an Lösungen arbeitet. Das ist das Hauptproblem.

B:F: Sie haben in der Vergangenheit bereits argumentiert, dass Kinos eben keine Parkhäuser seien, die man vom einen auf den anderen Tag einfach so auf- und zusperren könne. Von welchem zeitlichen Vorlauf sprechen wir denn konkret, um Ihrerseits einen Neustart terminieren, vermarkten und dann im Kino starten zu können?

MARTIN MOSZKOWICZ: Selbst unter dem Gesichtspunkt, dass man an der einen oder anderen Stelle Kompromisse eingeht, um nach einem Lockdown das Geschäft möglichst schnell wieder zum Laufen zu bringen, sind vier bis sechs Wochen das absolute Minimum, das ein Filmstart für einen bundesweiten Flächenstart benötigt. Für Filme, die bereits im Kino waren und einen zweiten Anlauf nehmen, ist die Zeit hingegen kein so kritischer Faktor - aber auch hier muss noch einmal Geld in die Hand genommen werden, um die Titel neu zu bewerben.

B:F: Was ist mit Herausbringungskosten für Filme, deren geplanter Start am Ende erst einmal ins Wasser fiel, nehmen wir nur Monster Hunter" oder Kaiserschmarrndrama"?

MARTIN MOSZKOWICZ: Unter den Filmen, die wir für den Herbst vorgesehen hatten, waren einige unserer stärksten Titel, in deren Herausbringung wir bereits erhebliche Summen investiert hatten. Die Wirkung der Kampagnen mag nicht völlig verpufft sein, aber den Großteil der entsprechenden Aufwendungen können wir in den Wind schreiben, weil wir das Geld noch einmal für den nächsten Anlauf ausgeben müssen. Die Constantin hat im vergangenen Jahr einen zweistelligen Millionenbetrag mit pandemiebedingten Kosten tragen müssen. Das schließt alle Geschäftsbereiche mit ein - aber auf den Verleihbereich entfiel ein ganz erheblicher Teil. Das geht vielen Verleihkollegen, die Starts in Vorbereitung hatten, nicht anders. Dennoch scheint man zu erwarten, dass wir solche Risiken erneut eingehen...

B:F: Maßnahmen wie die erhöhte Verleihförderung fangen sie also nicht ab?

MARTIN MOSZKOWICZ: Gar nicht daran zu denken. Ich habe ehrlich gesagt kein Verständnis dafür, dass Auswerter bei den staatlichen Hilfen so stiefmütterlich behandelt werden. Uns etwa keinen Zugang zu den November- oder Dezemberhilfen zu gewähren, weil man uns nicht als "unmittelbar Betroffene" ansieht, ist inakzeptabel. Verleiher haben ihr sprichwörtliches Kassenhäuschen quasi bei den Kinos ausgelagert, diese nehmen unseren Anteil mit ein und rechnen ihn an uns ab. Obwohl die ausgebliebenen Ticketeinnahmen also quasi geteilt worden wären, hat man für Auswerter die Hürden bei den Hilfen so hoch gelegt, dass sie durch das Raster fallen. Das ist ein Unding. Aber lassen Sie uns konstruktiv mit der Situation umgehen: Wenn solche Hilfen schon nicht greifen, dann müssen eben andere Wege gefunden werden, um das Herausbringungsrisiko abzufedern.

B:F: Analog zu den Ausfallfonds für Produktionen etwa?

MARTIN MOSZKOWICZ: Das wäre doch eine sehr naheliegende Möglichkeit. Wir sind sehr dankbar, dass die Ausfallfonds für Kino- und TV-Produktion greifen. Warum sollte man pandemiebedingte Risiken wie vergebliche Aufwendungen im Verleih nicht in ähnlicher Weise bis zu einem gewissen Prozentsatz über einen Fonds absichern? Das eine hat die Produktion wieder ins Rollen und die Crews in Beschäftigung gebracht, das andere würde es uns erheblich leichter machen, Filme zeitnah in die Kinos zu bringen - und damit den wichtigsten Beitrag überhaupt für deren Überleben zu leisten. Filmtheatern unter die Arme zu greifen, ist völlig richtig. Aber ihnen über die Zeit der Schließung hinweg zu helfen, ohne sicherzustellen, dass sie danach auch zeitnah mit erfolgversprechenden Filmen versorgt werden, ist viel zu kurz gegriffen. Ohne uns, ohne die Verleiher, ohne deren Filme, geht es nicht. Wenn wir an dieser Stelle schon keine Unterstützung aus dem Wirtschaftsministerium bekommen, sind eben BKM, FFA und Länderförderer gefragt.

B:F: Wäre ein solcher Fonds ausreichend, um das Risiko eines Auswertungsabbruchs durch neuerliche Kinoschließungen abzufangen?

MARTIN MOSZKOWICZ: Für sich allein noch nicht. Darum muss es auch hierzulande die Möglichkeit geben, pandemieadäquate Auswertungsstrategien zu wählen. Was ich vorschlage, ist eine "75er-Regel", ein pragmatisches pandemiebedingtes Herangehen an die Sperrfristen. Diese sollte man gegebenenfalls per Notverordnung solange aussetzen, bis wieder 75 Prozent der Sitzplatzkapazitäten in Deutschland für 75 Tage ununterbrochen buchbar sind. Wenn dieser Punkt dann erreicht ist, greift die ursprüngliche Regelung erstmal wieder. Das hat nichts damit zu tun, den Kinos die Lebenslinie kappen zu wollen, im Gegenteil! Auf diese Weise wäre gewährleistet, dass Kinos auch in einer Zeit mit hochwertigem Produkt versorgt werden können, in der man als gewissenhafter Kaufmann eigentlich keine Filme starten dürfte. So etwas ließe sich mit einer vorübergehenden Ausnahmeregelung auch ohne jahrelange Grundsatzdebatte bewerkstelligen.

B:F: Aber kommt man an dieser Grundsatzdebatte überhaupt noch vorbei, nachdem sich abzeichnet, dass Majors auch hierzulande im Begriff sind, die Fenster massiv zu kürzen bzw. komplett zu flexibilisieren?

MARTIN MOSZKOWICZ: Auf Dauer natürlich nicht. Es wäre ja ein Wettbewerbsnachteil ohne Ende, wenn deutsche Filme ein halbes Jahr auf die nächste Verwertungsstufe warten müssten, während US-Filme nach 28 Tagen oder weniger online gehen. Ohnehin ist es an der Zeit, Regeln, die sich über mehrere Jahrzehnte nicht grundsätzlich verändert haben, kritisch auf den Prüfstand zu stellen. Ich weiß, wie verhärtet die Fronten hier sind, aber es kann doch nicht ernsthaft wahr sein, dass wir in einer der beweglichsten Branchen überhaupt an den Sperrfristen festhalten, als wäre sie für alle Ewigkeit in Stein gemeißelt. Ein stures "Nein" löst keine Probleme. Aber bevor das Gezeter losgeht: zunächst geht es einfach darum, einer Ausnahmesituation gerecht zur werden. Wir wollen, dass die Kinos florieren - aber für die Zeit der Krise benötigen auch wir einfach ein Sicherheitsnetz. Sich einer Debatte unter Verweis auf das FFG zu entziehen, greift natürlich viel zu kurz in einer Zeit, in der am laufenden Band neue Verordnungen beschlossen werden, die bestehende Gegebenheiten außer Kraft setzen.

B:F: Passender Weise kam gerade heute die Meldung, dass Die Croods - Alles auf Anfang" nach zwölf Wochen wieder die US-Kinocharts anführte - trotz digitaler Verfügbarkeit.

MARTIN MOSZKOWICZ: Es ist einfach so, dass niemandem per se ein Zacken aus der Krone fallen muss, wenn ein Film ein paar Wochen oder sogar Monate früher ins Home-Entertainment geht. Eine der Lehren aus der Pandemie ist, dass es alternative Geschäftsmodelle gibt, die funktionieren; es muss nicht alles so laufen wie in den letzten 30 Jahren. Das hat überhaupt nichts mit einem Abgesang auf Kinos zu tun, ich bin vielmehr felsenfest davon überzeugt, dass die Menschen weiterhin ins Kino gehen werden, dass sie Filme in besonderer Atmosphäre, in der Gemeinschaft werden erleben wollen. Es geht vielmehr darum, eine breitere Klaviatur im Konzert von Kinos und Streamern und anderen Auswertungsformen zu spielen. Ich vertrete schon lange die Meinung, dass viele der aberhunderten Filme, die jedes Jahr in Deutschland starten, nicht in die Kinos kommen müssten. Da bin ich auch durchaus selbstkritisch. Ich behaupte nicht, dass jeder Constantin-Titel der vergangenen zehn Jahre unbedingt auf die Leinwand musste. Aber das ist auch ein Lernprozess, stärker zu differenzieren. Die Filme mit entsprechender Attraktivität kommen ins Kino, andere Filme finden ihr Publikum auf andere Weise - und natürlich muss es für außergewöhnliche Produktionen möglich sein, Experimente zu wagen, die nicht durch ein starres, unzeitgemäßes Auswertungskorsett verhindert werden. Und noch einmal zur jetzigen Situation: Den Luxus, größere Filmstarts abzulehnen, nur weil das Fenster vermeintlich zu kurz ist, wird sich nach dem zweiten Lockdown kaum noch jemand leisten können.

B:F: Aus welchem Line-Up könnte die Constantin in den kommenden Monaten denn für Neustarts schöpfen?

MARTIN MOSZKOWICZ: Grundsätzlich hätten wir für die nächsten zwölf Monate rund 18 Filme, für die wir einen Kinostart planen, eine der stärksten Staffeln, die wir je hatten. Wir würden das auch gerne machen, aber auf Sicht ist die Situation nicht zuletzt aufgrund der Mutationen extrem unberechenbar, die Risiken, die wir jetzt mit Terminierungen eingehen würden, wären enorm.

B:F: Immerhin hat es einer ihrer Titel als einer von nur zwei nach dem ersten Lockdown gestarteten Filmen vergangenes Jahr in die Top Ten geschafft...

MARTIN MOSZKOWICZ: Unsere Strategie, mit After Truth" einen Film für eine jugendliche, kinoaffine und weniger von der Pandemie verängstigte Zielgruppe ins Kino zu bringen, ist trotz massiver Kapazitätsbegrenzungen hervorragend aufgegangen. Wir waren mit dem Film die Nummer 1 in Europa und wir haben die Zahlen des Vorgängers erreicht - schon das ist bei einem Sequel ja alles andere als selbstverständlich. Leider war Ende Oktober schon wieder alles gelaufen - und bei Drachenreiter" hat uns der zweite Lockdown kalt erwischt. Wir reden von einem extrem aufwändig produzierten Film mit einem Budget von rund 20 Millionen - und dann fiel nach kürzester Zeit der Vorhang, als wir bei rund 250.000 Zuschauern standen. Das ist bei einem Titel, der locker das Potenzial für die Besuchermillion gehabt hätte, extrem enttäuschend - und so etwas muss man erst einmal wegstecken. Wir konnten das, weil die Constantin ein extrem gesundes Unternehmen war und ist und wir mit einem entsprechenden Polster in die Krise gegangen sind. Aber am Ende des Tages ist auch unserer Fähigkeit begrenzt, solche Schläge abzufangen - insbesondere dann, wenn man mit dem Großteil seiner Filme auf den deutschen Markt fokussiert ist und Ausfälle dort nicht über andere Territorien ein wenig abfangen kann.

B:F: "Drachenreiter" erscheint nun erst nach Ablauf des regulären Fensters im Home-Entertainment. Weshalb hat man nicht die Option einer direkten PVoD-Auswertung unter Beteiligung der Kinos nach dem Vorbild von Die Känguru-Chroniken" oder "Narziss & Goldmund" gewählt?

MARTIN MOSZKOWICZ: Es ist ja kein Geheimnis, dass deren PVoD-Zahlen nicht überzeugt haben. Unabhängig davon betrachten wir jeden Film einzeln, wenn es um die richtige Strategie geht. Große Produktionen sind eingebettet in Output-Deals mit anderen Auswertern, mit Pay-TV, Free-TV. Und auch wenn physische Medien nicht mehr dominierendes Element der Home-Entertainment-Auswertung sein mögen, liefern sie immer noch einen substanziellen Beitrag. Zudem werden wir "Drachenreiter" auch wieder in den Kinos einsetzen, sobald diese offen sind - und wir sind überzeugt, dass er dort nach wie vor Potenzial besitzt. Große Kinofilme wollen wir nach Möglichkeit weiterhin ins Kino bringen, daran orientieren wir uns auch in der Pandemie.

B:F: Mit einzelnen Ausnahmen...

MARTIN MOSZKOWICZ: Es gab bislang zwei Fälle, in denen wir Filme an Streamer gegeben haben: "Berlin, Berlin", dessen Kampagne gerade startete, als der erste Lockdown kam, und Black Beauty". In beiden Fällen haben wir in der jeweiligen Situation nach unserer Überzeugung die bestmögliche Auswertungsstrategie gewählt. Bei "Black Beauty" etwa stand eine Einzelentscheidung nur für den deutschen Markt in keinem Verhältnis zur Möglichkeit, den Film weltweit bei Disney+ zu platzieren. Tatsächlich kann es durchaus sein, dass wir für den einen oder anderen der genannten 18 Titel noch eine andere Strategie als "Kino first", gefolgt von der klassischen Auswertungskaskade wählen. Aber das signalisiert keinen grundsätzlichen Strategiewechsel, sondern es sind Entscheidungen, die sich an der Situation orientieren.

B:F: Was hat die Phase zwischen den beiden Lockdowns denn über das Besucherpotenzial von Filmen gelehrt, die einen zweiten Auswertungsanlauf nahmen?

MARTIN MOSZKOWICZ: Dazu gibt es noch zu wenige belastbare Daten, aber ich denke schon, dass sich gerade Familien wünschen, wieder gemeinsam ins Kino zu gehen, unabhängig davon, ob ein Film auch anderweitig verfügbar ist. Der Drang der Menschen, endlich wieder aus dem Haus zu kommen, ist ein Faktor, den man nicht unterschätzen darf. Und Kinos können ein sicheres Umfeld bieten.

B:F: Betrachtet man einige der zuletzt kursierenden Beratungspapiere, könnte man zum Schluss kommen, dass die Politik an letzterem Punkt zweifelt.

MARTIN MOSZKOWICZ: Es ist natürlich ein fatales Signal, wenn der Eindruck aufkommt, die Politik könne den Besuch von Kinos für risikoreicher halten als den Aufenthalt in der Gastronomie, obwohl mittlerweile mehrere Studien belegen, wie sicher Filmtheater und andere Kulturstätten sind. Tatsächlich ist die Ansteckungsgefahr dort viel geringer, als in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens, die man nie signifikant eingeschränkt hat. Es ist eine der bittersten Erfahrungen, die wir als Branche in dieser Pandemie machen mussten: Am Ende des Tages ist es mit dem de facto Stellenwert der Kultur in unserem Land nicht allzu weit her. Wenn man mit Politikern spricht, stößt man zwar grundsätzlich auf großes Verständnis, aber in der Rangordnung finden wir uns dann doch sehr weit hinten wieder. Wobei ich noch einmal betonen möchte, dass das nicht das größte Problem ist. Sondern die Art, wie man mit der Krise umgeht.

B:F: Inwiefern?

MARTIN MOSZKOWICZ: Wie ich schon sagte, man muss kreativer und pragmatischer sein, darf sich nicht auf ein stures "Lockdown" zurückziehen. Denn das stimmt ja nicht. Es gibt durchaus Alternativen, die man angehen kann, ohne Kompromisse bei der Sicherheit einzugehen. Wir testen bei unseren Produktionen Tausende von Mitarbeitern, jede Woche und das schon seit dem letzten Frühjahr. Und selbstverständlich muss man so etwas auch für den Alltag denken, Österreich etwa macht es ja vor. Warum sollte man jemanden, der einen negativen Test vorweisen kann, ebenso einschränken wie einen Nicht-Getesteten?

B:F: In der Produktion hat man tatsächlich gelernt, differenzierter vorzugehen. Flächendeckende Drehstopps gab es seit dem ersten Lockdown dank überzeugender Sicherheitskonzepte nicht mehr - und Produktionen sind, wie schon erwähnt, mittlerweile durch zwei Ausfallfonds abgesichert. Wie sehr hat sich das System bewährt?

MARTIN MOSZKOWICZ: Das läuft tatsächlich hervorragend. Wir produzieren ja am laufenden Band uns starten gerade mit den Drehs zweier großer deutscher Produktionen: Liebesdings" von Anika Decker mit Elyas M`Barek und Der Nachname", Sönke Wortmanns Sequel zu seinem Hit "Der Vorname" mit der gleichen grandiosen Besetzung wie der erste Teil. zu den Drehstarts und zur Terminierung weiterer Highlights] Das sind nur zwei unserer laufenden Kinoproduktionen, von den vielen Projekten für TV oder Streaming fange ich jetzt gar nicht an. Durch all die großen Produktionen der vergangenen Monate - wie unter anderem auch das vor kurzem in Kanada abgedrehte Resident Evil Reboot" - sind wir ohne ernstes Infektionsgeschehen hindurchgekommen. Natürlich gab es den einen oder anderen positiven Test, aber entsprechende Crewmitglieder wurden sofort isoliert. Präventive Maßnahmen wie diese haben eindeutig funktioniert. Sie sind zwar mit erheblichem Mehraufwand verbunden, aber sie ermöglichen es, die Produktion fortzusetzen. Als wir im Sommer vergangenen Jahres mit den Massentests begonnen haben, mussten wir vonseiten der Politik noch hören, dass so etwas gar nicht möglich sei, schon aufgrund fehlender Kapazitäten. Das war, entschuldigen Sie, blanker Unsinn. Wir haben alleine in München Laborkapazitäten, die während des gesamten Jahres nie ausgelastet waren - und jetzt rede ich noch nicht einmal von Schnelltests, die im Prinzip jeder selbst machen kann. Man muss leider sagen, dass Politiker mitunter schlecht informiert darüber scheinen, was tatsächlich möglich ist. Auf alle Fälle hapert es jedenfalls daran, rasche und pragmatische Lösungen zu finden. Ich habe ja grundsätzlich Verständnis dafür, dass alles seinen bürokratischen Gang gehen muss - aber wir reden doch von der größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg, da muss es doch möglich sein, auch über Hürden zu springen. Gerade der Ausfallfonds II hat viel zu lange auf sich warten lassen - und von der Auszahlung von Hilfsgeldern will ich gar nicht sprechen.

B:F: Nun ist bislang noch keine Insolvenzwelle über die Kinobranche hinweggerollt, aber schon die FFA warnt davor, dass die Folgen frühestens 2021 wirklich sichtbar werden. Droht trotz aller Hilfen noch das böse Erwachen?

MARTIN MOSZKOWICZ: Ich habe es schon im vergangenen Jahr gesagt und ich sehe mich Monate später nur bestätigt: 2021 wird das deutlich härtere Jahr. Zwar werden insgesamt immense Summen zur Verfügung gestellt, um die wirtschaftlichen Folgen abzufedern, aber die Lücken dieser Hilfen sind ja evident. Viele nach wie vor vom Lockdown betroffene Unternehmen mögen mit einem finanziellen Polster in die Krise gegangen sein. Aber wie viel ist davon noch übrig? Ich denke leider tatsächlich, dass es noch ein böses Erwachen geben wird, das betrifft Kinos ebenso wie Produktionsunternehmen oder Auswerter. Nun mögen auch solche darunter sein, die über kurz oder lang ohnehin auf der Strecke geblieben wären, deren Niedergang die Pandemie nur beschleunigt. Aber wir reden doch auch von Betrieben, die mit Herzblut und großem Engagement geführt werden, die völlig unverschuldet an den Rand des Ruins gekommen sind...

B:F: Wankt am Ende der Optimismus, den Sie in der Krise bislang stets gezeigt haben?

MARTIN MOSZKOWICZ: Überhaupt nicht. Eine Insolvenz einzelner Unternehmen bedeutet ja nicht den Niedergang einer gesamten Branche, auch wenn es mir für jedes einzelne Filmtheater leidtäte. Für die Constantin kann ich klar sagen, dass wir keinen Zweifel daran haben, dass der Kinofilm eine Zukunft hat und sich unsere Produktions- und Auswertungsstrategie auch weiter an dieser Überzeugung orientieren wird. Und selbstverständlich ist die Constantin Film kerngesund - wir haben in den letzten Jahren und unter meinem Vorstandsvorsitz die besten Jahre unserer langen Geschichte gehabt. Natürlich mag es an der einen oder anderen Stelle Veränderungen geben, aber das ist doch völlig normal. Ich bin jetzt seit rund 40 Jahren in der Branche tätig und habe in dieser Zeit so viele Umbrüche erlebt... Das Großartige am Kino ist doch, dass es stets in der Lage war, sich anzupassen - und das wird erneut der Fall sein. Die vielbeschworene Konkurrenz zu den Streamern sehe ich nicht. Wir arbeiten gerne und regelmäßig mit ihnen zusammen, das sind hervorragende Unternehmen, die in der Lage sind, auch die Menschen zu erreichen, die man mit einem Kinofilm im Kino vielleicht nicht erreicht. Aber auch die Kinofans wird es weitergeben, genauso wie wir weiter ins Theater, auf Konzerte oder ins Restaurant gehen werden. Es geht einfach jetzt darum, durch diese historische Krise hindurchzukommen. Das wird länger dauern, als man es sich wünschen mag. Aber mit proaktivem Vorgehen und kreativen Ideen können wir absolut positiv in die Zukunft schauen. Denn die Kultur und das Streben nach Gemeinschaft werden immer ein Teil unseres Lebens sein.

Das Gespräch führte Marc Mensch