Kino

Albrecht Schuch: "Lust an der Unsicherheit"

Albrecht Schuch vertritt Deutschland bei der 24., pandemiebedingt nur online stattfindenden Ausgabe der European Shooting Stars 2021. Ein Gespräch über Inspirationsquellen, seine Rollen und seine Art zu arbeiten.

23.02.2021 07:29 • von Barbara Schuster
Albrecht Schuch ist deutscher Shooting Star 2021 (Bild: Steffen Roth)

Albrecht Schuch vertritt Deutschland bei der 24., pandemiebedingt nur online stattfindenden Ausgabe der European Shooting Stars 2021. Das von der European Film Promotion zusammengestellte Programm startet heute und geht bis 25. Februar. Im Rahmen des digitalen EFM findet zudem am 4. März ein Talk über das Thema "Everything you always wanted to know about Casting (and never dared to ask)" statt. Im Interview mit Blickpunkt:Film spricht Schuch über Inspirationsquellen, seine Rollen und seine Art zu arbeiten.

Die Berlinale ist Ihnen schon bestens vertraut, Sie haben bereits mit Systemsprenger" und "Berlin Alexanderplatz" am Wettbewerb teilgenommen. Dieses Jahr sind Sie mit Fabian oder Der Gang vor die Hunde" dabei - für diese Rolle sind Sie auch für den Shooting Star nominiert. Welche Erfahrungen haben Sie bisher auf der Berlinale gemacht?

Die Reaktionen auf "Systemsprenger" waren überwältigend, nicht nur von Leuten aus der Branche. Es ist einer der seltenen Filme, die so stark sind, dass sie ganz unterschiedliche Menschen angesprochen haben.

Auch "Berlin Alexanderplatz" war eine große Arbeit, eine nicht leichte Rolle für Sie ...

Ja, aber eine, die wahnsinnig viel Spaß gemacht hat, mit einer ganz anderen Herangehensweise, ganz anderen Mitteln. Während ich beim Micha in "Systemsprenger" versucht habe, ihn ganz nah an mich ranzuziehen, bin ich bei Reinhold in "Berlin Alexanderplatz" viel äußerlicher vorgegangen. Das hatte auch mit Burhan Qurbanis Vision zu tun, etwas zu kreiieren, das viel mehr eine Kunstform ist als die dokumentarische Realität einer Nora Fingscheidt.

Liegt das auch daran, dass es eine literarische Vorlage ist? Wie sehr beeinflusst das in der Vorbereitung, wie war das bei "Fabian" nach dem Roman von Erich Kästner?

Zunächst einmal ist es stark, eine komplexe Vorlage zu haben wie einen Roman "Berlin Alexanderplatz". Aber da stecken ja mehrere Lesarten drin, und ich versuchte, meine Lesart einzubringen, nicht im Sinne einer eins zu eins-Buchadaption, wie es auch Burhan nicht vorschwebte. Ich bin irgendwann auf den Trichter gekommen, mich nicht zum Sklaven der Vorlage zu machen, sondern frei mit ihr umzugehen.

Bei "Fabian" war das ähnlich. Es gibt zwei Gründe, warum ich dieses Projekt so wahnsinnig spannend fand. Einmal die Rolle des Labude, der für mich einer ist, der sich im Konflikt zwischen zwei Lebenskonzepten befindet. Er sieht sich gerne selbst als romantisch-poetisch-politischen Schriftsteller, während auf der anderen Seite der unausgesprochene Druck durch den Vater ist, dass er eben auch Jurist wird und die vornehmlich korrupten Reichen vertritt. Zwei Gegenpole, die für mich als Schauspieler ein Geschenk sind, da ist vieles möglich in dem Ausbrechen, Revoltieren, Wegträumen. Und es ist im Kästnerschen Sinne tragisch-komisch, dass das größte poetische Werk Labudes am Ende sein Abschiedsbrief ist.

Und dann hat mich die Person Dominik Graf fasziniert, der so viele großartige Filme gemacht, mit so vielen Menschen gearbeitet hat, der nicht aufhört, nach einem für den Stoff individuellen filmischen Zugang zu suchen, neugierig zu sein, auszuprobieren - eine Lust an der Unsicherheit auch. Natürlich wollte ich auch von den Geschichten hören, wie es war, mit einem Götz George zu drehen, der bekannt war dafür, ähnlich wie ich einen sehr spielerisch-körperlichen Zugriff auf seine Rollen zu haben. Ich wollte Dominik Graf kennenlernen, diesen weisen, klugen, quirligen Rockstar, der Texte schreibt zum Zustand des Kinos, die man auch auf den Zustand der Gesellschaft lesen kann.

Mit Dominik Graf zu drehen gilt als besondere Erfahrung. Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?

Sofort beim ersten Treffen. Wir haben uns in der Münchener Villa Stuck getroffen, sind durch den kleinen Park zum Bogenhausener Friedhof gelaufen, es war Herbststimmung, noch etwas warm. Ich hatte bald die Arme verschränkt wie Dominik, jeder redete, blieb stehen voreinander, guckte sich an, das hatte einen poetischen Schwung und endete dort, wo Fassbinder liegt, Kästner, auch Dominik Grafs Eltern. Und er erzählte von einem Lesewettbewerb, bei dem er nur zweiter wurde und Kästner ihn tröstete. Es gab ein riesiges persönliches Interesse.

Wie bereiten Sie sich auf Ihre Rollen vor, lassen Sie sich auf die Vision des Regisseurs ein? Müssen Sie loslassen, um einen eigenen Zugang zu finden?

Unbedingt. Das hat Graf auch befördert. Die Highlights sind in der Vorbereitung. Beim Dreh hat er, zumindest bei dem Projekt, sehr gern den ersten Take einer Szene genommen und damit versucht, eine unperfekte menschliche Note einzubringen. Dass sich das möglicherweise Ausgedachte, eine gewisse Unsicherheit transportiert - das habe ich zum Glück am Ende annehmen können, es war neu für mich.

Sie nannten Götz George als "role model", wer sonst sind Ihre Inspirationsquellen?

Als wir in Italien die Sky-Serie "Paradiso" gedreht haben, haben Friedrich Mücke und ich unserem persönlichen Eskapismus gefrönt und uns abends in der Mediathek alle "Schimanski"-Folgen und die frühen "Tatorte" angeguckt, haben sie analysiert und kurze Videos gedreht. Das sprüht und sprudelt nur so vor Spieleinfällen. Man spürt die ganz große Lust - konnte aber auch das Unangenehme lesen und hat sich gefragt, wäre ich gerne sein Partner gewesen? Wenn ja warum, wenn nein warum nicht ...

Andere Inspirationsquellen, mit denen ich gearbeitet habe oder die ich persönlich kenne, sind August Diehl, Franz Rogowski,Jonas Dassler, Peter Simonischek, Sandra Hüller, viele TheaterschauspielerInnen wie Ursula Werner ... Menschen, von denen ich das Gefühl habe, die haben Lust, die brennen, lassen sich nicht ablenken davon, welche Preise jemand gewonnen hat, sind allürenfrei geblieben und kämpfen immer wieder für die Sache.

Drei von den genannten waren auch bereits bei den Shooting Stars dabei. Fühlen Sie sich in bester Gesellschaft?

Ja, es ist eine Ehre, in diesem Kreis vorzukommen.

Sie haben gerade drei Filme und eine Serie abgedreht, zweifach den Deutschen Filmpreis gewonnen - Sie haben schon eine eigene Karriere vorzuweisen. Was versprechen Sie sich von der Teilnahme an den Shooting Stars?

Für mich bedeutet das die Möglichkeit, mit Menschen über die eigenen Landesgrenzen hinaus in Kontakt zu kommen, und das lässt mich träumen oder wünschen, mit diesen Kollegen, die eine andere Biografie haben, einen anderen Witz, das ganze auch noch anders filmisch transportieren, zusammenarbeiten zu wollen.

Neben Philipp Stölzls "Schachnovelle" haben Sie auch Andreas Kleinerts Lieber Thomas" abgedreht. Sie sind in Jena geboren, haben in Leipzig Ihre Ausbildung absolviert. Was sagte Ihnen Thomas Brasch, ist er Ihnen besonders nahe, hat die Arbeit am Film Ihre Rezeption verändert?

Sie hat die Rezeption überhaupt erst ermöglicht. Ich kannte Thomas Brasch bis dahin nur von einem Text aus der Schauspielschule, "Warum spielen", ein toller Text, aber ich habe das nicht weiter vertieft. Am Gorki Theater bin ich ihm wiederbegegnet, weil eine Kollegin ein großer Fan war. Als erstes habe ich seine Schwester Marion kennengelernt, beim Radio, bei meiner Zeit als Zivi. Ich habe sie und viele andere Weggefährten getroffen, liebende Menschen aus seinem Umfeld, die bereit waren, mit mir zu teilen. Ich habe mich drei Tage im Archiv eingeschlossen und viel unveröffentlichtes Material durchgearbeitet, seine Filme gesehen, einer meiner Lieblingsfilme ist Engel aus Eisen", und am Ende habe ich versucht, alles wieder zu vergessen und mich zu befreien. Einer realen Persönlichkeit kann man nicht gerecht werden, jeder hat sie anders erlebt.

Haben Serien da etwas Leichteres, hat es etwas Befreiendes, Bad Banks" oder "Paradiso" zu drehen?

Im Vergleich zur Verkörperung von Thomas Brasch auf jeden Fall. Er hat aus meiner Sicht acht Leben gleichzeitig geführt. Himmelhochjauchzend und zerstörerisch und alles dazwischen an Farben, da tut es gut, mal nicht ganz so existenziell mit einer Rolle ins Gespräch zu kommen ... Jella Haase und ich haben den Film kürzlich gesehen, zu zweit im Berliner Filmkunst 66, das unter der Erde liegt, es war wahnsinnig kalt - für uns ein Symbol der Hoffnung, dass das Kino bald wieder aufgetaut wird!

Das Gespräch führte Marga Boehle