Kino

FFA-Jahresbilanz belegt gestoppten Trend

Sechs Jahre dauerte das kontinuierliche Wachstum des deutschen Kinobestandes an, nun zeigt die Kurve laut aktueller Zahlen der FFA wieder nach unten. Während die Pandemie beileibe nicht der einzige Faktor war, gibt der Blick auf 2020 deren Folgen womöglich nur unzureichend wieder.

16.02.2021 08:16 • von Marc Mensch
Muss sich auch mit Corona-geschwächter Auswertung nicht verstecken: "Nightlife" war der erfolgreichste deutsche Neustart 2020 (Bild: Warner Bros.)

Für Fans der ganz, ganz großen Leinwand begann das Kinojahr 2020 schon denkbar traurig: Ohne die acht Säle des CineStar Original und ohne das CineStar Imax im oberen Stockwerk des Standortes am Potsdamer Platz, an dem pünktlich zu Silvester die Lichter ausgegangen waren. Pläne zu einer zumindest zeitweisen Aufrechterhaltung des Spielbetriebs durch einen anderen Betreiber realisierten sich nicht - denn noch im ersten Quartal schlug der Lockdown zu. Nun mag man sich je nach Standort trefflich streiten, inwieweit Corona tatsächlich überhaupt ein Faktor oder mehr war als der sprichwörtliche Tropfen, der ein Fass zum Überlaufen brachte. Aber Tatsache ist, dass im Lauf des vergangenen Jahres eine ganze Reihe größerer Standorte zumindest unter Verweis auf die Pandemiefolgen aufgegeben wurden, darunter der Filmpalast Eisenhüttenstadt, der Ufa-Palast Stuttgart, das UCI Colosseum oder das UCI Gera, um das sich Betreiber Christian Pfeil bemüht (siehe das ausführliche Interview). Das Schicksal des CineStar Bielefeld war unterdessen bereits 2019 besiegelt worden, das geschlossene CineStar Gütersloh sollte Meldungen der Lokalpresse zufolge von einem neuen Betreiber übernommen werden, insbesondere im Zuge des zweiten Lockdowns verlief diese Neuigkeit aber zunächst auch einmal im Sande. Kein Wiedersehen wird es beispielsweise auch in den Wetzlaer Rex-Kinos geben, gegen das endgültige Aus für das Stuttgarter Metropol stemmt sich noch eine sehr rege Cineasten-Schar, wenngleich mit geringen Erfolgsaussichten. Unklar ist derzeit noch, wie sich die letztlich geplatzte Übernahme von CineStar durch Vue mittelfristig auswirken wird.

Unter dem Strich trat jedenfalls ein, was zu erwarten war: Das jahrelange, ununterbrochene Wachstum der deutschen Kinolandschaft, das Ende 2013 eingesetzt hatte (und trotz unwiderlegbarer Zahlen seither nur allzuoft vom Feuilleton negiert worden war), hat ein Ende gefunden. Nach der nun veröffentlichen Jahresbilanz der FFA blieb die Zahl der Kinounternehmen mit 1227 im Verlauf des Jahres zwar konstant, allerdings gingen per Saldo sechs Spielstätten und drei Standorte verloren, die Zahl der Kinosäle nahm um 35 ab.

# Die ausführliche und um neue Analysen bereicherte Studie "Das Filmjahr 2020" finden Sie auf der Website der FFA #

Nun wären Rückgänge im Bereich zwischen 0,3 und 0,7 Prozent an sich noch kein Einbruch, der den gebetsmühlenartig beschworenen Begriff des "Kinosterbens" nach Jahren tatsächlichen Wachstums nun also endlich rechtfertigen würde. Aber leider erzählt die Statistik für 2020 womöglich nur die halbe Wahrheit. Denn zum einen ist die Krise auch jetzt noch längst nicht überwunden, zum anderen steht zu befürchten, dass das eine oder andere Haus nur deshalb noch nicht aus der Zählung rutschte, weil die Insolvenzantragspflicht seit März 2020 ausgesetzt war. Ein Umstand, auf den die FFA in ihrer Bilanz auch ausdrücklich hinweist.

"Die Auswirkungen der Pandemie auf die Kinolandschaft werden sich erst im Laufe dieses Jahres zeigen", stellt Vorstand Peter Dinges fest, der gleichwohl optimistisch bleibt: "Aber ich bin fest davon überzeugt, dass die Menschen die Kinos als Kultur- und Erlebnisorte schon lange schmerzlich vermissen und nur darauf warten, dass die Häuser endlich wieder öffnen dürfen. Deshalb wird es nach dem Neustart wieder richtig losgehen."

Besonders interessant ist übrigens die erstmals so detailliert von der FFA vorgenommene Differenzierung nach der Größe der Spielstätten - macht dieser Blick doch klar, wo sich die dauerhaften Schließungen (inklusive solcher aus Vorjahren, die erst 2020 übermittelt wurden) per Saldo konzentrierten: bei den Multiplexen, von denen drei verloren gingen, und bei den Drei-Saal-Häusern, deren Zahl um fünf abnahm.

Die mit Abstand größte Fluktuation wiesen unterdessen die Ein-Saal-Kinos auf, bei denen 29 Schließungen tatsächlich ebensoviele Neu- und Wiedereröffnungen gegenüberstanden. Die meisten Leinwände verloren (wegen der Multiplexschließungen) Orte über 600.000 Einwohnern, gefolgt von Gemeinden mit bis zu 100.000 Einwohnern.

Dass die Multiplexe in diesem Jahr durch Corona besonders stark getroffen wurden, macht unterdessen der Blick auf die nach Spielstättengröße differenzierten Besucher- und Umsatzentwicklungen deutlich. Im Schnitt verloren Center mit mindestens acht Leinwänden 70,9 Prozent der Besucher und 72,3 Prozent des Ticketumsatzes, beides jeweils Spitzenwerte. Demgegenüber kamen die Ein-Saal-Häuser mit durchschnittlich 47 Prozent weniger verkauften Tickets und 41,1 Prozent weniger Boxoffice noch vergleichsweise glimpflich weg. Diese Zahlen sind für Multiplexbetreiber natürlich umso dramatischer, als deren Einbußen in der Regel nicht annähernd im selben Maße durch Hilfsmaßnahmen abgefedert wurden, wie dies bei den kleineren Mitbewerbern der Fall war - und diese hatten es zumeist schon hart genug.

Der Blick auf die Gesamtmarktzahlen bietet - insbesondere gegenüber den bereits Anfang des Jahres veröffentlichten ComScore-Zahlen - vor dem Hintergrund monatelanger Kinoschließungen und rar gesäter Blockbuster-Starts zwischen den beiden Lockdown-Peridoden keine positiven Überraschungen: Die Ticketverkäufe brachen gegenüber 2019 um 67,9 Prozent ein, nur noch 38,1 Mio. Besucher fanden den Weg vor eine Leinwand - wobei Kinobetreiber immer wieder berichten, dass die Restriktionen während der kurzen Öffnungsphase die Zahlen weiter drückten, allzu oft habe man Gäste aufgrund ausgeschöpfter Kapazitäten abweisen müssen. Inwieweit es zur Ergebniskorrektur beigetragen hätte, bei den Mindestabständen keinen besonders strengen deutschen Sonderweg zu gehen, darüber lässt sich natürlich bestenfalls spekulieren, zumal unklar ist, ob sich niedrigere Abstände nicht womöglich negativ auf das Sicherheitsempfinden mancher tatsächlicher Gäste ausgewirkt hätten.

"Verramscht" wurden Kinovorstellungen nach dem ersten Lockdown trotz etlicher Sonderangebote übrigens keineswegs. So sank der durchschnittliche Eintrittspreis gegenüber 2019 gerade einmal um 3,3 Prozent auf 8,35 Euro - und das, obwohl hochpreisige 3D-Vorführungen (schon aufgrund des Ausbleibens entsprechender US-Produktionen) im ersten Pandemiejahr mit einem Ticketanteil von gerade einmal 4,8 Prozent nur noch eine Nischenrolle spielten. Insgesamt sanken die Umsätze um 69 Prozent auf nur noch 318 Mio. Euro - einen Wert, den in China gerade erst ein einziger Film an einem einzigen Wochenende übertraf: "Detective Chinatown 3" spielte zu Beginn des Neujahrsfestes knapp 400 Mio. Dollar ein.

Klar positiv entwickelte sich natürlich der deutsche Marktanteil, wenngleich der herausragende Wert von 35,1 Prozent nach Besuchern in Ermangelung eines regulären Konkurrenzumfeldes wenig wert ist. Immerhin: Die Besucherzahlen für deutsche (Ko-)Produktionen nahmen 2020 um "gerade einmal" 46,3 Prozent ab, dies allerdings gegenüber einem für deutsche Filme insgesamt eher ein wenig durchwachsenen Vorjahr.

Wirkliche Erholung war dem deutschen Kinomarkt in der vergleichsweise kurzen Zeit zwischen den beiden Lockdowns nie vergönnt, im Vergleich zum Vorjahr war der September mit einem Umsatz- und Besucherminus von jeweils rund 58 Prozent noch der größte Lichtblick, vor allem den kurz aufeinander gefolgten Starts von Tenet" und After Truth" sei Dank.

Die Hoffnung ist natürlich, dass nach einem Neustart im Frühjahr (wann immer dieser auch erfolgen wird) eine deutlich schnellere Revitalisierung erfolgen kann, der Schlüssel dazu wäre (neben der Frage der Kapazitäten) natürlich vor allem die Filmversorgung. Rein quantitativ hatte sich diese schon im Sommer 2020 recht schnell wieder eingependelt, was man vor allem auf Seite der Programmkinos zurecht betonte. Laut FFA lag die reine Anzahl der Neustarts im Juli vergangenen Jahres sogar um acht (oder 21,6 Prozent) höher (!) als im selben Monat 2019, im August und September gab es wiederum nur geringe Abweichungen nach unten. Was nur allzu deutlich macht, wie sehr es an großen Mainstream-Titeln fehlte. Etwas besser sieht es zumindest nach aktuellem Stand für die Wochen und Monate nach einem zumindest denkbaren Restart um Ostern herum aus. Wenn sich die Startlisten nicht erneut leeren...