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Preview: TVNow haut mit Copserie "KBV" seinen ersten Home Run raus

Der Streamingdienst TVNow startete mit "Unter Freunden stirbt man nicht" verheißungsvoll in die Fiction-Offensive. Sein erster echter Home Run ist jetzt aber die Comedy-Copserie "KBV - Keine besonderen Vorkommnisse". Lesen Sie hier unsere Besprechung.

12.02.2021 08:36 • von Michael Müller
Jürgen Vogel (l.) und Gast-Star Kida Khodr Ramadan in "KBV - Keine besonderen Vorkommnisse" (Bild: TVNOW / Frank Dicks)

Mit der sechsteiligen Copserie "KBV - Keine besonderen Vorkommnisse" ist dem Streamingdienst TVNow zusammen mit den Produktionsfirmen eitelsonnenschein und Warner Bros International Television ein wunderschön funkelnder Comedy-Diamant gelungen. Wenn der sich herumspricht und die Qualität in weiteren Staffeln hält, könnte er eine ähnliche Strahlkraft entwickeln, wie sie aktuell schon das Comedy-Aushängeschild "jerks." beim Konkurrenten Joyn besitzt. Eine zweite Staffel hat TVNow klugerweise bereits vor dem Plattform-Start am 25. Februar bestellt.

"KBV" sieht dank der Frisuren, Bärte, Moden und vor allem auch der Lichtsetzung aus wie die 1970er-Jahre, auch wenn die Handlung im Hamburg der Jetzt-Zeit spielt. Die profanen, teils sehr pointierten Dialoge der observierenden Polizisten im Auto oder der Gangster im observierten Hafen-Container klingen ein bisschen nach Quentin Tarantino. Das Setting des Abhängens mit den Figuren und den kunstvollen Laber-Orgien erinnert derweil an ein anderes aktuelles deutsches Comedy-Juwel, nämlich "Warten auf'n Bus". Tatsächlich aber ist die TVNow-Copserie inspiriert von dem australischen Original "No Activity".

Jürgen Vogel und Serkan Kaya spielen Polizisten, die zwei verdächtige Gangster (Denis Moschitto, Rocko Schamoni) in einem bevorstehenden Drogendeal beschatten. Da aber nichts passiert, vertreiben sich beide Parteien die Zeit mit weitgehend Sinn befreitem Small Talk, abenteuerlichen Geschichten und viel Blödsinn. Rücksprache halten die Cops mit der Polizeizentrale, wo Annette Frier und Maike Jüttendonk sitzen, was regelmäßig zur titelgebenden Zeile "Keine besonderen Vorkommnisse" führt. Zwischendrin wird über den Polizeifunk auch ein bisschen sehr schlecht geflirtet. Es gibt wahnsinnig viel Untenrum-Humor, wobei der hauptsächlich verbal und ziemlich gut ist. Aber überwiegend hängen die Zuschauer*innen mit den Figuren ab, was die Serie sehr entspannt, fast lässig werden lässt.

Klarer Star im Abhäng-Wettbewerb ist Jürgen Vogel, dessen Kommissar Gilles von der ausgedünnten, wilden Frisur her wie der Tall Man im Horrorklassiker "Das Böse" aussieht - nur eben noch mit Schnäuzer und Cord-Anzug. Diese Figur ist trotz ihrer abseitigen Aussagen und Handlungen vor allem deshalb so liebenswert, weil Vogel sich so wahnsinnig wohl darin fühlt. Der Vergleich mit Christoph Maria Herbsts "Stromberg"-Performance liegt nahe. Viel eher noch wirkt Gilles aber wie ein entlaufender Charakter aus dem Farrelly-Universum, als diese noch Werke wie "Kingpin" und "Verrückt nach Mary" zauberten.

Alle drei Schauspiel-Paarungen in "KBV" haben eine wundervolle Chemie und werden ergänzt von teils herrlichen Gastauftritten wie Daniel Zillmann als einsamer Hafen-Sicherheitsmann. Gangster und Cops befinden sich bei Regisseur Lutz Heineking jr und seinen Drehbuchautoren Johannes Boss, Mark Werner und Marko Lucht erzählerisch auf einer Augenhöhe mit ähnlichen Problemen. Nur in einem einzigen transzendenten Moment treffen zwei von ihnen beim Döner-Kauf aufeinander, ohne zu wissen, wer genau der andere ist. Aber gerade auch das Pärchen Frier und Jüttendonk gibt in der Zentrale als "Bibi und Tina für Erwachsene" mit Geschichten zu Taser-Einsätzen, Kusstechniken und Friers dauerpubertierendem Sohn dialogtechnisch Vollgas.

Michael Müller