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Helga Löbel: "Ich wollte einen USP kreieren"

Am 14. Februar startet auf TVNow die von UFA Serial Drama produzierte Serie "Even Closer - hautnah", die Tanz und Sex vereint und durch ihre Freizügigkeit hervorsticht. Blickpunkt:Film sprach mit Produzentin Helga Löbel über ihre Herangehensweise und die Zusammenarbeit mit einer Intimitätskoordinatorin.

11.02.2021 07:29 • von Frank Heine
Helga Löbel leitet bei der UFA den Programmbereich Kids & Young Adults (Bild: TVNOW / Sascha Hoecker)

Am 14. Februar startet auf TVNow die von UFA Serial Drama produzierte Serie "Even Closer - hautnah", die Tanz und Sex vereint und durch ihre Freizügigkeit hervorsticht. Blickpunkt:Film sprach mit Produzentin Helga Löbel über ihre Herangehensweise und die Zusammenarbeit mit einer Intimitätskoordinatorin.

Ist "Even Closer - hautnah" die erwachsene Variante von "Spotlight", Ihrer Nickelodeon-Serie über die Berlin School of Arts? Oder wo liegt der Ursprung?

HELGA LÖBEL: Tatsächlich war es über all die Jahre, die ich "Spotlight" produziere, mein Gedanke, dass es schön wäre, eine Tanzserie für Erwachsene oder für Young Adults zu machen, um in manchen Dingen etwas weiter gehen zu können. Die Serie basiert auf einer sechsteiligen E-Book-Reihe von Tine Körner und Pia Sara, die 2016 erschienen ist. Ich habe das gelesen und war von der Figurenwelt total eingenommen - da hatte ich die Fortsetzung von "Spotlight" für Erwachsene vor mir.

Sind dadurch bei "Even Closer - hautnah" viele Mitglieder aus dem "Spotlight"-Team mit von der Partie?

HELGA LÖBEL: Nicht zwingend, weil "Even Closer - hautnah" eine andere Wertigkeit hat und für einen anderen Partner entstanden ist. Durch die andere Ausrichtung, durch die expliziten Sexszenen, brauchte es durchaus Personal mit anderen Spezifikationen. Einige Team-Mitglieder der UFA Serial Drama habe ich aber mitgenommen, etwa unseren DOP Jens E oder den Produktionsleiter Marc Waterkamp, mit dem ich schon seit drei Jahren zusammenarbeite. Das Casting hat die UFA Talentbase verantwortet.

Zu den Sexszenen kommen wir gleich. Zuvor noch eine Frage zum Schauplatz. Die Stage School Hamburg, an der die Protagonisten ihre Ausbildung machen, existiert wirklich. Gab es eine Zusammenarbeit?

HELGA LÖBEL: Die Serie spielt an einer fiktiven Schule in Hamburg, die einfach nur Stage heißt, aber sie ist an die Stage School, die ja eine Musical-Schule ist, angelehnt. Uns verbindet eine hervorragende Zusammenarbeit, weil die Stage School die Fachberatung zum Beispiel bei den Drehbüchern übernommen hat. Auch der Kontakt zu unserer Choreographin Emma Hunter kam darüber zustande. Schon bei der E-Book-Reihe spielte die Stage School eine Rolle. Insofern war es ein kleiner Schritt zu der Zusammenarbeit.

Neben dem Tanzfokus ist an "Even Closer - hautnah" bemerkenswert, wie viel Raum das Sexleben der Figuren einnimmt und wie freizügig und unverkrampft Sie das darstellen. War das von Anfang an das erklärte Ziel oder hat sich das in der Zusammenarbeit ergeben?

HELGA LÖBEL: Es war von Anfang an das Ziel, aber auch die Challenge. Ich habe mir immer gewünscht, dass es eine Serie gibt, die aus weiblicher Perspektive Sexualität und Nacktheit zeigt und darstellt. Sexualisierte und nicht-sexualisierte Nacktheit. Ich glaube, dass ein verschobenes Bild von Sexualität und Nacktheit existiert und ich fand es wichtig, dass wir das gerade für junge Menschen und aus der weiblichen Perspektive erzählen. Das wollte ich mit einer Tanzserie verbinden und so einen USP kreieren. Tanzen und Sex liegen sehr nahe beieinander, in der Visualität, der Emotion, der Körperlichkeit. Spätestens seit "Dirty Dancing" dürfte das bekannt sein.

Der Cast ist bis auf Lion Wasczyk voller Neuentdeckungen. Sie brauchten Schauspieler, die tanzen konnten und keine Probleme mit Nacktheit hatten. Das hat die Auswahl bestimmt stark eingeschränkt?

HELGA LÖBEL: Absolut. Es mussten viele Kriterien erfüllt werden. Dazu kam noch die Pandemie. Wir haben im Januar 2020 angefangen und bis in den August hinein gecastet. Ein Wahnsinn. Mit E-Casting und Vortanzen via Handyvideos. Dass es uns gelungen ist, diesen Cast am Ende zu finden, empfinde ich als kleines Wunder. Man kann da die UFA Talentbase nicht genug loben.

Intimität vor der Kamera ist nicht zuletzt dank #MeToo ein öffentliches Thema geworden. Inzwischen gibt es den Beruf des Intimacy-Coordinators. Wie haben Sie das bei "Even Closer - hautnah" gehandhabt?

HELGA LÖBEL: Das war das Erste worüber wir uns Gedanken gemacht haben. Mir war aber auch wichtig, das Ganze nicht zu problematisieren. Mir ging es darum, es positiv aufzuladen und mit ganz viel Vertrauen und Transparenz anzugehen. Ich habe jemanden gesucht, der das erfüllt und habe Paulita Pappel gefunden, eine wunderbare Person, die sich, weil sie aus der alternativen Porno-Szene kommt, sehr viel mit Sex beschäftigt. Anders als dies bei klassischen Intimitätskoordinatoren der Fall ist, hat sie mich bereits bei der Entwicklung des Projekts und bei ersten Testdrehs beraten. Es ging auch darum eine Sprache für die Umsetzung zu finden. Es ist nicht so einfach, wenn Sie mit einem Team, mit Schauspieler*innen anfangen müssen, über Intimfrisuren zu sprechen. Oder darüber, wie wir zeigen, dass jemand einen Orgasmus hat. Wer kommt wann, wer zieht sich wo, wie aus? Paulita war auch dafür im Boot, um das locker am Konferenztisch besprechen zu können. Den Dreh hat sie dann wie eine klassische Intimacy Coordinatorin begleitet mit verschiedenen Vertrauensübungen, Besprechungen und Choreographien der Szenen. Zu dritt, Paulita, Regisseurin Raquel Stern und ich, haben wir besprochen, wie weit wir gehen wollen. Wann ist es wichtig, ganz nackt zu sein, wann nicht. Ein Problem vieler Filme und Serien ist auch die Übererotisierung von Sexszenen. Es wird wild gestöhnt und Vieles erscheint unglaubwürdig. Uns ging es darum, immer glaubwürdig zu sein und auch schlechten Sex zu zeigen, auch aggressiven Sex. Es ging uns darum, verschiedene Facetten von Sexualität aus weiblicher Sicht abzubilden.

So außergewöhnlich die Herangehensweise und das Genre sind, so klassisch ist die Figurenkonstellation von "Even Closer - hautnah".

HELGA LÖBEL: Wir erzählen eine ganz universelle und klassische Geschichte, weil wir ein Format schaffen wollten, das unterhält. Natürlich war mir wichtig Sexualität aus der weiblichen Perspektive zu zeigen, im Zuge der #MeToo-Debatte die Dinge umzudrehen und den männlichen Part auch mal als Objekt zu betrachten, aber ohne, dass es zur politischen Serie oder feministisch überladen wird und solche Begriffe überstrapaziert werden. In einer universellen Geschichte habe ich eine viel größere Chance, diese weibliche Perspektive und den politischen Aspekt mit zu verpacken. Ich glaube, das kommt bei den Zuschauer*innen viel besser an, als eine offensive Aussage.

Dieser weibliche Blick scheint sich auch sehr stark in Ihrem Team widerzuspiegeln. Wie sind Sie hier in der Zusammensetzung vorgegangen?

HELGA LÖBEL: Das Ziel war schon, in den Führungspositionen Frauen zu besetzen. Frauen werden im Film zwar viel besetzt, aber nicht immer in den Head-Ofs. Das Ziel war auch in männerdominierten Departments wie z.B. Ausstattung Frauen zu besetzen. Bei 80 Prozent der Positionen ist uns das gelungen. Es gab natürlich kein Männerverbot, denn Gleichberechtigung funktioniert auch andersherum. Aber in manchen Positionen waren keine Frauen zu finden, und das ist bezeichnend.

Eine Kamerafrau war nicht zu finden?

HELGA LÖBEL: Für die Kamera war Jens E. Tukiendorf gesetzt. Er war mein Partner, um diese Visualität zu entwickeln, gerade auch in der Drehgeschwindigkeit, die wir leisten mussten. Aber zum Beispiel beim Ton hätte ich gerne an allen Stellen Frauen besetzt. Das ist uns nicht gelungen. Ein hundertprozentiges Frauenteam ließ sich nicht umsetzen. Aber das muss auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Es kann auch einschränken, zumal ja aus Frauenperspektive der männliche Blick spannend ist. Deshalb war auch beim Autorenteam neben Julia Meimberg und Kristin Schade, ein Mann, Paul Schwarz, dabei.

Nun haben Sie mitten in Pandemie-Zeiten eine Serie gedreht, die absolut keine physische Distanz brauchen kann. Inwieweit haben Sie von den Erfahrungen Ihrer Firma aus "Sunny" und aus den Dailys profitiert?

HELGA LÖBEL: Das ist das Schöne, wenn man in so einem großen Unternehmen arbeitet. Am Ende macht das die Stärke der UFA aus, dass wir alle voneinander lernen und profitieren können. Ich kann die Erfahrungen, die andere Produzentenkollegen und -kolleginnen schon gemacht haben, anwenden. Wie Sie richtig vermuten, haben wir von "Sunny" und den Dailys viel gelernt. Wir haben auch eine Quarantäne-WG gemacht, der Hauptcast hat dort fünf bis sechs Wochen verbracht. Wir haben das klassische Verfahren angewandt mit regelmäßigen Testungen des Hauptcasts und vieler Teammitglieder. Auch bei der fünften Staffel von "Spotlight" haben wir bereits auf eine Quarantäne-WG gesetzt. Ich glaube, im Jahr 2020 gab es sehr viele Quarantäne-WGs.

Ging alles reibungslos über die Bühne?

HELGA LÖBEL: Ja, wir sind ohne einen einzigen Positiv-Befund durchgekommen. Mein erster Gedanke war tatsächlich, was es für ein Wahnsinn ist, 2020, im Jahr der Pandemie, eine Serie zu drehen, die "Hautnah" heißt. Die Quarantäne-WGs sind zwar kostenintensiv, aber man findet einen Workaround. Schwierig ist es, wenn Nebendarsteller*innen hinzukommen, dann wird die ganze Organisation ziemlich aufwändig. Es ist irre, was da im Produktionsteam an kleinteiliger Arbeit geleistet werden muss. Ein anderer großer Aspekt, wenn es um Corona-Maßnahmen geht, ist die Postproduktion, die bei uns mitten in den harten Lockdown fiel. Natürlich kann man sehr viel remote machen, aber es sind alles neue Wege, die man hier beschreitet und daher muss auch ein großer bzw. anderer Aufwand, betrieben werden. Eine Mischung oder ein Colour-Grading kann man zum Beispiel nicht von Zuhause aus machen. Wir haben mit räumlich größeren Studios, Luftfiltern, entsprechenden Masken etc. arbeiten müssen.

Inwieweit ist TVNow als Auftraggeber oder Plattform für die besondere Herangehensweise bei "Even Closer - hautnah" ausschlaggebend? Oder anders gefragt: Könnten Sie sich die Serie genauso gut im linearen Free-TV vorstellen?

HELGA LÖBEL: Es ist eine explizite Serie, die weitergeht als andere. Allein dadurch hat es aus sich heraus eine Plattformberechtigung. Es ist eben keine Serie xyz, die auch linear laufen könnte. Die Zusammenarbeit mit TVNow war von sehr viel Vertrauen geprägt. Allen voran durch Henning Tewes, aber auch durch Hauke Bartel und Frauke Neeb. Die Redakteurin Jean Young-Kwak war eine sehr mutige Sparringspartnerin. Wir haben für dieses Experiment, denn nichts anderes war es, einen enormen Vertrauensvorschuss bekommen.

Sie haben vorhin an einer Stelle die Produktionsgeschwindigkeit erwähnt. Ist das ein Charakteristikum, dass alles schneller geht bei den Plattformen, auch in den Entscheidungsfindungen?

HELGA LÖBEL: Das stimmt schon. Gepitcht habe ich im Mai 2019. Ein paar Monate später war der Entwicklungsauftrag da und es ging los. Aber es liegt auch nahe: Wenn eine Plattform an den Start geht, braucht sie Inhalte. Zurecht wird dann auch danach gefragt, wie schnell man etwas auf die Beine gestellt bekommt. Wenn die Pandemie nicht gekommen wäre, wäre einiges wohl noch zügiger gegangen. Aber ich hatte 2019 beim Pitch schon den 14. Februar 2021 als Startdatum im Sinn und habe gesagt, wäre es nicht toll, wenn wir zum Valentinstag starten können? Dass das jetzt eintritt, freut mich total.

Die Serie wurde von UFA Serial Drama und nicht von UFA Fiction produziert, darf man das als Hinweis darauf interpretieren, dass ihr ein langes Leben bevorstehen soll?

HELGA LÖBEL: Unbedingt. "Even Closer - hautnah" ist darauf ausgelegt, eine Marke zu werden. Ich habe bislang eigentlich nur für Marken gearbeitet oder selbst Marken kreiert. Insofern habe ich eine hohe Affinität dazu, weil ich die Welt, die um so eine Marke herum entstehen kann, sehr interessant finde. Jetzt schauen wir mal, ob die sechs Folgen ihr Publikum finden. Aber ich bin superoptimistisch.

Was steht als nächstes für Sie an?

HELGA LÖBEL: Bei meiner Markenaffinität halte ich natürlich gerne an den bestehenden Formaten fest und entwickle sie weiter. Das betrifft "Spotlight" und dann hoffentlich auch "Even Closer - hautnah". Ich firmiere zwar unter der UFA Serial Drama, entwickle aber auch für die UFA Fiction. Es könnte schon bald etwas spruchreif sein.

Das Interview führte Frank Heine