Kino

Leserbrief: "Jeder Betrieb muss die sinnvollste Vorgehensweise finden"

Sein Haus blieb seit dem ersten Lockdown geschlossen: In einem Leserbrief schildert Jurij Stroeve vom Kino-Center Rhein-Ahr, weshalb er vor allem die Verleiher in der Pflicht sieht, Wiedereröffnungen zu ermöglichen.

09.02.2021 09:17 • von Marc Mensch
Jurij Stroeve (Bild: Privat)

Die aktuellen Bemühungen um einen einheitlichen Wiedereröffnungstermin hält er für sinnlos, Kritik an einem nach dem ersten Lockdown nicht wieder aufgenommenen Spielbetrieb für nicht nachvollziehbar. Weshalb er sein Haus geschlossen hielt und welche Verantwortung daran aus seiner Sicht die Verleiher tragen, schildert Jurij Stroeve, Betreiber des Kino-Centers Rhein-Ahr in einem Brief, den Sie hier im Wortlaut lesen können:

"Irritiert verfolge ich seit Monaten die Diskussionen um mögliche Lockerungen, Öffnungsszenarien und Verantwortungsvorwürfen. Jüngst gab es in einem offenen Brief Kritik an dem Vorgehen einiger Kinobetreiber, die wie wir zwischen dem ersten und zweiten Lockdown ihr Kino geschlossen ließen. Absolut nicht nachvollziehbar, so werden auch die geschätzten Kollegen*innen wissen dass es einem gewissen Schwellenwert an Besuchern bedarf um ein Kino rentabel betreiben zu können. Mit etwas Vorausplanung war gut abzuschätzen wie hoch die zu erwartbaren Besucherströme im letzten Sommer sein würden. Für viele Kinos war es die wirtschaftlich klügere Vorgehensweise ihre Kinos, vor allem an Ermangelung von zugkräftiger Filmware, durch Kurzarbeit, Rücklagen und Überbrückungshilfen geschlossen zu lassen, als sich mit viel Mühe und privaten Einsatz für Verluste an die Kinokassen zu stellen. Ja es ist eine Lose-Lose Situation für alle Beteiligten, dennoch ist es die bessere wenn eben dieses Vorgehen bedeutet, dass ich und andere Kolleg*innen auch in Zukunft noch bestehen können. Jeder Betrieb muss die für sich sinnvollste Vorgehensweise finden im Abgleich mit Verbindlichkeiten und Kosten und danach handeln. Eine gemeinschaftliche Öffnung der gesamten Branche wird es ohnehin nicht geben können, da alle Bundesländer unterschiedliche Inzidenzen haben und damit Lockerungen einhergehen. Darüber können wir uns jetzt wieder beschweren aber man muss endlich mal aufhören die Politik oder sonst irgendwen für diese weltweite Naturkatastrophe verantwortlich zu machen, die eigene Nase ist gefragt. Wir, unsere Branche hat es versäumt nachhaltig aufgestellt zu sein, nicht die Politik.

Dem Vorwurf dass durch zu wenig geöffnete Standorte Verleiher Ihre Filme zurück halten widerspreche ich. Die Verleiher haben Ihre Ware frühzeitig vom Markt genommen, nicht oder sehr spät kommuniziert und keine Perspektiven für Wiedereinsätze gestellt. Große Majors verschieben ihre Blockbuster auf die die meisten Kinos in Deutschland so dringend angewiesen sind auf unbestimmte Zeit. Soll das jetzt bedeuten, dass wir erst die Kinos gemeinschaftlich mit Verlust für Wochen aufmachen müssen um darum zu hoffen, dass wir eventuell entsprechende Filme geliefert bekommen? Ich sage Nein. Wenn überhaupt muss es entsprechend genau andersherum laufen. Es werden Filme angekündigt und wir versuchen bis dahin mit so vielen Kolleg*innen wie möglich zu öffnen. Unverständlich meinen Sie? Berechtig sage ich. Jeder von uns hat Hunderttausende bis Millionen pro Standort in eine Technologie investiert die ohne die Vorgaben und Normen einer DCI der Major Studios nur ein Drittel kosten würde. Ein Kinoprojektor kostet pro Saal im Schnitt siebzig tausend Euro. Ich erhalte selbigen, in besserer Qualität und Ausbaustufe aus der Veranstaltungsbranche für eben einen Bruchteil dieses Preises ohne diese Normvorgaben.

Was hat es gebracht? Gar nix, die Filme werden in Russland abgefilmt und landen trotzdem am Starttag oder davor im Netz, weil an anderen Stellen wie in der Vertonung oder im Blu-Ray Presswerk geschlampt wird und Kriminelle Zugang haben. Der kleine Betreiber muss aber um seine Einnahme zittern wenn sein Projektor einen Defekt aufweist, weil die Reparatur durch diese Spezialisierung unverhältnismäßig teuer ist. Da wir diesen Schritt mitgegangen sind und investiert haben, damit Filmverleiher diese Sicherheitsmerkmale für ihre Ware im Abspiel garantiert haben erwarte, ja ich verlange sogar dass wir gesichert mit exklusiver Ware beliefert werden. Das ganzjährig, klug und vorausschauend verteilt über alle Monate hinweg und in bester Blockbuster Qualität.

Mein Kinobetrieb ist komplett modernisiert. Wir haben investiert und wirklich alles auf den besten Stand der Kinotechnik gebracht. Der Komfort für den Kunden ist gestiegen, Ledersessel, großzügige Abstände für Privatsphäre, digitales kundenorientiertes Marketing auf allen Plattformen, faire Preise und viele weitere Maßnahmen um den Kinobesuch zu einem echten Erlebnis und einer Alternative zum heimischen Flatscreen zu machen. Was haben die Filmverleiher bis heute modernisiert? Ich sehe nur ein Business as usual. Selbst im Jahre 2020 habe ich noch beobachtet wie selbst die größten Filmkonzerne dieser Welt es nicht schaffen für ihre fünfzehn Starts im Jahr eine eigene Instagram- oder Facebookseite anzulegen.

Das erledige ich Ihnen an einem Arbeitstag und zwar für alle Filme, so einfach geht das heute. Informationen kommen bei mir als Betreiber nicht an, Einladungen wie der von Studiocanal zur Tradeshow letzte Woche fehlen und bei Filmverschiebungen, also unserem essentiellen Geschäft gibt es nicht einmal eine Email. Wie schwer kann es heute für einen Filmverleiher sein die eigene Kundendatenbank zu pflegen und wenigstens alle Emailadressen der paar hundert Betreibern korrekt parat zu haben? Wie schwer kann es sein, mich und Kolleg*innen zu informieren wenn es aus verständlichen Gründen zu einer Verschiebung eines Filmes kommt, der bei mir je nach Filmjahr über Gewinn oder Verlust meiner Unternehmung entscheidet? Soll ich Applaus klatschen wenn als einzige eine Constantin innerhalb einer unsicheren Zeit Filme zur Verfügung stellt, die aus der Filmförderung, also einer Abgabe an der ich mich beteilige finanziert wurden?

Bei mir bedankt sich auch keiner aus der Branche, dass ich mit meinem finanziellen Engagement nicht die billigsten Kinostühle einbaue um langfristig mehr Kinobesucher zu begeistern die Filmware zu sichten, anstatt auf Profit zu schielen. Immerhin hat die Studiocanal als einziger Partner es geschafft die Digitalisierung etwas zu nutzen ihren Kunden etwas anzubieten, nur um auch mal etwas positives in dieser schwierigen Situation hervorzuheben. Wenn wir so unterirdisch mit unseren Kunden kommunizieren würden wie die Verleiher mit uns, dann gäbe es keinen Kinomarkt und auch keine Filmverleiher mehr.

Die durchschnittlichen 125 Millionen Kinobesucher der letzten 28 Jahre sinken seit 2018 rapide. Ich hatte in 2019 mein umsatzstärkstes Jahr. Liegt es also an mir dass der Gesamtmarkt weniger Besucher hat, weil ich den Kinobetrieb nicht bei der erst besten Gelegenheit öffne und jede noch so absurde Vorstellungszeit spiele oder überzogene Leihmieten für einen unterdurchschnittlichen Film bezahle? Es alles einfach nur noch unverschämt. Werden Sie endlich flexibel, modern, zeitgemäß und zwar Allesamt von Verleihern über Kolleg*innen. Wir haben jetzt die Möglichkeit uns mit neuen flexibleren Auswertungsmodellen zu beschäftigen und gemeinsam mit Kino und Verleih an einer Zeit nach der Pandemie zu arbeiten bei der wir alle gewinnen. Denn ein "Weiter so" kann es nicht geben. Die starren Bezugskonditionen werden im Anschluss an Corona den letzten Betreiber in die Knie zwingen und den Kinomarkt unter 100Millionen Kinobesucher fallen lassen. Dafür gibt es heute einfach zu viele Alternativen für Endkunden als das Kino.

Denken Sie alle mal einen Schritt weiter. Diese Pandemie ist unbezweifelt das schlimmste was unserer Branche passieren konnte und sie ist noch lange nicht am Ende. Man muss kein Virologe sein um nach 11 Monaten endlich zu verstehen, dass wir uns in einer wackeligen und instabilen Situation befinden. Schminken sie sich die Öffnung im April ab. Wenn die Mutante ausbricht, und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dann sprechen wir uns erst 2022 wieder. Selbst wenn es besser kommt, eine Maskenpflicht oder andere einschränkende Auflagen werden den Kinobetrieb weiter unwirtschaftlich machen, zumindest für eine ganze Weile nach Lockerung. Aber was dann? Welche Filmware wird gezeigt? Ich werde bis zu einer adäquaten Belieferungssituation der Filmverleiher mein Kino weiter geschlossen lassen, selbst wenn das noch bis 2023 dauert. Ja wir brauchen Filme wie James Bond. Wenn ich diese nicht mehr beziehen kann, stampfe ich mein Kino ein, denn das Geschäftsmodell macht so keinen Sinn mehr. Die Fixkosten eines Kinobetriebes sind zu hoch um nur mit sogenannter "Mittelware" zu bestehen. Ich verlange beliefert zu werden und zwar mit Perspektive. Kommunizieren Sie endlich vernünftig und schnell. Wir haben investiert, die Kinos sind landauf-landab absolut Premium geworden. Wir haben den Staub abgeschüttelt, jetzt sind die Verleiher am Zug. High-End Kinos verlangen High-End Ware und sonst nichts. Für alles anderegibt es alternative Auswertungskanäle."