Produktion

York-Fabian Raabe: "Kulturelle Authentizität herstellen"

York-Fabian Raabe räumte mit seinem Langfilmdebüt "Borga" beim Filmfestival Max Ophüls Preis ab. Über die schwierige Produktion des in Ghana und Deutschland realisierten Dramas und das Spezielle eines Onlinefestivals spricht er hier.

05.02.2021 08:38 • von Heike Angermaier
York-Fabian Raabe über "Borga" und das Max-Ophüls-Preis Festival (Bild: ViewYork)

Der Kasseler Filmemacher York-Fabian Raabe räumte mit seinem Langfilmdebüt Borga" beim Filmfestival Max Ophüls Preis ab. Das in Ghana und Deutschland realisierte Drama wurde vierfach beim Online-Festival ausgezeichnet.

Herzlichen Glückwunsch zu den vier Auszeichnungen für "Borga". Über welchen der Preise haben Sie sich am meisten gefreut?

YORK-FABIAN RAABE: Ich habe mich über alle Preise sehr, sehr gefreut, am meisten aber über den Preis für den gesellschaftlich relevanten Film. Er steht für Eugene Boatengs außergewöhnliche, schauspielerische Leistung! Er steht aber auch für seinen großen Einsatz in unserer Zusammenarbeit, kulturelle Authentizität in "Borga" herzustellen.

Wie war es für Sie, am Festival nur virtuell teilnehmen zu können?

YORK-FABIAN RAABE: Die Festivalerfahrung war in vielen Bereichen ganz anders als auf einem nicht-digitalen Festival. Im Fokus stand für mich viel mehr die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Filmen und weniger der soziale Austausch in Form von Events, die sonst im Zuge des Festivals stattfinden. Für uns kam bzgl. des Arbeitsaufwands noch dazu, dass wir jeden Tag ein Facebook-Live-Interview-Format, die "Borga Hour", gesendet haben. Und obwohl mir der persönliche Austausch mit unserem Publikum und die Möglichkeit, unseren Film im Kino zu präsentiere, sehr gefehlt haben, haben wir auf der anderen Seite viel mehr Menschen erreichen können. Auf einmal war der Max Ophüls Preis nicht nur in Saarbrücken sondern in ganz Deutschland. Dazu kam, dass das Team des Max Ophüls Preis sowohl für mich als Filmemacher als auch für unsere Zuschauer eine unglaublich tolle Arbeit geleistet hat. Ich denke, man sollte sich deshalb für die Zukunft generell überlegen, ob eine Hybridform für Filmfestivals auch nach Coronazeiten sinnvoll sein könnte.

Wie schwierig war es, ihr Langspielfilmdebüt auf die Beine zu stellen, das kein leichtes Thema aufgreift und zu großen Teilen in Accra spielt?

YORK-FABIAN RAABE: Bisher scheinen meine Filmprojekte bei Entwicklungsstart vor ihrer Zeit zu sein. Bei meinem ersten Kurzfilm Zwischen Himmel und Erde", erhielt ich beispielsweise keine Unterstützung, u.a. mit der Begründung, dass das Thema "Flucht nach Europa" nicht relevant sei. Der Film gewann dann 2011 den Max Ophüls Preis. 2015 bestimmte die Flüchtlingskrise unsere Nation.

Bei "Borga" war es dann wieder schwierig, Entscheidungsträger zu überzeugen. Ohne meinen Kreativpartner Eric Golub, meine Redakteurin Stefanie Groß vom SWR, die sich vom ersten Tag an für uns eingesetzt hat, Alexander Wadouh von Chromosom Film, der einen großartigen Job als Produzent geleistet hat und Conny Hermann, die unser Projekt über die Jahre dramaturgisch betreut hat, wäre "Borga" nie zu Stande gekommen. Natürlich hatten wir noch weitere großartige Unterstützer und es wurden immer mehr im Laufe des Projektes. Gemeinsam konnten wir überzeugen, aber es war knapp.

Inwieweit half Ihnen die Arbeit an den Kurzfilmen "Sodoms Kinder" bei der Umsetzung?

YORK-FABIAN RAABE: "Sodoms Kinder" ist im Zuge der Recherche zu "Borga" entstanden. "Borga" spielt u.a. mit den Themen Globalisierung und Kreisläufe. Die Elektroschrottmüllhalde Agbogbloshie, die in "Borga" und "Sodoms Kinder" dargestellt wird, basiert auf der unkontrollierten Entsorgung von westlichem Elektroschrott. Somit beginnt "Borga" auf eine gewisse Weise sowohl in Ghana als auch in Deutschland. Und der Film endet für mich auch auf eine ganz andere Weise in Ghana und in Deutschland. "Sodoms Kinder" stellt also den Ausgangspunkt für "Borga" dar. Dazu kam, dass wir durch den Film mit der gemeinnützigen Organisation Chance for Children, die sich herzlich um Straßenkinder in Agbogbloshi kümmert, in Berührung kamen. Sie haben uns beigebracht, welche Besonderheiten im Umgang mit Straßenkindern zu beachten sind und uns geholfen Straßenkinder zu finden, für die unser Dreh keine negative Belastung darstellt.

Wie kamen Sie zu ihrem Hauptdarsteller Eugene Boateng und ihrer weiteren Besetzung?

YORK-FABIAN RAABE: Ich kenne Eugene seit über zehn Jahren und ich hatte ihn schon beim Schreiben im Hinterkopf. Nichtsdestotrotz gab es diverse Castings, wo Eugene auf ganzer Linie überzeugte. Beim Konstellationscasting mit Christiane Paul entstand dann eine besondere Energie zwischen den beiden, die es für mich bis auf die Leinwand geschafft hat. Ein entscheidendes Kriterium für die ghanaischen Charaktere in Deutschland war neben ihrem Spiel, dass sie fließend TWI oder Fante sprechen mussten. Das Casting in Deutschland wurde von der Casterin Manolya Mutlu betreut, das Casting in Ghana von MK Casting geleitet. Mawuko Kudazi und sein Team haben dabei großartige Arbeit geleistet und konnten tolle Schauspieler, vom talentierten Laiendarstellern bis hin zu ghanaischen Superstars, wie Lydia Forson und Adjetey Anang, für unser Projekt gewinnen.

Der Max-Ophüls Preis für den besten Film geht an Regie, Produktion und Verleih. Haben Sie bereits einen Verleih gefunden?

YORK-FABIAN RAABE: Der Erfolg auf dem Max Ophüls Preis und ganz besonders der Erfolg beim Publikum hat die Herausbringungsperspektive des Films stark verändert. Es zeigt sich, dass diverse Filme längst nicht nur überfällig sind, sondern auch vom Publikum gewollt. Dabei sind wir selbst überrascht, wie breit die Zielgruppen des Films ist. Mit unserer Social Media Agentur monitoren wir kontinuierlich die Bewegungen in den sozialen Medien. Diversität ist dabei aber nur ein Attribut, weshalb der Film positive Resonanz erfährt, das "menschliche" Schauspiel, die liebevoll gezeichneten Charaktere, der existenzielle Kampf in Kombination mit dem Ende und die hochwertige Präsentation sind weitere Attribute, aber bei weitem nicht alle. Wir sind nun im Gespräch mit Partnern, die zum einen mit uns in diesem neuen Feld lernen wollen und die zum anderen Knowhow und Netzwerk in der klassischen Vermarktung haben.

Wie investieren Sie ihr Preisgeld?

YORK-FABIAN RAABE: Meinen Anteil des Preisgeldes werde ich aufteilen. Einen Teil spende ich an Chance for Children. Einen Teil bekommen Personen, die mir während des Projektes geholfen haben und einen Teil behalte ich für mich.

Was gehen Sie als nächstes an?

YORK-FABIAN RAABE: Ich entwickele gerade ein neues Projekt, das auch zum Teil in Ghana spielen soll. Es befindet sich noch in einer frühen Phase. Ich bin aber auch offen, fremde Drehbücher zu verfilmen. Dies können gerne auch Genrestoffe sein; mein Guilty Pleasure wäre eine Motorsportverfilmung. Die Geschichten sollten aber zu mir und meinen handwerklichen Ansprüchen passen.

Sie haben mit ViewYork eine eigene Produktionsfirma, mit der Sie auch Werbung machen, und eine Social Media Agentur. Wollen Sie in Zukunft mehr Filme realisieren?

YORK-FABIAN RAABE: ViewYork und Kinofilme führen eine Koexistenz im Leben von Eric Golub, meinem Geschäfts- und Kreativpartner, und mir. Wir widmen uns beiden mit großer Leidenschaft, so wurden wir beispielsweise letztes Jahr mit dem Deutschen Agenturpreis für das Corona-Krisenmanagement eines unserer Teams ausgezeichnet. Diese Koexistenz ist zuweilen sehr anspruchsvoll, beide Bereiche profitieren aber voneinander. Beispielsweise profitiert der Social-Media-Bereich stark von der präzisen Auseinandersetzung mit Emotionalität bei der Regiearbeit. Das Filmemachen wiederum profitiert beispielsweise vom direkten Austausch mit Zielgruppen im Social-Media-Bereich. Wir werden diesen Doppelweg weiter verfolgen, hoffen aber mehr Filmprojekte realisieren zu können.

Die Fragen stellte Heike Angermaier