Produktion

Christopher Zwickler: "Würde Mozart sicherlich auch super finden"

Die Produzenten Christopher Zwickler und Fabian Wolfart wagen in den Bavaria Studios eine moderne Neuinterpretation von Mozarts "Zauberflöte" mit internationalem Cast. Auch Tobis-Geschäftsführer Timm Oberwelland ist im Interview vom frischen Ansatz begeistert, an dem ebenso Roland Emmerich beteiligt ist.

04.02.2021 09:03 • von Michael Müller
Die Produzenten Fabian Wolfart (l.) und Christopher Zwickler am Set (Archivbild) (Bild: Andreas Schlieter)

Die Produzenten Christopher Zwickler und Fabian Wolfart wagen in den Bavaria Studios eine moderne Neuinterpretation von Mozarts "Die Zauberflöte" mit internationalem Cast (Jeanne Goursaud, Iwan Rheon). Auch Tobis-Geschäftsführer Timm Oberwelland ist im Interview vom frischen Ansatz begeistert, an dem ebenso Roland Emmerich beteiligt ist. Drehstart ist am 8. Februar.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Film aus dem Opern-Klassiker "Die Zauberflöte" zu machen?

CHRISTOPHER ZWICKLER: Die Idee ist vor etwa zwei bis drei Jahren entstanden. Wir hatten das Gefühl, dass es trotz beachtlicher Adaptionen dieses Werkes in der Filmgeschichte noch nicht "die" Version gibt, wofür die Menschen eigentlich Mozarts Oper lieben. Sie ist bunt, spricht ein breites Publikum an und bringt zudem viele Fantasy-Elemente mit, die man mit den heutigen Mitteln der Visual Effects überzeugend umsetzen kann. Darüber hinaus ist die Marke extrem bekannt: Wahrscheinlich sind es 90 Prozent in unserer Zielgruppe, die "Die Zauberflöte" kennen, was unsere Marktforschungen belegt haben. Auch weltweit gesehen ist sie eine der bekanntesten und beliebtesten Opern der Welt.

FABIAN WOLFART: Dann fanden wir gemeinsam mit Regisseur Florian Sigl recht schnell die Rahmengeschichte, die bei unserem Film die eigentliche Handlung der "Zauberflöte" umschließt, um ein noch breiteres und jüngeres Publikum anzusprechen. Unser Protagonist ist nicht direkt ein Prinz in einer Zauberwelt, die einem fremd vorkommen mag, sondern ein ganz normaler Junge in London, der in dieses Abenteuer hineingerissen wird.

Die Oper in Form von Live-Übertragungen hat sich gerade in den vergangenen Jahren eine lukrative Nische im Kino aufgebaut. Aber haben Sie nicht die Angst, bei einer Neuverfilmung von "Die Zauberflöte" auch in diese Nische zu rutschen?

CHRISTOPHER ZWICKLER: "Die Zauberflöte" ist aufgrund ihrer großen Bekanntheit eine sehr potente Grundlage für den Erfolg. Natürlich muss man bei einigen Zuschauern diese Marke erst einmal wieder ins Gedächtnis rufen. Aber an sich ist der Titel fest in den Menschen verankert. Und wenn man dann zum Beispiel kommerzielle Stage-Musicals dagegenhält, sieht man schnell, dass die Ticketumsätze der "Zauberflöte" die der Musicals übertreffen. Jedes Jahr sehen eine hohe sechsstellige Zahl von Zuschauern diese Oper - ob das jetzt die Deutsche Oper in Berlin, eine kleinere Stadtbühne oder sogar eine Wanderproduktion ist. Das Stück ist nahezu immer ausverkauft. Bei einer Verfilmung vom "Nussknacker" wäre man sicher auch schnell dazu geneigt, das Ballettstück einer Nische zuzuordnen. Doch auch hier beweist die Verfilmung von Lasse Hallström und Joe Johnston das Gegenteil und der Film hat in Deutschland über eine Million Zuschauer in die Kinos gelockt.

TIMM OBERWELLAND: Wir sehen das Projekt alles andere als "nischig", sonst wäre die Tobis auch nicht mit so einem ordentlichen Engagement als Koproduzent und Verleih mit dabei. Es geht nicht um die Oper allein, sondern es ist ein völlig neuer Ansatz, den die Produzenten und der Regisseur hier erzählen. "Die Zauberflöte" ist eine Geschichte in der Geschichte. Einerseits kann so auf die Bekanntheit der Marke "Zauberflöte" aufgebaut werden, andererseits bringen wir sie auf eine Art und Weise dem Publikum näher, die viel massentauglicher ist als die Oper allein. Das ist ein modern erzählter Kinofilm mit einem jungen internationalen Lead-Cast. Das gab es in der Form auch noch nie. Deswegen sehen wir hier das Potenzial für einen Film, der das große und breite Publikum ansprechen kann.

Dann sprengt der Film auch die Struktur der klassischen Oper auf, die normalerweise mit ihren Musikeinlagen auf eine Laufzeit von knapp drei Stunden kommt?

CHRISTOPHER ZWICKLER: Wir haben natürlich alle wichtigen Arien aus der Oper im Film. Die Rezitative, also die - wenn man so möchte - langgezogenen gesungenen Dialogpassagen haben wir in einen natürlichen Dialog umgewandelt, der zum Medium Film passt. Natürlich mussten wir bei einem Film, der auch eine Rahmengeschichte besitzt, das Ganze auch darüber hinaus etwas verknappen und bestimmte Aspekte hinter uns lassen, aber der Idee Mozarts gleichzeitig treu bleiben. Das fällt einem nicht leicht, aber das fällt einem grundsätzlich beim Filmemachen nicht leicht. Wichtig ist, dass wir den Zuschauern das geben, wofür jeder "Die Zauberflöte" liebt und wofür die Menschen auch ins Kino gehen werden - und das werden sie auch bei uns bekommen.

Wie kam es, dass auch Roland Emmerich einer der Koproduzenten des Projekts wurde?

CHRISTOPHER ZWICKLER: Roland Emmerich ist seit Beginn der Idee als Mentor und Koproduzent mit dabei. Irgendwann erzählte ich, dass ich gerne eine Verfilmung von der "Zauberflöte" produzieren wollte. Da sagte er, nachdem wir ja vorher schon mal zusammenarbeiten durften, dass er das eine tolle Idee findet und mich unterstützen will. Dann kam Fabian dazu, den Roland auch schon recht lange kennt und das Projekt kam ins Rollen. Es war schnell klar, wenn man solch eine große musik- und bildgewaltige Geschichte erzählen will, dann gehört der Film ins Kino. Ein Straight-to-VoD-Start wäre in unseren Augen verschenkt und so kam dann schnell auch Tobis Film mit hinzu. Tobis ist der Inbegriff eines erfolgreichen deutschen Crossover-Verleihs. Sie können große kommerzielle Boxoffice-Hits erfolgreich herausbringen und haben gleichzeitig ein gutes Gespür für qualitativ hochwertige Produktionen. Das ist genau die richtige Mischung, die wir für unser Projekt auch haben wollen: Eine der wichtigsten hiesigen Kulturgüter Marken gepaart mit den modernen Möglichkeiten des Filmemachens, die ein breites Publikum ansprechen. Das würde Mozart sicherlich auch super finden. Mit der Stiftung Mozarteum zum Beispiel, die den Nachlass von Mozart verwaltet, haben wir uns früh in Kontakt gesetzt. Die fanden das Projekt großartig. Was gibt es Tolleres als Mozart auch einem jungen Publikum schmackhaft zu machen?

Wie sieht der Cast aus?

CHRISTOPHER ZWICKLER: Wir setzen beim Cast auf drei Säulen: Es gibt einen fantastischen britischen Nachwuchs-Cast für die Internatswelt sowie den Prinzen und die Prinzessin in der Zauberwelt. Wir haben die in London ansässige Sophie Holland als Casting Directorin gewinnen können, die zuletzt auch "The Witcher" für Netflix castete. Unser erklärtes Ziel ist ein überzeugender diverser Cast, mit dem sich Zuschauer auf der ganzen Welt identifizieren können. Am Anfang stellten wir uns noch die Grundsatzfrage, ob wir unseren Prinzen im Alter zwischen 16 und 20 Jahren finden können, der auch Mozarts Arien singen kann. Für gewöhnlich sind diese Sänger 40 bis 50 Jahre alt und würden dann auch keine zwölfjährigen Mädchen ins Kino locken, geschweige denn einen glaubhaften Prinzen im Film abgeben. In London haben wir dann schnell eine ganze Reihe an wundervollen Schauspielern und Sängern für dieses Profil gefunden. Es ist ein richtiges Geschenk gewesen, in London zu casten, weil man bei dieser Auswahl gar nicht wusste, für wen man sich entscheiden soll, weil das Niveau sowohl im Schauspiel als auch im Gesang so hoch war. Jack Wolfe ("The Witcher") spielt unseren Prinz Tamino. Auch weitere internationale Schauspieler wie Iwan Rheon (Game of Thrones"), Asha Banks und Amir Wilson (His Dark Materials") gehören zum jungen Cast. Natürlich sind auch ausgewählte Schauspieler aus Deutschland mit dabei wie Jeanne Goursaud (Barbaren"), Jasmin Shakeri, Larissa Sirah Herden (Bad Banks") und Stefan Konarske ("Das Boot"). Und dann gibt es die dritte Säule: Hier haben wir mit Sabine Devieilhe, Rolando Villazón und Morris Robinson absolute Opern-Weltstars mit dabei, die man unter anderem von der MET Opera New York oder auch dem Royal Opera House kennt.

Das musikalische Vorbild des Projekts ist klar. Gibt es auch filmische Vorbilder?

FABIAN WOLFART: Die vorherigen Verfilmungen von "Die Zauberflöte" sind exponierte künstlerische Projekte, jedoch nicht die Filme, mit denen wir unseren Ansatz vergleichen wollen. Mit der Rahmengeschichte gibt es bei uns einen Coming-of-Age-Aspekt wie zum Beispiel in Billy Elliot". Wir dachten darüber hinaus an Milos Formans Amadeus" und seinen genialen Umgang mit Mozarts Musik. Es gibt nicht das eine große Vorbild, weil dafür unser Projekt auch zu besonders ist. Aber auch Musikfilme wie "Les Misérables", "Die Schöne und das Biest" oder "Aladdin" spielen mit rein, die den Zuschauer den Alltag vergessen lassen. Hier kann gerade auch unsere europäische DNA ein klarer Vorteil sein. Unsere Schuluniformen am Drehort Salzburg sehen eben nicht wie aus "Harry Potter" geklaut aus, sondern haben ihren ganz eigenen alpenländischen Charakter.

Wie sind Sie auf den Regisseur Florian Sigl gekommen, der mit "Die Zauberflöte" sein Filmdebüt gibt?

FABIAN WOLFART: Florian kommt aus der klassischen Musik, war am Richard-Strauss-Konservatorium in München und hat unter der Dirigenten-Legende Sergiu Celibidaches gelernt. Er arbeitete erst als Moderator und begann dann in der Werbung für große Marken Regie zu führen. Christopher lernte ihn auf einer Berlinale-Veranstaltung kennen. Von der Idee, "Die Zauberflöte" zu verfilmen, war er sehr angetan. Offenbar schlummerte das Ganze durch seinen klassischen Musikhintergrund auch schon länger in seinem Kopf.

CHRISTOPHER ZWICKLER: Für mich war klar: Wir brauchen einen Regisseur, der diese Bildgewalt, die wir wollen, mit erzählen kann. Auf der anderen Seite brauchten wir jemanden, der die Musik versteht. Wenn wir mit dem Mozarteum oder dem Orchester oder unserem Darsteller Morris Robinson von der Met Opera sprechen, dann ist es unabdingbar, dass man diesen Leuten auch auf Augenhöhe begegnen kann. Das gilt zum Beispiel auch für die behutsamen Kürzungen unserer Verfilmung gegenüber der Oper. Florian Sigl hat aber immer wieder, bei der Vorbereitung, der Drehbuch-Entwicklung und den Screen-Tests, bewiesen, dass er dem Projekt zu 100 Prozent gerecht wird. Wir sind uns sicher, dass dieses Vertrauen in das junge Kernteam aus Regie und Produktion am Ende belohnt wird.

War die Tobis sofort überzeugt bei der Regie-Wahl oder musste sie überzeugt werden?

TIMM OBERWELLAND: Nachdem wir Florian Sigl kennengelernt und uns vertraut gemacht hatten mit seinem Background und seiner bisherigen Arbeit, waren wir gleich überzeugt. Wir sind dafür bekannt, dass wir jungen Talenten gerne eine Chance geben - das gilt für Schauspieler wie Regisseure oder auch Autoren. Es ist nicht immer ausschlaggebend, wie viel Erfahrung jemand schon hatte. Für uns ist wichtig, dass wir von der Person, den Fähigkeiten und der Vision überzeugt sind. Das war hier der Fall. Ein anderes Beispiel aus unserem Metier war die Produktion Das schönste Mädchen der Welt", wo Luna Wedler die Hauptrolle spielte. Da gab es damals auch die Diskussion, ob wir sie oder eine andere Schauspielerin mit mehr Erfahrung nehmen. Wir haben uns für Luna Wedler entschieden, weil wir komplett von ihr überzeugt waren und fühlten uns bestätigt. Ähnlich war es hier. Wir sind überzeugt von den Machern des Projekts

Ursprünglich waren mal die Drehorte Marokko und auch London neben Deutschland geplant. Dann kam Corona. Wie sieht der Plan jetzt aus?

FABIAN WOLFART: Genau, die Zauberwelt sollte ursprünglich in Marokko, die Internatswelt der Rahmenhandlung in Bayern oder Österreich gedreht werden. Mit Corona hatten wir dann das Problem, das Marokko nicht mehr planbar war. Wir wollten aber das Projekt auch nicht auf unbestimmte Zeit aussetzen. Dann überlegten wir, ob wir nicht ein Modell finden, mit dem wir die Zauberwelt in Deutschland in einem Corona-sicheren Setting drehen können. Dafür sind die Bavaria Studios perfekt, da sie nahezu hermetisch abgeriegelt sind und die Menschen auf dem Gelände Maske tragen müssen. Es kam dann schnell auch zur Zusammenarbeit mit Szenenbildner Christoph Kanter, der diverse Michael-Haneke-Filme wie zum Beispiel Das weiße Band" gemacht hat. Er hatte die geniale Idee, dass wir aus einem großen Setting im Studio 9 der Bavaria, drei unterschiedliche Settings machen, die aufeinander aufbauen. Jetzt haben wir die Kombination aus den Sets, VFX und einigen Landschafts-Shots, die auf den Kanarischen Inseln stattfinden sollen. Mit den Internatsszenen gehen wir dann dorthin, wo Mozart auch herkommt, nämlich nach Salzburg. Dort fanden wir das unglaublich schöne Schloss Leopoldskron, das an einem See liegt und wo auch schon "The Sound of Music" gedreht wurde.

Was für Förderung haben Sie erhalten?

FABIAN WOLFART: Wir haben bei diesem Projekt großartige Unterstützung der Länderförderer bekommen - allen voran vom FilmFernsehFonds Bayern. Aus dem internationalen Topf für große Produktionen wurde das Projekt mit 1,6 Millionen Euro unterstützt. Für die Bavaria ist das sicherlich auch eine der größten Bauten seit vielen Jahren und für den Standort Bayern ein tolles Projekt. Wir haben aber auch Länderförderung aus Hessen und Baden-Württemberg erhalten, nachdem dort die Visual Effects mit unserem Partner Pixomondo gemacht werden. Auch die Salzburger Filmförderung ist mit dabei.

Das Interview führte Michael Müller