Kino

KOMMENTAR: Stunde der Streamer

In den letzten Monaten übertreffen die Streamingplattformen ihre eigenen Erwartungen und die der Analysten. Sie treffen auch den Nerv des Publikums mit einem regelrechten Schaulaufen an immer neuen Programmen. Die Medienwelt hat sich verändert.

02.02.2021 07:40 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

In den letzten Monaten übertreffen die Streamingplattformen ihre eigenen Erwartungen und die der Analysten. Sie treffen auch den Nerv des Publikums mit einem regelrechten Schaulaufen an immer neuen Programmen. Die Medienwelt hat sich verändert. Auch wenn es eine Zeit nach Corona geben sollte, und die Kinos irgendwann wieder öffnen dürfen, werden die Spielregeln des Marktes andere sein. Man kann nur staunen über die immer neuen Erfolgsmeldungen der großen Streamingplattformen. Netflix zählt nun über 200 Mio. Abonnenten weltweit, Disney+ ist in kürzester Zeit bei 90 Mio., Amazon kann auf die Multimillionen von Prime-Kunden verweisen, und auch die Rechnung von HBO Max, obwohl der Dienst noch längst nicht weltweit ausgerollt ist, scheint aufzugehen. Nicht nur Netflix fährt eine staunenerregende Programmoffensive, mit 70 großen Spielfilmen allein in diesem Jahr, eine Zahl die auch Studioverantwortliche in Hollywood erblassen lässt, und hinter denen bald alle großen Namen des aktuellen Filmschaffens stehen. HBO Max hat sensationelle Nutzungszahlen mit Wonder Woman 1984" auf seinem Dienst geschrieben und auch den gewünschten Effekt erzielt, was die Akquise neuer Abonnenten betrifft. Auch der erste Day-and-Date-Start 2021, The Little Things" mit Denzel Washington, setzt sich an die Spitze der US-Kinocharts und wirbt wirksam für den Dienst. Disney+ findet allein schon mit der Ankündigung der Fortsetzung von The Mandalorian" Millionen neue Abonnenten. Apple TV+ greift längst ins Geschehen mit ein mit eigenen attraktiven Serien und sorgt gerade mit "CODA" für die teuerste Akquisition eines Films in der Geschichte des Sundance Film Festivals.

Auch Amazon investiert Unsummen in eigenes Programm, und bald jedes Studio will eigene Streamingangebote ausrollen. Immer mehr lokale Filme und Serien reüssieren so in einem weltweiten Markt, ein Erfolg, der für deutsche Produzenten viele Jahre völlig außer Reichweite lag. So darf denn auch die Produktionsbranche auf einen noch lange anhaltenden Produktionsboom hoffen. In Hollywood vergeht keine Woche, in der nicht ein weiteres Filmschwergewicht einen oft sogar exklusiven Deal mit einem Streamer verkündet. Die Kinos werden in der Welt mit bzw. nach Corona genügend eigenes Programm vorfinden, natürlich die vielen exklusiven Filme, die gerade Monat für Monat verschoben werden, aber auch eine Fülle von herausragenden Produktionen, die sie mitspielen oder mit einem kleinen Vorlauf vorab spielen können.

Untypische Streaminghits wie der mitreißend erzählte Der weiße Tiger" oder der atemberaubend fotografierte Die Ausgrabung" mit Ralph Fiennes und Carey Mulligan schreien geradezu nach der großen Leinwand. Jetzt schlägt die Stunde der Streamer, die den Kreativen viele neue Möglichkeiten bietet. Bald schlägt wieder die Stunde der Kinos, wenn auch unter neuen Vorzeichen.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur