Festival

Biberacher Filmfestspiele: Vorstand geht in die Offensive

Nachdem sich gut 100 Branchenangehörige in einem offenen Brief für die ehemalige Intendantin der Biberacher Filmfestspiele ins Zeug geworfen haben, reagiert der Vorstand mit einer Pressemitteilung, die das Bild einer vergifteten Atmosphäre zeichnet.

01.02.2021 20:41 • von Marc Mensch
Wie der Vorstand nun mitteilt, waren die Filmfestspiele schon 2020 (auf dem Bild der 1. Vorsitzende Tobias Meinhold, Helga Reichert und Oberbürgermeister Norbert Zeidler als 2. Vorstandsvorsitzender) vom Streit geprägt (Bild: Biberacher Filmfestspiele)

Während der Vorstand der Biberacher Filmfestspiele nach eigenen Angaben aktuell zwei Bewerbungen mit "vielversprechenden Expertisen" für die Intendanz des Festivals prüft, kommt der Streit um die Neubesetzung der Stelle nicht zur Ruhe. Auf einen offenen Brief, in dem mehr als 100 Branchenangehörige der ehemaligen Intendantin Helga Reichert den Rücken gestärkt hatten (wir berichteten), reagierte der Vorstand nun mit einer Pressemitteilung in Interviewform, in der nicht nur die Hintergründe ausführlicher als bislang dargelegt werden, sondern in der vor allem erhebliche Vorwürfe gegen Reichert erhoben werden.

Stein des Anstoßes waren - das war von Anfang an klar gemacht worden - unterschiedliche Auffassungen von Vorstand und Intendanz zu einer künftigen Online-Komponente des Festivals. Nach jetziger Darstellung kam es aber nicht erst mit Blick auf die Zukunft des Festivals zu erheblichen Unstimmigkeiten, vielmehr hätten sich die Geister bereits bei den Planungen für 2020 geschieden, denn unter anderem sei in Anbetracht der Pandemie auch ein reines Online-Festival diskutiert worden. Diese Variante sei von Helga Reichert abgelehnt worden. Dazu heißt es in der Erklärung: "Ihrer Meinung nach hätte das Festival, wenn nicht 'normal durchführbar", komplett abgesagt werden sollen. Dies hätte aus Sicht des Vorstandes sowohl für die Sponsoren als auch für die Filmschaffenden, die auf die Festivals und die damit verbundenen Preise angewiesen sind, einen starken Verlust bedeutet. Auch das Kino hätte an einem Online-Programm mitverdient. Es war angedacht, die wegen den Hygienemaßnahmen nicht besetzten Sitzplätze virtuell zu besetzen. Deshalb wurde sich auf verschiedene Szenarien vorbereitet. Leider konnte das Online-Szenario auf Grund von Frau Reicherts Weigerung nicht bis zum Ende geplant werden."

Zwar konnte das Festival am Ende unmittelbar vor dem zweiten Lockdown (bis auf seine Preisverleihung) noch als Präsenzveranstaltung abgehalten werden, allerdings verweist der Vorstand auf diverse andere Festivals, die den Online-Schritt "erfolgreich" gegangen seien. "Der Vorstand möchte sich auch im Jahr 2021 auf die Video-on-Demand Möglichkeit vorbereiten. Denkbar wäre zum Beispiel die Kurzfilme und die Dokumentarfilme (...) zusätzlich zu den Präsenzvorstellungen auch online anbieten. Dies ist in den Zeiten einer Pandemie nicht nur eine Sicherung vor dem Komplettausfall, sondern auch ein Schritt in die Zukunft", so die Mitteilung. Und ergänzend dazu: Die kommenden Biberacher Filmfestspiele werden in unveränderter Form als Publikumsfestival stattfinden. Alle Filmvorführungen werden im Traumpalast mit den gewohnten Diskussionsmöglichkeiten zwischen Zuschauer und Filmemacher veranstaltet. Es soll am bestehenden und bewährten Konzept nichts geändert werden. Nur begleitend zum Präsenzfestival wird ein Video on Demand Programm angeboten. Dieses Angebot ist eine Maßnahme um neue Nutzergruppen, auch überregional, zu erreichen. Personen, die gerne wie gewohnt im Kino vor Ort sein wollen, können dieses 'Add On' gerne ignorieren."

Wo es bekanntermaßen spätestens an dieser Stelle zum Bruch qua unterschiedlicher Auffassungen kam, wirft der Vorstand Helga Reichert nun aber "mehrere Zwischenfälle" vor, die zu einer "äußerst anstrengenden Polarität" zwischen ihr und dem Vorstand geführt hätten, allen voran eine "eklatante Einmischung in unsere Geschäftsbeziehungen zu Großsponsoren", die zu finanziellem Schaden für den Verein geführt hätten.

So stellt der Vorstand nunmehr auch klar, dass es sich bei dem von Reichert abgelehnten Vertrag nicht, wie zuvor angedacht, um einen Drei-Jahres-Vertrag gehandelt habe, sondern um einen Vertrag mit einer Laufzeit von nur einem Jahr, innerhalb dessen der Vorstand habe "herausfinden wollte, ob ein Anknüpfen an die gute Zusammenarbeit mit Frau Reichert an ihr erstes Jahr als Intendantin noch möglich gewesen wäre".

"Tradition ist gut, aber wir sehen eine Weiterentwicklung und moderate Anpassung an gesellschaftliche, kulturelle oder technische Veränderungen als unverzichtbar und Ziel einer erfolgreichen Vereinsarbeit an", heißt es weiter zu den künftigen Plänen für das Festival. Und abschließend: "In der aktuellen Situation bleibt nur der positive und Blick in die Zukunft. Dieser wird mit der Anstellung einer künstlerischen Leitung eingeleitet und der Vorstand arbeitet daran mit großer Intensität. Wir sehen unser weiteres Engagement nicht im Beklagen über die Beendigung einer Ära, sondern arbeiten mit ganzem Einsatz, auch im Sinne unserer Mitglieder, an einem Neubeginn und die erfolgreiche Fortführung der Biberacher Filmfestspiele. Der offene Brief (gemeint ist das eingangs erwähnte Schreiben der Branchenangehörigen, Anm.d.Red.) zielt zum einen darauf ab, am Familientreffen deutscher Filmemacher, also der Tradition der Biberacher Filmfestspiele festzuhalten. Dies ist die Hauptaufgabe des Vereins und wird von der Vorstand- schaft genauso gesehen. Weshalb die Umsetzung nicht mehr mit Helga Reichert geschehen kann, was der zweite Teil der Forderung ist, liegt schlussendlich an ihr selbst und nicht in der Macht des Vorstands. Die Vorstandschaft würde sich freuen, viele der Filmschaffenden die Mitzeichner des Briefs sind auch unter neuer Intendanz in Biberacher begrüßen zu dürfen."