Festival

Filmschaffende brechen Lanze für Helga Reichert

In einem offenen Brief haben mehr als 100 Branchenvertreter*innen ihrer Sorge um die Biberacher Filmfestspiele Ausdruck verliehen. Anlass sind die anstehende Neubesetzung der Intendanz und die von Reichert abgelehnten Pläne für eine Reform des Festivals, bei denen der Vorstand stark auf eine VoD-Komponente setzt.

01.02.2021 10:30 • von Marc Mensch
Helga Reichert (Bild: Biberacher Filmfestspiele)

Mitte Januar gab der Vorstand der Biberacher Filmfestspiele bekannt, dass die Amtszeit von Intendantin Helga Reichert, Ehefrau des Festivalgründers und langjährigen Intendanten Adrian Kutter, nach nur zwei Auflagen der Veranstaltung (davon einer, die unter Pandemiebedingungen durchgeführt werden musste) enden wird (wir berichteten). Nachdem zwischen Reichert und dem Vorstand in der Frage der Weiterentwicklung des Festivals - insbesondere hinsichtlich des zentralen Vorstandsanliegens eines begleitenden VoD-Angebots - keine Einigung habe erzielt werden können, habe Reichert ein Angebot zur Vertragsverlängerung abgelehnt.

Ein Schritt, den offensichtlich nicht nur der Vorstand "ausdrücklich bedauert", wie er in der Mitteilung erklärte - sondern auch zahlreiche Filmschaffende. Auf Initiative von Annette Ernst, Daniel Reich, Douglas Wolfsperger und Dieter Krauß haben über 100 Branchenangehörige in einem offenen Brief an den Festivalvorstand, die Vereinsmitglieder sowie Oberbürgermeister und Gemeinderat der Stadt Biberach eine Lanze für Reichert gebrochen. Sie habe als Intendantin ihre Rückendeckung und genieße ihr vollstes Vertrauen.

Die angedachten Reformen hin zu einem auch online stattfindenden Festival werden dabei zwar nur zwischen den Zeilen, aber doch relativ klar adressiert. So heißt es in dem Brief: "Wir kommen, weil wir in Biberach auf ein Publikum treffen, das uns neugierig, direkt, offen und warmherzig empfängt. Wir kommen, weil jede Filmvorführung in Biberach vor Publikum und unter Präsenz von Filmschaffenden stattfindet. Nur so sind die lebendigen Diskussionen nach dem Film möglich."

Der offene Brief im Wortlaut;

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit großer Sorge haben wir der Schwäbischen Zeitung, diversen Filmzeitschriften und verschiedenen Posts in den sozialen Medien entnommen, dass der Vorstand und die Intendanz sich nicht auf eine Vertragsverlängerung einigen konnten. Dies erfüllt uns mit Sorge, weil wir die Zukunft des Festivals in Gefahr sehen: ein Festival, das wir Filmschaffende lieben und zu dem wir liebend gerne die meist weite Reise antreten, manche von uns schon seit den Anfangsjahren.

Dank Adrian Kutters hervorragender Vernetzung in der Branche und seinem unermüdlichen Einsatz hat es sich in über 40 Jahren zu einem deutschlandweit bekannten und geschätzten Festival entwickelt. Für uns ist der Slogan "Familientreffen deutscher Filmemacher" nicht nur Slogan, sondern eine über Jahrzehnte gewachsene Auszeichnung und Beschreibung der Biberacher Filmfestspiele.

Wir alle kommen gerne nach Biberach, weil das Festival von Adrian Kutter und jetzt durch Helga Reichert und all' die vielen helfenden Hände hervorragend organisiert ist. Wir kommen, weil wir in Biberach auf ein Publikum treffen, das uns neugierig, direkt, offen und warmherzig empfängt. Wir kommen, weil jede Filmvorführung in Biberach vor Publikum und unter Präsenz von Filmschaffenden stattfindet. Nur so sind die lebendigen Diskussionen nach dem Film möglich. Für diese Begegnungen sind wir dankbar. Diese Begegnungen machen Biberach einzigartig, ob im Kino, im langen Flur des Traumpalasts, in den Gasthäusern oder auf dem Wochenmarkt.

Vor allem aber kommen wir, weil das Festival die künstlerische und persönliche Handschrift von Adrian Kutter trug und jetzt seit zwei Jahren von Helga Reichert trägt. Es ist ein Glücksfall für das Festival und die Branche, dass sich mit Helga Reichert eine Nachfolgerin gefunden hat, die den Grundgedanken des Festivals als Ort der Begegnung von Film und Publikum fortführt und nach und nach mit einer eigenen Handschrift versieht.

Ihre künstlerische Kompetenz und künstlerische Unabhängigkeit schenkt uns Zuversicht, unsere Filme Helga Reichert anzuvertrauen und sie dem Biberacher Publikum vorzustellen. Es wäre ein Dammbruch in der deutschen Festivalgeschichte, wenn die Freiheit der künstlerischen Leitung begrenzt würde.

Wir haben uns bei Adrian Kutter künstlerisch wertgeschätzt und aufgehoben gefühlt. Und wir fühlen uns jetzt bei Helga Reichert künstlerisch wertgeschätzt, aufgehoben, willkommen und zuhause. Sie hat als Intendantin der Biberacher Filmfestspiele unsere Rückendeckung und genießt unser vollstes Vertrauen.

Mit Helga Reichert als Intendantin kommen wir gerne wieder.

Freundliche Grüße aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Bulgarien, Polen und den USA."

Zu den Unterzeichnern zählen unter anderem Senta Berger, Klaus Maria Brandauer, Philipp Budweg, Werner Herzog, Dieter Kosslick, Eva Mattes, Volker Schlöndorff, Christian Schwochow, Tom Tykwer, Julia von Heinz, Katharina Wackernagel und Doris Zander.