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Ramin Bahrani über "Der weiße Tiger": "Indien kann man nicht zähmen"

Mit seiner Adaption des Booker-Preis-Gewinners "Der weiße Tiger" legt Ramin Bahrani seinen bislang aufwändigsten Film vor, ein Epos über den Aufstieg eines einfachen Dieners im modernen Indien. Der Film startet heute bei Netflix.

22.01.2021 14:08 • von Thomas Schultze
Ramin Bahrani gibt seinem Hauptdarsteller Adarsh Gourav Anweisungen am Set von "Der weiße Tiger" (Bild: Netflix)

Mit seiner Adaption des Booker-Preis-Gewinners Der weiße Tiger" legt Ramin Bahrani seinen bislang aufwändigsten Film vor, ein Epos über den Aufstieg eines einfachen Dieners im modernen Indien.

Der Roman von Aravind Adiga ist sehr speziell und absolut unverkennbar. Wie geht man als Filmemacher an die Adaption heran? Wie viel von der Vorlage muss man bewahren? Was muss man ändern, um es einen Film werden zu lassen?

RAMIN BAHRANI: Mich verbindet eine lange Geschichte mit dem Roman. Aravind ist seit 25 Jahren ein sehr enger Freund von mir. Wir waren in den Neunzigerjahren zusammen auf dem College. Seither teile ich meine Ideen und Drehbücher für Filme mit ihm, er lässt mich seine Texte lesen. Wir reden über Filme, mittlerweile wöchentlich und per Telefon, weil wir an entgegengesetzten Enden der Welt leben. Ich habe 15 Jahre darauf gebrannt, diesen Film machen zu können. Und ja, rein objektiv betrachtet ist mir klar, dass es sich nicht um ein Buch handelt, das sich einem für eine Adaption sofort aufdrängt. Aber das kam mir nie in den Sinn.

Warum?

RAMIN BAHRANI: Vielleicht weil ich es schon so lange kenne, so gut kenne, so oft gelesen habe. Es kam mir nie schwierig vor. Ich habe den ganzen Prozess genossen. Schwer fiel mir nur, dass ich Dinge weglassen und herausschneiden musste, die ich wirklich mochte. Das war schon beim Schreiben des Drehbuchs so, und im Schneideraum musste ich etwa zehn oder fünfzehn Minuten an Material verlieren, das, wie ich fand, richtig gut war. Da waren auch noch zehn Minuten, bei denen es mir leichtfiel, die einfach nicht richtig waren oder passten. Aber diese anderen fünfzehn Minuten, das war ein innerer Kampf.

Was war für Sie gesetzt bei der Adaption?

RAMIN BAHRANI: Ich wollte dem Buch gerecht werden, ihm Respekt erweisen. Selbstverständlich. Deshalb stand für mich fest, dass es einen Ich-Erzähler geben würde. Das macht viel vom Reiz des Buchs aus. Aravind schreibt das so witzig, satirisch, sarkastisch, es erweckt die Figur Balrams auf ganz spezielle Weise zu leben, macht sie elektrisierend und unwiderstehlich. Ich wollte, dass man diese Gedanken auch in meinem Film hört. Also habe ich mir Filme mit Ich-Erzähler angesehen und studiert, wie sie das machen: Jules und Jim", Adel verpflichtet", moderne Sachen wie ganz besonders Fight Club", weil die Hauptfigur wie Balram eine eher düstere Reise antritt, gleichzeitig sich selbst, aber auch die Gesellschaft kommentiert. Und natürlich viel Scorsese: Taxi Driver", GoodFellas", Wolf of Wall Street". "GoodFellas" habe ich mir genauer vorgenommen, weil er ebenfalls eine epische Geschichte erzählt, von der Kindheit hin zum abschließenden Teil, der sich bei "Der weiße Tiger" mit dem Part vergleichen lässt, als Balram selbst Unternehmer wird.

Wie eng haben Sie mit Aravind Adiga gearbeitet? Was war sein Input?

RAMIN BAHRANI: Er sagte mir, dass ich ihm das Drehbuch nicht zeigen müsse. Er vertraute mir ganz einfach und wollte sich nicht einmischen. Er betonte, dass ich mit dem Stoff machen könne, was ich wollte. Wenn ich etwas umarrangieren oder ändern wollte, weil es gut für den Film ist, solle ich das einfach machen. Er war sehr großzügig. Wir haben uns aber weiter sehr intensiv ausgetauscht über den Roman, vielleicht sogar mehr noch als damals, als er daran arbeitete und mich ins Vertrauen zog. Er legte mir dar, warum er welche Entscheidungen getroffen hatte, welche Referenzen ich heranziehen sollte. Er wusste, dass nach Indien fahren würde, um Recherche zu betreiben. Von ihm stammte der weise Vorschlag, ich solle das Land soviel wie möglich mit dem Bus oder zu Fuß bereisen, anstatt mich in einem Auto mit Air-Condition herumfahren zu lassen. Ich sollte Indien so erleben, wie es Balram erleben würde.

Gab es einen Punkt, an dem "Der weiße Tiger" keine Adaption mehr war, sondern Ihr Film wurde?

RAMIN BAHRANI: Es gab einen Punkt gegen Ende der Arbeit am Drehbuch, an dem sogar ich vergaß, was ich geändert hatte. Da gibt es eine Szene, in der Balram sich mit Ashok trifft, von der war ich überzeugt, dass ich sie direkt aus dem Roman übernommen hatte. Als ich sie aber noch einmal im Buch nachschlug, stellte ich überrascht fest, dass sie in der Vorlage ganz anders ist. Beim Dreh eines Films ist es dann immer der Moment, an dem man die Rollen besetzt und die Schauspieler an Bord kommen mit ihren eigenen Ideen und Vorstellungen, wie man das im Drehbuch Festgehaltene interpretiert. Da lässt man die Vorlage endgültig hinter sich und fängt an, etwas Eigenes und Neues zu erschaffen. Als Regisseur muss man dann sozusagen nur noch den Tiger loslassen und ihm hinterherjagen und ihn mit der Kamera festhalten.

"Der weiße Tiger" ist ein epischer Film. Und sieht immer so aus, als wäre es eine epische Unternehmung gewesen, ihn zu drehen. Sie haben erstmals in Indien gedreht, großteils in indischer Sprache, mit indischen Schauspielern in allen Rollen. Was ging Ihnen leicht von er Hand, was fiel schwer?

RAMIN BAHRANI: Bei all meinen Filmen war es immer meine erklärte Absicht, mich in Welten zu bewegen, die mir fremd sind. Ich will über Menschen erzählen, die ich mir erschließen muss, fast wie ein Journalist. Ich setze mich unter Druck und will sie recherchieren, alles über sie herausfinden, will mich ihnen annähern. Einer meiner großen Helden ist Werner Herzog, von dem ich viel gelernt habe. Er inspiriert mich, seitdem ich ein Teenager bin, weil er als Filmemacher immer an Orte geht, die er nicht kennt und die er für sich erobern muss. Bei "Der weiße Tiger" habe ich nur eine Handvoll eigener Leute mitgebracht. Die Crew bestand zu 99 Prozent aus Indern. Das war die halbe Miete. Ich fühlte mich sehr wohl mit meinen Schauspielern. Es war eine Wonne, mit ihnen zu arbeiten. Einige der Schauspieler sprachen überhaupt kein Englisch. Da kam mir unsere indische Casting-Directorin entgegen und übersetzte für mich. Ja, es war kein leichter Dreh. Weil er so aufwändig und umfassend war. Und weil man Indien nicht kontrollieren kann. Man muss sich darauf einlassen. Aber es hat mir tatsächlich Spaß gemacht.

Was dem Roman entspricht: Das liest man auch in einem Rutsch durch.

RAMIN BAHRANI: Stimmt. Speziell der Anfang, wenn man Balram und seine Welt und seine Ziele kennenlernt, sind sehr unterhaltsam. Aber es ist ein Film mit zwei Hälften. Nach einem folgenschweren Vorfall ziemlich genau in der Mitte wird die Geschichte zusehends düsterer, dunkler, tragischer. Aber selbst dann findet sich immer noch Humor. Das zeichnet schon den Roman aus. Und ich wollte, dass es bei meinem Film genauso ist.

Sie reden von Indien als Land, das sich nicht kontrollieren lässt. Hat sich der Film während des Drehs weiterentwickelt?

RAMIN BAHRANI: Immer. Ich bin obsessiv bei der Vorbereitung, alles muss genau stimmen. Aber nur, damit wir völlig spontan sein können, wenn die Kameras dann laufen. Ein Beispiel, eine Szene, die wir in Old Delhi gedreht haben, ein Ort, an dem es von Menschen nur so wimmelt. Balram ist ziemlich am Boden, weil ihn seine Herren verraten haben. Eine alte Bettlerin will Geld von ihm, obwohl er selbst ein fast mittelloser Diener ist. Nur diese beiden Figuren sind in dieser Szene Schauspieler. Ich wusste, dass Adarsh Gourav, der Balram spielt, improvisieren wollte. Also schickte ich fast die gesamte Crew weg, nur der Kameramann und der Tonmann waren noch da, und sagte der Schauspielerin, die die Bettlerin spielt, sie solle einfach immer weiter um Geld betteln, egal was Adarsh macht. Dann haben wir gedreht. Adarsh rastet richtig aus, reißt sich das Hemd vom Leib, beschimpft andere Menschen und Polizisten, die gerade vorbeikommen. Und ich hatte keinerlei Kontrolle darüber. Es war wunderbar.

Ist "Der weiße Tiger" Ihrer Ansicht nach eher ein amerikanischer oder indischer Film?

RAMIN BAHRANI: Für mich ist es ein iranisch-amerikanisch-indischer Film mit Einflüssen von einem italienisch-amerikanischen Regisseur, einem iranischen Regisseur, einem deutschen Regisseur und einem polnischen Regisseur.

Wäre ein solcher Film heute noch möglich außerhalb einer Firma wie Netflix?

RAMIN BAHRANI: Nein... nein... Oder ja, aber nur mit der Hälfte des Budgets und der Hälfte der Zeit.

Es war also immer ein Film, der für Netflix entstehen sollte?

RAMIN BAHRANI: Ich hatte einen wirklich tollen indischen Partner bei "Der weiße Tiger", Mukul Deora. Er hatte die Verfilmungsrechte an dem Roman und wusste, dass Aravind das Buch mir gewidmet hatte. Für ihn war es Schicksal, dass ich Regie führen würde. Wir zogen immer an einem Strang. Es gab zwei Interessenten. Die einen waren Netflix, die anderen eine unabhängige Produktionsfirma. Die einen boten mir ein Budget, das ich benötigte, um den Film nach meinen Vorstellungen machen zu können, die anderen boten mir die Hälfte dieses Budgets. Es bestand nie ein Zweifel, dass Netflix der richtige Partner wäre. Und wir fanden es reizvoll, mit einer Company zu arbeiten, die ein Publikum zeitgleich auf der ganzen Welt erreicht. Der Roman war ein weltweiter Bestseller. In Indien war er allgegenwärtig, aber auch die Verkaufszahlen zum Beispiel in Deutschland oder Brasilien oder dem Vereinigten Königreich sind enorm. In all diese Ländern wollten wir auch mit unserem Film stattfinden. Netflix ermöglicht das. Und sie sind offen: Ich habe die Hauptrolle mit einem bislang namenlosen Schauspieler besetzt, weil ich ihn für den richtigen hielt. Ich schickte seine Bänder an Netflix, und sie nickten es sofort ab: Hol ihn dir! Derlei Unterstützung ist selten.

Was ist die beste Erinnerung, die Sie an diese vieljährige Reise haben?

RAMIN BAHRANI: Da muss ich nicht lange nachdenken: die Zeit, die ich mit den drei Hauptdarstellern verbrachte. Sie mochten einander ungemein, es war produktiv, wie ich das selten erlebt habe. Rafkummar Rao ist ein Superstar in Indien, Priyanka Chopra ist Filmfans auf der ganzen Welt ein Begriff. Und doch begegneten sie mir und Adarsh Gourav immer auf Augenhöhe. Das war außergewöhnlich.Das Gerspräch führte Thomas Schultze