Produktion

BFFS: "Es wäre ein gewaltiger Schritt nach vorne"

Werden die Corona-Hilfen - wie unter anderem von der BKM angekündigt - tatsächlich endlich an die Bedürfnisse von Schauspieler*innen angepasst? Der BFFS zeigt sich vorsichtig optimistisch, warnt aber vorsorglich erneut vor dem sprichwörtlichen Teufel im Detail.

22.01.2021 10:33 • von Marc Mensch
Die BFFS-Vorstände Hans-Werner Meyer und Heinrich Schafmeister klärten noch einmal ausführlich über die atypischen Beschäftigungsverhältnisse von Schauspielern auf (Bild: Michael S. Ruscheinsky / Kornelia Boje)

Zeitlich passender als kurz vor einer Online-Pressekonferenz des Bundesverbands Schauspiel (BFFS) hätte die Nachricht wohl kaum kommen können: Der Bund hat im Zuge des jüngsten Corona-Beschlusses zugesagt, über die Überbrückungshilfe III eine eklatante Lücke bei den Coronahilfen zu schließen, die tausende Schauspieler*innen bislang ohne Unterstützung im Regen stehen ließ - und das seit Beginn der Krise.

Damit wäre im Grunde genau jenes Problem adressiert, auf das der BFFS in prominent besetzter Runde noch einmal nachdrücklich aufmerksam machen wollte. Ein Ansinnen, das sich damit noch vor Beginn des Gesprächs im positiven Sinne erledigt hatte? Nicht ganz. Denn obwohl sich der Vorstand des Verbands - in der Online-Konferenz vertreten durch Leslie Malton, Hans-Werner Meyer, Simone Wagner, Heinrich Schafmeister und Antoine Monot Jr - grundsätzlich erfreut über die Ankündigung zeigte, bleibe man zunächst noch "vorsichtig skeptisch", wie es Meyer formulierte. Wenn es funktioniere, so Meyer, wäre es allerdings "ein gewaltiger Schritt nach vorne".

Woher aber die Skepsis? Laut dem BFFS gab es bislang schon etliche Anläufe auf Bundes- und Länderebene, der besonderen Lebens- und Berufssituation von Schauspieler*innen gerecht zu werden, zumal in dieser historischen Krise. Wirklich gefruchtet haben die Bemühungen bislang aber ausschließlich in Bayern, wo auch kurz befristet Beschäftigte Zugang zu zunächst einmal auf Solo-Selbständige gemünzte Hilfen erhielten, die allerdings auf einen Drei-Monats-Zeitraum begrenzt waren. In allen anderen Fällen habe der sprichwörtliche Teufel im Detail gelegen - trotz grundsätzlicher Bereitschaft der Politik, die vom BFFS von Beginn an monierte Lücke zu schließen.

Was den Verband vorsichtig bleiben lässt, sind nicht zuletzt die Erfahrungen der vergangen Jahre und vor allem Monate. Wie Schafmeister ausführt, wurde mit dem Verweis auf "unständig Beschäftigten" jüngst (u.a. in einer Pressemitteilung der BKM) erneut ein juristisch nicht korrekter Begriff gewählt, der an sich diejenigen ausschließe, die offenbar nun eigentlich adressiert werden sollen. Für Meyer Ausdruck eines Phänomens, das den BFFS seit seiner Gründung vor rund 15 Jahren im April 2006 begleitet: Insbesondere der Politik die atypischen Berufsverhältnisse anschaulich zu machen, die den Schauspielberuf prägen, sei enorm schwierig. Der Wille, tätig zu werden, sei bei den Verantwortlichen aber durchaus vorhanden - insbesondere bei Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die sich in besonderer Weise für die Belange der Kreativen einsetze.

Und so war die Online-Konferenz nicht zuletzt perfekte Gelegenheit, um das Entscheidende noch einmal klarzustellen: Viele Politiker wüssten einfach nicht, welchen sozialrechtlichen Status Schauspieler*innen hätten, so Schafmeister; man gehe vielmehr oft davon aus, dass es sich bei Künstlern generell um Solo-Selbständige handle. Dies sei jedoch schlicht falsch, Schauspieler*innen seien Angestellte - und das eben befristet. Zutreffend sei der Begriff der kurz befristet Beschäftigten. Natürlich lebten viele Schauspieler von einem Mix, der auch Tätigkeiten als tatsächliche Solo-Selbständige umfassen könne, aber dabei spreche man nicht vom entscheidenden Anteil. Und als kurz befristet Beschäftigte fallen Schauspieler*innen eben durch die Rettungsschirme von ALG und Kurzarbeitergeld. Mit anderen Worten: Für tausende von Betroffenen sei seit mittlerweile rund zehn Monaten "nichts geschehen".

Tatsächlich macht die aktuelle Kommunikation der Bundesregierung noch einmal glasklar, dass das Problem zumindest begrifflich nach wie vor nicht vollständig erkannt wurde. "Der Zugang zur Überbrückungshilfe III wird vereinfacht. Davon profitieren auch Soloselbständige wie Schauspielerinnen und Schauspieler sowie andere Kreative mit untypischen Beschäftigungsverhältnissen", heißt es aktuell auf der Website der Bundesregierung, wobei auf ein und derselben Seite in einer Bildunterschrift nun korrekterweise von "kurz befristet Beschäftigten" die Rede ist. Und um den Mix der Begriffe komplett zu machen, spricht der Fließtext der Regierungsmitteilung auch von den "unständig Beschäftigten"...

Was unter "Betroffene" konkret zu verstehen ist, machte Antoine Monot Jr. klar: Von etwa 20.000 Schauspieler*innen in Deutschland zählten etwa 2000 zu den Spielzeitverpflichteten im Theaterensemble, die in dieser Krise in der Regel Kurzarbeitergeld empfangen können. Weitere 3000 bis 4000 Schauspieler*innen seien aktuell mit Drehs und Synchronarbeiten beschäftigt. Die große Mehrheit, um die es aber gehe, seien die zwei Drittel bis drei Viertel aller Schauspieler*innen, die primär von Bühnenengagements (jenseits der erstgenannten) leben, die seit März 2020 kaum oder kein Einkommen gehabt hätten und die jenseits punktueller Ausnahmen wie dem bislang in diesem Punkt einzigartigen bayerischen Hilfsprogramm keinerlei staatliche Hilfen empfangen hätten. Gestandene Kollegen und Kolleg*innen, die mittlerweile allzu oft "einfach nur verzweifelt" sind, wie Simone Wagner schilderte. Was sie in persönlichen Gesprächen erlebe, lasse sie die Politik einfach nur "anflehen", endlich etwas zu unternehmen.

Nun, zumindest die Vorzeichen sind nun nicht die schlechtesten - und auch wenn Schafmeister noch nicht die Hand für eine Lösung ins Feuer legen will, bevor Schwarz auf Weiß vorliegt, was nun tatsächlich beschlossen wird, sieht es so aus, als würde der von Leslie Malton in ihrem Eingangsstatement angeprangerten Nicht-Unterstützung unzähliger Kulturschaffender etwas abgeholfen. Dabei zeigt sich nach Informationen der Bundesregierung, dass der Zeitraum der Unterstützung insoweit den Vorstellungen des BFFS-Vorstandes zu folgen scheint, als kurz befristet Beschäftigte nun ebenso wie Solo-Selbständige Unterstützung aus den Überbrückungshilfen auch rückwirkend für den Zeitraum ab November 2020 (und bis Juni 2021) beantragen können sollen. Weitere Details sind derzeit noch in der Erarbeitung.

Und natürlich wäre da noch der ganz entscheidende Punkt, den Malton ins Zentrum ihres Statements rückte: die Wiedereröffnungsperspektive für die Kulturbetriebe. Diese hätten im vergangenen Jahr "heroische, kostspielige Bemühungen" unternommen, um den Betrieb am Laufen und Künstler in Lohn und Brot zu halten. Doch obwohl niemals eine Verbreitung des Virus "in irgendeinem Kulturhaus" festgestellt worden sei, habe man diese Bemühungen mit dem Beschluss des zweiten Lockdowns "einfach beiseitegeschoben"...