Kino

KOMMENTAR: Immer nur nach vorne

Es ist leicht in diesen Tagen, sich hängen zu lassen. Sich geschlagen zu geben. Entmutigt zu sein, demoralisiert, müde. Ich stelle fest, dass ich mir bei Telefonaten mittlerweile angewöhnt habe, mich über die "endlose Gleichheit" der Tage zu beschweren.

21.01.2021 14:19 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Es ist leicht in diesen Tagen, sich hängen zu lassen. Sich geschlagen zu geben. Entmutigt zu sein, demoralisiert, müde. Ich stelle fest, dass ich mir bei Telefonaten mittlerweile angewöhnt habe, mich über die "endlose Gleichheit" der Tage zu beschweren. Wie auch nicht, wenn man mehr oder weniger gezwungen ist, seine Zeit fast ausschließlich in den eigenen vier Wänden zu verbringen, abgeschnitten von den Dingen, die einen sonst inspirieren und Energie geben: Austausch, Kontakt, freie Bewegung unter anderen Menschen.

Tatsächlich hatte ich bereits begonnen mit einem traurigen Editorial über die Erinnerung daran, dass die Branche zu diesem Zeitpunkt im Jahr stets zusammenkommt zur Münchner Filmwoche, um endgültig den Deckel draufzutun auf das Vorjahr und mit Neugier und Vorfreude den kommenden zwölf Monaten entgegenzusehen, mit vielen interessanten, aufregenden und hoff entlich auch guten Filmen. Und dass wir das dieses Jahr nicht haben und die Welt ein Jammertal ist. Was man dann halt so schreibt, wenn man sich angesichts der Situation fühlt wie bei Kafka.

Dann habe ich die digitale Tradeshow von Studiocanal gesehen. Und das Gejammer sofort gelöscht.

Weg damit. Studiocanal hatte die, wie ich finde, geniale Idee, an ihrem angestammten Slot der Filmwoche, also Mittwoch Nachmittag, die Produktpräsentation für die Jahresstaffel trotzdem zu machen. Wenn schon nicht vor Ort, dann auf digitalem Wege, aber dennoch als singulärer "Live-Event" - "hoffentlich einmalig", wie CEO Kalle Friz bei seiner kleinen Einführungsrede betonte. Es war eine 75-minütige Veranstaltung, klug vorproduziert und gewitzt und stimmungsvoll umgesetzt. Und eigentlich wurde nicht viel mehr gemacht, als 20 Filme kurz anzukündigen.

Aber wissen Sie was? Das war genau das, was ich gebraucht habe, um aus meiner unguten Stasis erweckt zu werden. Allein der Einstieg, in dem die Mitarbeiter von Studiocanal in kurzen Einspielern erklärten, warum sie das Kino vermissen, hat mich zu Tränen gerührt. Dieses Gefühl erstreckte sich über die gesamte Präsentation. Bei jedem neuen Titel, ob ich ihn nun für mich spannend fand oder nicht habe ich mich gefreut.

Natürlich ist Kino ein Business. Aber es ist eben auch mehr. Weshalb die Tradeshow mehr war als eine Tradeshow. Sie war eine kleine Liebeserklärung, ein Trostpflaster, ein Hoffnungsspender. Und vor allem ein Versprechen für die Zukunft.

Es wird nicht einfach, aber es wird weitergehen. Tolle Filme werden wieder ein großes Publikum unterhalten. Im Kino. Auf der großen Leinwand. Nicht, dass ich davon nicht ohnehin schon überzeugt war. Aber es war schön, auf so charmante und liebenswerte Weise daran erinnert zu werden. Danke, Studiocanal! 2021, vielleicht wirst Du gemein sein, hässlich und fies. Aber Du kannst kommen!

Thomas Schultze, Chefredakteur