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Christine Hartmann: "Der Zeit gerecht werden"

Christine Hartmann ist eine feste Größe in der deutschen Fernsehlandschaft. Jüngst inszenierte sie die dritte Staffel der Eventserie "Charité". Über ihre Erfahrungen und ihren Ansatz bei historischen Stoffen erzählt sie hier.

21.01.2021 12:18 • von Barbara Schuster
Christine Hartmann (Bild: Astrid Schmidhuber)

Christine Hartmann ist eine feste Größe in der deutschen Fernsehlandschaft. Jüngst inszenierte sie die dritte Staffel der von UFA produzierten Eventserie "Charité". Über ihre Erfahrungen und ihren Ansatz bei historischen Stoffen erzählt sie hier.

Sie sind die erste Frau, die Regie bei der von UFA produzierten Eventserie "Charité" - die dritte Staffel wird aktuell ausgestrahlt - führte. Gab es diesbezüglich spezielle Überlegungen?

CHRISTINE HARTMANN: Es ging nicht darum, dass eine Frau Regie führen musste. Es waren auch andere Kollegen im Gespräch. Beim Treffen mit den Produzenten Benjamin Benedict und Henriette Lippold von UFA und Jana Brandt und Johanna Kraus vom verantwortlichen Sender MDR wurde darauf geschaut, welche Vorstellung man als Filmemacher von der dritten Staffel "Charité" hatte und wie man sich die Umsetzung vorstellen könnte. Daraufhin wurde die Entscheidung getroffen. Ich hoffe, dass es bei keiner Arbeit darauf ankommt, welches Geschlecht man hat. Es muss darum gehen, dass die Beteiligten an einem Strang ziehen, eine gemeinsame Vision haben. Die bestmögliche Umsetzung sollte immer an erster Stelle stehen. Für eine Regisseurin - da brauchen wir uns nichts vormachen - ist es auch heute noch schwieriger, ein Projekt in dieser Größenordnung zu stemmen, gerade wenn man Familie hat. Ich konnte zum Glück meinen Sohn mit zum Drehort nach Prag nehmen, wo er vier Monate die deutsche Schule besuchte. Eine Frau mit Familie muss sich anders organisieren und aufstellen als ein Mann. Aber wo ein Wille, da ein Weg.

Zeitlich erlebt der Zuschauer die Charité in der dritten Staffel während des Mauerbaus. Welche Aspekte waren Ihnen besonders wichtig?

CHRISTINE HARTMANN: Wichtig war uns und mir, der Zeit von damals gerecht zu werden. Ich wollte die Geschichte nicht mit dem Blick und Wissen von heute erzählen. Heute ist völlig klar, wohin das DDR-Regime geführt hat. Da gab es Menschen, die fest davon überzeugt waren, dass sich etwas bewegen könnte. Das versucht bei uns in der Serie Ingeborg Rapoport, dargestellt von Nina Kunzendorf, zu erklären. Es ist immer eine Gratwanderung, weil wir das, was in der DDR geschehen ist, auf keinen Fall schönreden wollten. Das war ein wichtiger Inszenierungsansatz. Natürlich ist die Charité wie schon in Staffel eins und zwei das Flaggschiff, das wie eine Hauptperson durch die Serie führt. Die Zeitspanne in Staffel drei zu erzählen, lag insofern nahe, weil das Krankenhaus direkt an der Grenze von Ost- und West-Berlin lag. Es bot sich an, dieses wichtige Stück deutscher Geschichte mit zu erzählen - zusätzlich zu den Dingen, die in den Sechzigerjahren medizinisch passiert sind. Allgemein betrachtet, ist "Charité 3" wie schon die erste Staffel ein Ensemblestück geworden.

Wie Staffel 1 & 2 entstand auch die aktuelle Staffel in Prag. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

CHRISTINE HARTMANN: Es war eine intensive Drehzeit. Man dreht mit einem deutschen Fernsehbudget eine Serie, die sich mit internationalen Serien vergleichen lassen muss. Bei meiner Inszenierung habe ich den Schwerpunkt auf die Figuren gelegt. Ich wollte eine Ingeborg Rapoport genauso verstehen wie einen Helmut Kraatz, der zum Beispiel einen anderen Standpunkt einnahm in der Zusammenlegung der Fachbereiche Neonatologie und der Gynäkologie. Der Dreh war eine spannende Reise. Dank des großartigen Teams hat alles wunderbar geklappt. Mit Petra Albert hatte ich eine ganz tolle Szenenbildnerin an meiner Seite, Heike Hütt kümmerte sich versiert um das Kostümbild, auch auf Seiten der Produktion hatte ich starke Partner. Film ist immer Teamarbeit. Wir wurden zwei Wochen vor dem ersten Corona-bedingten Lockdown fertig. Den Schnitt habe ich während des Lockdowns mit meinen beiden Editoren überwiegend im Homeoffice online abgewickelt.

Mit historischen Stoffen kennen Sie sich aus. 2014 wurde ihr TV-Biopic über Elly Beinhorn, ebenfalls von UFA produziert, ausgestrahlt. Worauf muss man beim Dreh historischer Stoffe besonders achten?

CHRISTINE HARTMANN: Man muss der Zeit gerecht werden, ohne sich zu sehr darauf zu setzen. Ich wollte in der Inszenierung eine gewisse Selbstverständlichkeit, sowohl im Verhalten der Figuren als auch in der Bildsprache. Nehmen wir beispielsweise die Kostüme: Bei "Charité" haben wir natürlich Schnitte von damals genommen, aber ich finde, man darf sich durchaus erlauben, einen Arztkittel auch etwas anzupassen, wenn er mit unseren Sehgewohnheiten hakt. Hinzu kommt, dass sie 1961 spielt. Etliche Leute, die die Zeit erlebt haben, die damals auch an der Charité gearbeitet haben, leben noch. Ihnen gegenüber empfand ich eine große Verantwortung, der ich unbedingt gerecht werden wollte. Ich wollte nicht werten oder die Figuren vorführen, das steht mir nicht zu.

Bei historischen Stoffen ist das Budget generell meist höher angesetzt - auch bei TV-Auftragsarbeiten. Dennoch ist es oft ein Kampf. Wie gehen Sie damit um?

CHRISTINE HARTMANN: Man trifft mit der Produktion und dem Sender eine Vereinbarung, als Regisseurin dem Stoff zu einem Budget x gerecht zu werden und eine sehr gute Serie daraus zu machen. Natürlich sind auch mir manchmal die Hände gebunden. 62 Drehtage für 6 x 45 Minuten sind nicht zu viel. Ich wäge genau ab, wo ich Kompromisse machen kann und wo nicht. Guckt man bei HBO oder Netflix, sieht man sofort, dass die Serien meist mit einem wesentlich höheren Budget ausgestattet sind. Mit dieser Konkurrenz müssen wir uns messen lassen.

Sie sind im deutschen Fernsehen fest verankert, machten mit "Hanni & Nanni" auch einen Ausflug ins Kino. Wie wählen Sie Ihre Stoffe aus?

CHRISTINE HARTMANN: Ein Stoff muss mich wirklich interessieren. Bei "Hanni & Nanni" war es so, dass ich als kleines Mädchen die Buchreihe verschlungen habe und größter "Hanni und Nanni"-Fan war. Nachdem ich das Script gelesen hatte, war mir klar, dass ich den Kinofilm machen und die Geschichte in unsere Zeit transportieren wollte. Bei "Charité" war es ähnlich: Nach der Lektüre der ersten Drehbücher und dem nochmaligen Studium der ersten beiden Staffeln hat mich dieses Thema nicht mehr losgelassen. Ich fand die Figuren - allen voran Ingeborg Rapoport, aber auch Helmut Kraatz oder Otto Prokop -und die Zeit so spannend, dass ich den Stoff unbedingt umsetzen wollte. Das ist für mich generell das A und O: für die Sachen zu brennen, die man macht. Nur so kann man das bestmögliche Ergebnis erzielen.

Regisseurinnen sind beim "Tatort" mittlerweile häufiger zu finden. Sie sind seit fast 20 Jahren bei der erfolgreichsten deutschen TV-Reihe regelmäßig mit an Bord und somit eine Art Pionierin. Stellen Sie fest, dass ein Umdenken in der Fernsehbranche stattgefunden hat, gerade im Hinblick auf die Regiebesetzung von quotenstarken Prestige-Projekten?

CHRISTINE HARTMANN: In der Tat führen bei Projekten und Reihen wie dem "Tatort" vermehrt auch Frauen Regie. Das ist deutlich wahrnehmbar. Das ist auch richtig und wichtig. Als ich meinen ersten "Tatort" inszenieren durfte, habe ich mir über solche Dinge gar keinen Kopf gemacht. Ich habe damals viele Projekte, die in die leichtere Nische gehörten, abgelehnt, weil ich beruflich woanders hinwollte. Das hat mir sicherlich die ein oder andere schlaflose Nacht beschert, weil ich weniger Geld zur Verfügung hatte und mich oft fragte, wovon ich meine Miete bezahlen soll. Ich hatte Glück, als dass ich drehfreie Zeiten mit Schreiben überbrücken konnte. Somit konnte ich es mir in gewisser Weise auch leisten, die Regie von angebotenen Projekten abzusagen. Auch wenn sich eine Filmografie schön liest, heißt es nicht, dass der Weg nicht auch steinig war - egal, ob bei Mann oder Frau.

Vor Weihnachten haben Sie einen "Tatort" für den BR beenden können. Welche Erfahrungen haben Sie im Corona-Jahr 2020 gemacht?

CHRISTINE HARTMANN: Zunächst einmal ist es ungewohnt, den ganzen Tag eine Maske zu tragen und mit der Maske zu inszenieren. Aber man gewöhnt sich dran. Unterm Strich bin ich dankbar, dass wir drehen konnten, während Menschen aus der Gastronomie oder Hotellerie daheimsitzen müssen und nicht arbeiten können. Ich empfinde es als Geschenk, dass wir in der Branche Hygieneregeln gefunden haben, die uns das Drehen ermöglichen. Es hat auch alles gut funktioniert. Wir hatten eine ausgebildete Krankenschwester als Hygienebeauftrage am Set, die uns permanent getestet hat und uns bei der Einhaltung der Regeln unterstützte. Natürlich war es anders als gewohnt. Man kommt dem Team nicht so nahe wie üblich. Warm-up, Schnaps-Klappe, Abschlussfest - alles, was normalerweise dem kommunikativen Zusammenhalt dient, ist passé. Andererseits ist man noch mehr auf das Projekt fokussiert.

Der Markt wird von den Streamingdiensten durchgeschüttelt, der Bedarf an Content steigt signifikant. Kreative sind gefragter denn je. Liegen Ihnen auch schon Angebote von Netflix & Co. vor?

CHRISTINE HARTMANN: Sicherlich könnte ich mir vorstellen, auch für Netflix, Amazon Prime oder Sky Projekte zu realisieren - vorausgesetzt, ich finde den Stoff spannend und interessant. Aber nicht nur die Inhalte müssen stimmen, auch auf die gemeinsame Sicht auf das jeweilige Projekt kommt es an. Wenn man ein gutes Miteinander findet, ist es eigentlich egal, für wen man arbeitet, ob für Netflix oder einen öffentlich-rechtlichen Sender. Man sollte die Streamingdienste und das öffentlich-rechtliche Fernsehen nicht gegeneinander ausspielen. Es ist gut, dass es die Streamer gibt, weil sie das deutsche Fernsehen ordentlich wachgerüttelt haben. Andererseits darf man nicht vergessen, dass gerade das fiktionale deutsche Fernsehen der öffentlich-rechtlichen Sender schon immer auch für niveauvolle Projekte stand. Ich finde es ungerecht zu sagen, nur die Streamer trauen sich was und machen die guten Projekte. So ist es nicht. ich verweise auf "Im Angesicht des Verbrechens" von Dominik Graf, um ein Beispiel zu nennen. Es gibt hier wie dort schwächere Projekte, es gibt hier wie dort starke Projekte.

Das Kino wird von der Corona-Krise hart getroffen. Wird es in Ihrer Karriere weiterhin eine Rolle spielen?

CHRISTINE HARTMANN: Diese Frage treibt uns alle um: Was passiert mit dem Kino? Corona hat einen Prozess beschleunigt, der bereits durch das Aufkommen der Streamingportale eingeleitet wurde. Netflix produziert Filme, die bereits bei den Oscars mitmischen. Kino ist etwas Wertvolles. Die Verabredung zu sagen, ich setze mich in einen großen dunklen Saal und mein Fokus liegt die nächsten eineinhalb oder zwei Stunden wirklich nur auf der Leinwand, ist etwas anderes, als wenn ich zuhause einen Film gucke. Da klingelt dazwischen das Telefon, ich mache mir einen Tee... Das sind gewiss keine neuen Erkenntnisse. Dennoch kann man nicht oft genug sagen, dass das Filmerlebnis auf einer großen Leinwand im Kino unschlagbar ist. Meiner Meinung nach muss man sich künftig besser überlegen, welche Projekte im Kino gut aufgehoben sind, welche eine Kinowertigkeit haben und welche doch eher ins Fernsehen oder auf eine Streamingplattform passen. Ein genaueres Abwägen ist angebracht. Sterben lassen dürfen wir das Kino aber auf keinen Fall. Es ist unverändert etwas Besonderes. Wenn ich einen schönen Stoff habe oder angeboten bekomme, würde ich immer auch wieder fürs Kino inszenieren.

Das Gespräch führte Barbara Schuster