Kino

KOMMENTAR: Nach dem Lockdown ist vor dem Lockdown

Willkommen im Neuen Jahr, das sich ganz so anfühlt, wie das alte. Der Coronavirus hält die Branche fest im Griff. Die Kinos bleiben geschlossen, die Blockbuster werden verschoben, und Netflix startet eine neue Streamingoffensive. Was soll werden?

14.01.2021 07:38 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Willkommen im Neuen Jahr, das sich ganz so anfühlt, wie das alte. Der Coronavirus hält die Branche fest im Griff. Die Kinos bleiben geschlossen, die Blockbuster werden verschoben, und Netflix startet eine neue Streamingoffensive. Was soll werden? Über zwei lange Monate sind die Kinos nun schon wieder im Zwangslockdown. Und die Kanzlerin schwört die Nation bereits in ersten Verlautbarungen auf die Verlängerung der Verlängerung ein. Das Infektionsgeschehen hat sich nicht merklich verbessert, seit Kinos, Gastronomie und Einzelhandel zugesperrt wurden. Dass sie vielleicht davor auch nicht viel zum Infektionsgeschehen beigetragen haben, ist jedenfalls nicht die Erkenntnis, die verzweifelte Politiker daraus ziehen. Alles zu- und die Leute zuhause einsperren, ist jedenfalls keine langfristige Strategie, wenn Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft nicht zum völligen Stillstand kommen sollen. Die Stimmen werden lauter, dass wir mit dem Virus auf Jahre hinaus leben müssen. Selbst nach einer erfolgreichen Impfkampagne, die bestenfalls bis Jahresende absolviert ist, wird der Impfschutz wieder nachlassen, werden wie bei der Grippe Varianten und Mutanten auftreten, werden pünktlich zur kalten Jahreszeit die Krankenhäuser und Gesundheitsämter wieder überfordert sein.

Dass noch nicht der dritte Lockdown droht, ist nur dem Umstand geschuldet, dass der zweite nun endlos ausgedehnt werden soll. Aber wie wollen wir das alle überleben? Soll nun alle paar Monate der Notstand ausgerufen werden? Die Politik schuldet den Bürgern, Kulturschaffenden und Gewerbetreibenden ein schlüssiges Konzept. Infektions- und Sterbezahlen sind erschütternd hoch, aber das kurzfristige Gewurstel bringt noch alle um. 70 Prozent vom Umsatz haben die Kinos gegenüber Vorjahr eingebüßt. Niemand wird ihnen diesen Schaden ersetzen, denn die unbürokratischen Hilfen existieren nur in den Ansprachen des Wirtschafts- und Finanzministers. Für die Kinos beginnen dunkle Monate, schon werden die ersten Blockbuster aus dem Frühjahr geschoben. Der neue Bond wandert wohl in den Herbst, für den neuen Chris Pratt bietet Amazon 200 Mio., Festivals eröffnen im Netz. Netflix startet jede Woche aufwändige Filmoriginals, die öffentlich-rechtlichen Sender feiern Quotenrekorde. Auch wenn in Hollywood und bei uns der Produktionsbetrieb langsam zu stottern beginnt, nutzt alles, was zuhause konsumiert werden kann, jetzt seinen Vorteil.

Die große Leinwand steht vor der größten Krise seit Bestehen und niemand findet sich, um einen Weg zu weisen, wie wir auch mit dem Virus leben können, obwohl wir das unbestreitbar müssen. Es ist schwer, den Mut nicht zu verlieren. Die Debatte über einen Ausweg aus dem Lockdown muss dringend endlich breiter geführt werden.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur