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Kino

KOMMENTAR: Don't look back in anger

Das Jahr, das nicht enden wollte, liegt nun endlich in den letzten Zügen - und wird doch noch lange nicht vorbei sein.

17.12.2020 08:17 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

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Das Jahr, das nicht enden wollte, liegt nun endlich in den letzten Zügen - und wird doch noch lange nicht vorbei sein. Was natürlich ganz unmittelbar damit zusammenhängt, dass die Oscarsaison, die zu diesem Zeitpunkt im Kalender normalerweise bereits kurz vor ihrem Höhepunkt steht, sich noch bis April hinziehen wird, in der Hoffnung, dass noch einige größere Titel in den US-Kinos an den Start gehen können. Wonach es übrigens nicht aussieht.

Aber was ist schon normal in einem Jahr, in dem das Unerwartete und Unabwägbare zum neuen Normal wurde? Zu Ende ist 2020 aber natürlich auch deswegen noch lange nicht, weil die Folgen des Pandemiejahres für die Filmbranche auf Dauer unabsehbar sein werden. Über die ganz unmittelbare Existenzbedrohung und zunehmende finanzielle Engpässe hinaus, mit der sich Kinos und Filmfi rmen konfrontiert sehen, hat sich das gesamte Gefüge der Auswertungsketten geradezu seismisch verschoben. Die Frage ist dabei gar nicht einmal, ob das Kinofenster unwiederbringlich dahin ist. Vielmehr wird man sich damit abfinden müssen, dass die großen Contentkonzerne für sich realisiert haben, dass nur der in der Zukunft bestehen kann, der schleunigst Streaming zur Priorität erklärt.

Nicht mehr die klassischen Filmstudios geben den Ton an. Die neuen Kings of Content sind Netflix, Disney+, HBO Max, Prime Video und in Kürze vielleicht noch Peacock. Um ihren Erfolg herum, dessen Sicherung und Ausweitung wird Hollywood künftig seine Strategien ausrichten. Kino wird dabei weiter eine Rolle spielen, eine wichtige und für den Erfolg einer nicht unbeträchtlichen Anzahl von Titeln auch alles entscheidende Rolle.

Das neue goldene Kalb in der Traumfabrik ist indes Streaming. Das muss einem nicht gefallen. Aber man wäre töricht, wenn man davor die Augen verschließen würde. Keine Tradition könnte so heilig sein, dass sie für die beste Börsennotierung nicht bereitwillig geopfert wird.

Dass noch im Jahr 2019 der weltweit beste Kinoumsatz aller Zeiten erzielt wurde, ist aber auch den neuen Chefs in Hollywood nicht entgangen. Oder wie Disney-CEO Bob Chapek auf der wegweisenden Investorenkonferenz am vergangenen Donnerstag im Hinblick auf die Kinozahlen seines Konzerns so schön sagte: "13 Milliarden Dollar Umsatz weltweit ist nicht zu verachten." Dass aber auch bei Disney in Zukunft das "+" die Vorreiterrolle einnehmen wird, machte er ebenso klar, mit 100 neu angekündigten Produktionen für den Dienst, die im Mittelpunkt der Veranstaltung standen. Der Boden, auf dem wir stehen, er bewegt sich, auch wenn in Deutschland gerade alles wieder zum Stillstand kommt. Seien wir froh, dass jetzt ein paar Wochen Pause warten. Wir alle müssen neue Kräfte schöpfen. 2021 wird ein anstrengendes Jahr werden.

Aber, und auch das steht fest, gemeinsam werden wir es meistern.

Thomas Schultze, Chefredakteur