Anzeige

TV

Charly Hübner: "Ich habe selten so nackt gespielt"

Als Regisseur Jan Georg Schütte und Schauspieler Charly Hübner bei einem anderen Projekt Covid-19 in die Quere kam, entstand das Roadmovie "Für immer Sommer 90". Sie erzählen von der Drehbucharbeit, offenen Schauspielmomenten und über die Wende-Generation.

18.12.2020 08:03 • von Michael Müller
Jan Georg Schütte (l.) und Charly Hübner am Set von "Für immer Sommer 90" (Bild: ARD Degeto/Manju Sawhney)

Anzeige

Als Regisseur Jan Georg Schütte und Schauspieler Charly Hübner bei einem anderen Projekt Covid-19 in die Quere kam, entstand das Roadmovie "Für immer Sommer 90". Sie erzählen von der Drehbucharbeit, offenen Schauspielmomenten und über die Wende-Generation. Ab 23. Dezember gibt es das Werk als vierteilige Miniserie bereits in der ARD-Mediathek. Am 6. Januar läuft der Film um 20.15 Uhr im Ersten.

"Für immer Sommer 90" klingt als Titel nach einer nostalgischen Komödie, was der collagenhafte Vorspann aus Wende-Motiven bestätigt. Der Film ist dann etwas völlig Anderes. Was für einen Ton wollten Sie mit diesem Werk treffen?

JAN GEORG SCHÜTTE: Das kann ich gar nicht sagen. Ich weiß aber, was ich für eine Geschichte erzählen wollte. Das war die Begegnung der Menschen, welche die Wende damals so intensiv erlebt haben. Diese hatten die fantastische Situation, in das Leben mit ihrem Abi starten zu dürfen - und gleichzeitig war die Mauer weg. Da hat sich das Leben gleich vertausendfacht. Das fand ich als Situation, von der mir auch Charly erzählte, unglaublich reizvoll.

CHARLY HÜBNER: Ich finde es auch eher schwierig, wenn man vorher schon weiß, wie ein Film klingen soll. Gerade bei einem offenen Projekt wie diesem kann es erst einmal nur um die Wurzel der Suche gehen. Es stellte sich dann auch im Laufe des Projekts in der Vorbesprechung heraus, dass es hauptsächlich zwei Perspektiven auf diese grob geschnitzte Zeit der Jahre 1990 und 1991 gibt. Das eine ist die Perspektive derjenigen aus der ehemaligen DDR, die gegangen sind und reüssiert haben. Das andere ist die Perspektive, derjenigen, die geblieben und gescheitert sind. Und es gibt auch noch die, die dageblieben sind und ein bisschen Erfolg hatten oder die weggingen und dort auf die Nase fielen. Das sind Erfahrungen, die auch jenen nach dem Kriegsende oder dem Mauerbau 1961 ähneln. Das war der Kern der Suche. Dann war es wie beim Klettern: Immer einen Schritt nach dem anderen, um dem Gipfel näher zu kommen.

Sie, Herr Hübner, haben am Drehbuch mitgeschrieben. Sie, Herr Schütte, sind bekannt für Ihre Improvisationen. Wie kam die Geschichte um den Investment-Banker zusammen?

CHARLY HÜBNER: Ich hatte die formale Idee und die Frage, ob Jans Impro-Prinzip des Filmens auch bei einem Roadmovie auf sieben Tage gestreckt funktioniert. Dann las Co-Regisseur Lars Jessen diesen Artikel "Clique 1990". Wenn ein Mensch 30 Jahre lang Erfolg hat, was bewegt diesen, der keinen Bezug mehr zur Heimat hat, zurückzufahren - diese Frage hat uns umgetrieben. So jemand wie meine Figur Andy Brettschneider kriegst du schwer aus seiner Dynamik herausgekloppt. Es sei denn, da ist das Gesetz vor der Tür.

JAN GEORG SCHÜTTE: Da setzte dann auch der Moment ein, an dem ich großen Spaß habe, Figuren zu entwickeln. Auch da kamen viele Impulse von Charly, der aus seiner Vergangenheit erzählen konnte. Aber ich auch, weil ich direkt nach der Wende in Rostock gearbeitet habe. Meine Frau ist auch aus dem Osten. So konnten wir unsere Erfahrungen mit reüssierten oder gescheiterten Existenzen in diesem Stoff zusammenschmeißen. Charly hat da sehr viele Impulse für die Figuren gegeben, aber irgendwann sagten wir dann auch: So jetzt darfst du nicht mehr weiter zuhören, weil wir jetzt Geschichten bauen, die du dann als Andy in der Szene erst erfahren darfst. Das macht auch den Spaß meiner Arbeitsweise aus, dass es noch eine ganze Menge an Überraschungen gibt, die auf die Schauspieler warten.

Machen Sie das immer so, dass Sie Ihre Schauspieler überraschen?

JAN GEORG SCHÜTTE: Ja, auch wenn wir hier die Arbeitsweise ein bisschen erweitert haben. Wir haben Szenen auch mehrfach gedreht. Meistens brauche ich nur einen Take. Aber hier haben wir mit drei bis vier Kameras gearbeitet und auch zweite und dritte Takes gemacht, um das Ganze noch zu verdichten oder mal mehr in der Totale zu drehen.

CHARLY HÜBNER: In der ersten von den drei Drehbuch-Phasen war auch relativ früh klar, dass es auf lange Zweier-Szenen hinauslaufen wird. Jeder Schauspieler geht mit Jans Prinzip anders um. Es gibt Schauspieler, die sich einfach in die Situation reinschmeißen und schwimmen dann super. Und es gibt Kollegen, die sich an der Biografie abarbeiten. Deswegen haben wir uns mit den Kameras auch den Puffer gebaut, dass wir nochmal reingehen und die guten Sachen herausfiltern können, die das Drehbuch stützen. In Szenen, wo man sich schauspielerisch verlaufen hat, war es dann einfacher, das am Drehtag einzukreisen.

JAN GEORG SCHÜTTE: Uns war klar, dass wir die Zuschauer mit dem abholen wollten, was sie erwarten. In Deutschland ist das gerne mal der Krimi. Wir haben uns gefragt, wie wir etwas machen können, was eine Krimi-Spannung aufbaut, ohne dass es ein Krimi wird. Darauf hatten wir drei alle nicht so große Lust, deswegen haben wir einen Zwischenweg gesucht.

Ihre Figur, Herr Hübner, wird hauptsächlich durch die Augen der Menschen gezeichnet, auf die sie trifft. Anfangs ist das durch die Anschuldigung der Vergewaltigung ein sehr negativer Eindruck, der sich verfestigt und dann langsam aufgebrochen wird. Wollten Sie beide da eine schwer zu fassende Person zeichnen?

JAN GEORG SCHÜTTE: Für mich ist das immer das Ziel. Ich finde es toll, wenn Figuren nicht so schnell einzuordnen sind, weil das allgemein für Menschen gilt. Das ist auch eine große Schwäche des deutschen Fernsehens, dass unglaublich schnell Schubladen aufgemacht werden, Figuren dann darin sind und sich auch gar nicht mehr daraus bewegen können. Andy ist eine Figur, die sich in einem gewissen Werte-Kosmos eingerichtet hat und darin durch Begegnungen von früher derbe erschüttert wird. Dass das ambivalent herüberkommt, ist absolut gewollt.

CHARLY HÜBNER: Was heißt es, jemanden wie Andy zu spielen, der das Feuer in sich hat und eigentlich immer der beste Zweite ist. Was ist eine Grundenergie von solch einem Menschen - und was geht dabei alles verloren? Ich finde es dann immer etwas erschütternd, wenn man solche Menschen fragt, ob sie mal Kinder wollen. Nein, keine Kinder und auch keine Freunde. Da hat sich jemand wirklich komplett dieser egozentrischen Idee verschrieben, sich in so einem Erfolgsrausch zu spüren. Er schaut auch nicht links und rechts, was er da anrichtet. Dass der dann aus der tiefen Vergangenheit der Seele nochmal quasi wie vom Krummen oder dem Knopfgießer in "Peer Gynt" angerufen wird und dadurch erschüttert wird, finde ich toll. Das Grundthema unserer Gesellschaft ist absolute Erfolgsorientiertheit. Das haben wir beim letzten US-Präsidenten täglich erleben dürfen. Dass man so etwas in einer relativ kleinen Geschichte erzählt, ist als Schauspieler auch ein ganz klarer Reiz. Teils kannte ich die Kollegen, die ich dann vor der Kamera traf, auch noch gar nicht. Das ist total toll, weil man dann in offene Momente reinkommt. Darum ging es auch, nicht darum, das Austarierte nochmal auszutarieren. Der Garten ist schon zehnmal vermessen, und ich vermesse ihn nochmal. Nein, hier war noch gar kein Garten bestellt. Das finde ich eigentlich immer das Schöne an Jans Filmen.

JAN GEORG SCHÜTTE: Dich und Peter Schneider, der erst in einer der letzten Szenen des Films auftritt, haben wir beim Dreh auch auffallend auseinander gehalten, weil wir mit euch den Sack dramaturgisch zumachen. Ich weiß noch, wie Peter durch die Gegend tigerte, weil er so auf Temperatur war. Es ist nicht ohne, solch einen Typen zu spielen, der später solch ein Ende nimmt. Wir haben immer geschaut, dass ihr euch nicht vorher über den Weg lauft. Es ist aber auch viel von dir, Charly, in der Figur Andy drin. Du bist auch aus deiner Heimat weggegangen und hast einen großen Erfolg gehabt. Wenn du jetzt zurückkommst, prasseln auch die verschiedensten Gefühle auf dich ein. Das war aufregend zu sehen, wie sich dein persönliches Erleben mit der ausgedachten Figur verbunden hat.

Sie haben sehr lebendige Nebenfiguren, denen man gerne unabhängig vom Filmplot weiter folgen würde. Wie viel ist da von Ihnen vorgegeben und wie viel kann der Schauspieler selbst einbringen?

JAN GEORG SCHÜTTE: Ich bin jemand, der sich sehr in seine Nebenfiguren verliebt. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich ein Leben lang viele Nebenfiguren gespielt habe. Mir war das wichtig, dass jede Figur, die auftritt, eine tolle und kraftvolle Geschichte hat. Wenn man sich zum Beispiel den Arbeiter aus dem Schlachthof ansieht, den Andy, Charlys Figur, bei der Tankstelle trifft: Wir haben extrem aktuell entwickelt, da gab es gerade diese Tönnies-Geschichte. Wir sagten uns: Das muss rein. Aber für mich muss so etwas immer aus der persönlichen Geschichte einer Figur kommen. Gleichzeitig kommt auch ganz viel von den Schauspieler*innen selbst. In diesem Fall hat der Kollege viel recherchiert, hat seinen Vater gefragt, der selbst in solch einem Betrieb gearbeitet hat, seinen Onkel interviewt. Das ist da alles drin in der Figur. Das haben wir dann verdichtet und so ist da eine schöne Miniatur daraus geworden.

Hat die Corona-Situation neben den offensichtlichen Einschränkungen Sie auf kreativer Seite eventuell manchmal auch befeuert?

CHARLY HÜBNER: Wir haben von Ende Juli bis Mitte August gedreht. Für mich war das auch das allererste Projekt nach dem ersten Lockdown. Man hatte diese Testung und lernte das Testlabor am Set kennen. Ich bin mittlerweile 29-mal getestet worden. Für das Drehen war bei dieser Geschichte das Schöne, dass wir die Corona-Bedingungen mit in die Story genommen haben. Ich habe selten so nackt gespielt außer in Liebesszenen, weil man immer nicht wusste, wie es dem echten Kollegen jetzt gerade mit der Situation geht.

Am Anfang des Films ist Corona sehr präsent. Umso länger die Handlung geht, umso weniger nimmt man das Ganze als Zuschauer dann wahr.

JAN GEORG SCHÜTTE: Stimmt. Das liegt auch daran, dass die Kontakte dann abnehmen beziehungsweise so intim werden, dass sie das Corona-Thema überschatten.

CHARLY HÜBNER: Das ist auch bei mir eine Beobachtung gewesen, umso mehr man aus den Städten rauskommt, dass es entweder auf dem Land die totale Ablehnung gab. Man solle als Städter gefälligst verschwinden, weil man den Tod bringt, oder die Leute sagten: Hier ist kein Corona. Das war in dieser Zeit auch viel weniger Dauerthema wie in der Großstadt. Umso weiter meine Figur in die Heimat zurückfährt und umso mehr das Emotionale an der Geschichte eine Rolle spielt, umso mehr lässt er auch das Stadtleben hinter sich.

JAN GEORG SCHÜTTE: Wir hatten den größtmöglichen Einfluss durch Corona gehabt: Der Film ist überhaupt erst durch Corona entstanden. Wir wollten eigentlich die Serie "Das Begräbnis" drehen und hatten einen großen Haufen von Menschen beisammen. Das mussten wir dann wegen Corona absagen. Zu viele Leute auf einem Haufen. Dann haben wir als Alternative im April die Idee für "Für immer Sommer 90" entwickelt und im Juli gedreht. So schnell habe ich noch nie - von einer ersten kleinen Idee zur Umsetzung - ein Projekt gemacht. Da war wirklich große Flexibilität auf allen Seiten vorhanden, auch bei der Degeto. Kompliment.

Der Hollywood-Film "Broken Flowers" von Jim Jarmusch teilt handlungstechnisch eine gewisse Verwandtschaft mit Ihrem Film - nur, dass der anonyme Brief Hauptdarsteller Bill Murray eine positive Nachricht verkündet. War dieses Roadmovie Inspiration für Sie?

CHARLY HÜBNER: In einem unserer ersten Gespräche tauchte "Broken Flowers" auf jeden Fall auf. Als Stationen-Drama war das Thema.

JAN GEORG SCHÜTTE: Als die Idee aufkam, habe ich auch sofort "Broken Flowers" geschaut, um nochmal zu überprüfen, wie das dort gewesen ist. Ich weiß noch, als "Broken Flowers" im Kino herauskam, dass ich mich wahnsinnig geärgert habe, weil ich so etwas Ähnliches als Impro-Idee ganz früher hatte. So etwas müsste man mal machen, dachte ich, weil das auch perfekt in meine Arbeitsweise passt. Zwei Menschen treffen aufeinander und wissen nicht, was die vergangenen Jahre passiert ist. Jetzt haben wir es auf diese Weise doch noch genutzt.

Dass Sie, Herr Hübner, auch hinter der Kamera arbeiten, kam in Ihrer Karriere schon vor, bildet aber eher die Ausnahme. Könnte das "Für immer Sommer 90" jetzt ändern?

CHARLY HÜBNER: Es schwirren schon seit einigen Jahren verschiedene Projekte herum. Die sind in verschiedenen Finanzierungs- oder Drehbuchphasen. Man hat eine Idee und spricht sie laut aus. Entweder trifft man Verbündete oder nicht. Bei ein paar Sachen sind jetzt schon Verbündete mit im Club. Jetzt versuchen wir die Dinge zu stellen. Aktuell sind wir dabei, die Roman-Verfilmung von Thees Uhlmanns Roman "Sophie, der Tod und ich" zu finanzieren. Es gibt mit Lars Jessen zwei Serien, an denen wir sitzen. Aber ich muss auch weiterspielen. Das wird man sehen, was in den nächsten 15 Jahren passiert. Aber ganz ohne das Mitdenken von Dramaturgie wäre mir das auch ein bisschen zu langweilig.

Klaas Heufer-Umlauf und Lars Jessen bei Florida Film bauen auch gerade auf Sie beide als kreative Partner.

CHARLY HÜBNER: Es sind in den vergangenen Jahren Konstellationen entstanden, die weiterlaufen. Ich betrachte das gar nicht so ehrgeizig, sondern eher danach, wie lange der Ball rollt. Kommt der Ball bis zum Sechzehner oder rollt er noch weiter bis zum Fünfer. Das hängt auch davon ab, ob noch jemand den Ball weiterspielen will. Im Moment gibt es schon ein paar Sachen, wo auch ein paar Mitspieler und Mitspielerinnen mit auf dem Platz stehen wollen. Das ist toll und auch ein riesiges Glück.

Jetzt kommt "Für immer Sommer 90" als Film ins Fernsehen und als Miniserie in die ARD-Mediathek. Gibt es größere Unterschiede zwischen den Fassungen?

JAN GEORG SCHÜTTE: Es gibt keine Extra-Szenen. Manche Szenen haben nur ein bisschen mehr Atem, weil wir es bei der Miniserie nicht genau auf die im Fernsehen üblichen 90 Minuten bringen mussten. Aber insgesamt ist das gar nicht so viel länger. Ich kann auch nicht sagen, was das bessere Produkt ist. Mir gefallen beide wirklich sehr gut. Der Auftrag war es, einen Film zu machen. Durch die Begegnungen in der Handlung bot sich das dann so an, das auch als Miniserie zu unterteilen.

Welches Format finden Sie besser - Film oder Miniserie?

JAN GEORG SCHÜTTE: Ich habe eigentlich immer so viel Material. Bei "Klassentreffen" ist die Serie zum Beispiel ein sehr gutes Produkt. "Das Begräbnis" ist jetzt auch in erster Linie als Serie geplant. Sechsmal 45 Minuten, die wir in zwei Tagen gedreht haben. Serie ist ein tolles Format, in dessen Richtung ich mich auch gerade bewege.

Sie haben zum ersten Mal mit Lars Jessen hier jetzt eine Doppel-Regie gemacht, Herr Schütte. Wie funktionierte die?

JAN GEORG SCHÜTTE: Das war super, weil Lars der totale Routinier im Umgang mit Kameras und Lichtgestaltung ist. Ich mit meinem Konzept der intensiven Rollenbetreuung und er haben sich perfekt ergänzt. Auch in der Postproduktion, wer mehr die Musik oder den Schnitt übernimmt. Für mich war das ein großer Spaß und eine Bereicherung. Ich finde, man sieht es dem Material auch an. Es ist einfach bildgewaltiger als meine sonstigen Filme. Dafür sind Lars und der fantastische Kameramann Moritz Schultheiß verantwortlich.

Das Interview führte Michael Müller