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Oliver Berben: "Ich möchte Teil dieser Verwandlung sein"

Zwei Schirach-Verfilmungen aus dem Hause Constantin, produziert von der Tochter Moovie, zählen zu den herausragenden TV-Events dieser Herbst/Winter-Saison. Blickpunkt: Film sprach mit dem künftigen stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden Oliver Berben über die Wirkung von "Gott" und blickte auf das Drama "Feinde", das am 3. Januar die gesamte ARD hinter sich vereint.

14.12.2020 10:42 • von Frank Heine
Oliver Berben, Vorstand TV, Entertainment und digitale Medien Constantin Film (Bild: Constantin / Mathias Bothor)

Zwei Schirach-Verfilmungen aus dem Hause Constantin , , produziert von der Tochter Moovie, zählen zu den herausragenden TV-Events dieser Herbst/Winter-Saison. Blickpunkt: Film sprach mit dem künftigen stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden Oliver Berben über die Wirkung von "Gott" und blickte auf das Drama "Feinde", das am 3. Januar die gesamte ARD hinter sich vereint.

Herr Berben, Hand aufs Herz: waren Sie etwas enttäuscht vom linearen Abschneiden von "Gott", insbesondere, wenn man sich noch einmal den enormen Aufschlag von "Terror - Ihr Urteil" vor vier Jahren in Erinnerung ruft?

OLIVER BERBEN: Zunächst einmal eine generelle Anmerkung: Der Überlegung, "Gott" zu machen, liegt der Gedanke an eine Reihe über Themen, die die Gesellschaft bewegen, zugrunde. Hinter der Produktion steckt ein größerer Plan, so wie das bei "Terror" auch schon der Fall war. Es ging nicht um ein einmaliges Event, sondern darum, die Rolle des Fernsehens, hier im Speziellen des Live-Fernsehens neu zu definieren. Die Auswertung findet auf verschiedensten Ebenen statt. Da ist die Live-Quote selbst, aber auch die Verbindung zu den anderen beteiligten Ländern, die Verbindung mit anderen Medien, dem Internet, den Theatern und ursprünglich auch mit den Kinos, die aber dieses Jahr wegfallen musste, und als letzter Punkt mit den Printmedien. Dieses Gesamtpaket ist entscheidend für die Betrachtung und nicht ein einzelner Punkt. Der große Aufschlag von "Gott" in all diesen Bereichen vor und nach der Ausstrahlung ist auch angesichts einer solch komplexen Debatte großartig. Auch die Gesamtbetrachtung ist noch nicht abgeschlossen.

Dass "Gott" ein Erfolg war, steht außer Zweifel. Inwieweit könnte das Thema, die schonungslose Auseinandersetzung mit dem Sterben, ein Grund für die geringere Live-Quote im Vergleich zu "Terror" sein?

OLIVER BERBEN: Natürlich ist dieses Thema eine Herausforderung. Wir wussten von vornherein, dass ein direkter Vergleich zu "Terror" nur bedingt möglich ist. "Terror" war eine eskapistische Versuchsanordnung. Wenige Menschen werden in die Situation kommen, dass sie über den Abschuss eines von Terroristen entführten Flugzeugs entscheiden müssen. Mit "Gott" sind wir mit vier Mio. Zuschauern für ein äußerst anspruchvolles Dialogstück ohne Musik über eine schwere Thematik, die jeden Menschen in irgendeiner Form direkt betrifft oder betreffen wird, sehr zufrieden. Die Mediatheken-Zahlen fehlen in dieser Rechnung noch. Hinzu kommt, dass der Tod in Zeiten von Covid-19 im Bewusstsein der Menschen eine andere Rolle spielt. Wir haben ausführlich darüber diskutiert, ob es der richtige Zeitpunkt war, "Gott" jetzt auszustrahlen. Ich halte es nach wie vor für richtig. Die Reaktionen der Menschen, die immer noch nicht abreißen, haben gezeigt, wie sehr sie die Thematik bewegt. Wir werden auch weiterhin Themen suchen, die man nicht unbedingt als Zuschauermagnet einordnen würde, von denen wir aber überzeugt sind, dass wir mit ihnen vergleichbare Diskussionen anregen können.

Hat Sie der überdurchschnittlich große Zuspruch des jungen Publikums überrascht?

OLIVER BERBEN: Für alle Beteiligten war das mit das Schönste. Ich war mehr als überrascht. Aber im Nachhinein ist es gar nicht so schwer nachzuvollziehen. Einerseits sind Ferdinand-von-Schirach-Leser grundsätzlich jünger, aber es gibt auch einen inhaltlichen Grund. Was in "Gott" verhandelt wird, betrifft die jungen Leute deshalb sehr stark, weil sie in der Situation sind, mit den Entscheidungen der Älteren oder für die Älteren umzugehen. Erstaunlich ist auch in der Analyse des Publikums, dass wir zu einem großen Teil Menschen aus völlig verschiedenen Bereichen erreicht haben, die sonst nie den Fernseher einschalten. Und das ist für alle Anbieter, ob Sender oder Streamer, ein ganz wesentlicher Punkt.

Spiegelt sich der hohe Anteil junger Zuschauer auch im deutlichen Voting pro selbstbestimmten Freitod wider?

OLIVER BERBEN: Die Anzahl der Menschen, die abgestimmt haben, war im Verhältnis sehr viel höher als bei "Terror". Wir reden von gut 550.000 Menschen, die innerhalb weniger Minuten abgestimmt haben. Ob es eine Korrelation zwischen der Zahl der jungen Zuschauer und dem Abstimmungsergebnis gibt, kann ich Ihnen nicht sagen. Aber das Ergebnis ist auch nicht so entscheidend. Entscheidend ist, dass durch diesen Aufruf an die Zuschauer, ihre Meinung mitzuteilen, zwingend die Diskussionen folgen. Und das natürlich konträr. Es geht nicht in erster Linie darum, einen Konsens zu finden.

Auffällig an "Gott", aber auch "Terror" ist die Besetzung - ausnahmslos die ganz großen Namen. Ist das dem Thema, aber auch der Darbietungsform Kammerspiel geschuldet?

OLIVER BERBEN: Ob bekannt oder unbekannt spielt bei der Besetzung des Cast nicht die wichtigste Rolle. Die Auswahl der Schauspieler hängt sehr stark davon ab, wie überzeugend und wie sicher sie mit dem Text umgehen können. In enger Abstimmung mit Lars Kraume haben wir darauf geachtet, dass die Schauspieler es - meist vom Theater her - gewöhnt sind, lange Texte so vorzutragen, dass sie nicht wie auswendig gelernt wirken. Dass ist essentiell bei einem rein textbasierten Stück.

Nun steht am 3. Januar das nächste besondere TV-Ereignis vor der Tür, "Feinde", wieder von Ferdinand von Schirach. Dafür bekommen Sie die ganze ARD mit all ihren dritten Programmen und One zu Verfügung. So etwas gab es noch nie! Wie haben Sie das geschafft?

OLIVER BERBEN: Wie schafft man so was? Da würde ich gerne etwas weiter zur Entstehungsgeschichte ausholen.

Gerne.

OLIVER BERBEN: Ferdinand von Schirach erzählte Jan Ehlert, unserem Produzenten (gleichzeitig einer der Geschäftsführer der Constantin Television in München) und mir von einer Gerichtsverhandlungssequenz, die er aufgeschrieben hat. Dabei ging es um das Empfinden von Recht und von Gerechtigkeit, ein großer Unterschied, der jedem Menschen nur allzu bewusst ist. Das brachte mich auf die Idee zu einem Film, der dem Zuschauer diese beiden Perspektiven nahe bringen sollte. Jan Ehlert hatte die ausgezeichnete Idee, Nils Willbrandt dazu zu holen. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir nur die Dialoge der Gerichtsverhandlung. Die beiden schrieben dann die ganze Story dahinter in dieser doppelten Perspektive mit zwei Büchern. Wir haben das Christine Strobl vorgeschlagen, die sofort dabei war. Und es war zuerst der Wunsch der ARD, eine Perspektive linear, die andere non-linear zu zeigen. Ich war hin- und hergerissen und habe Christine Strobl dann den verrückten Vorschlag mit den dritten Programmen und zusätzlich noch der Mediathek gemacht. Der Gedanke war, auf diese Weise die theoretisch größtmögliche Zuschauerzahl innerhalb der ARD zu erreichen. Christine Strobl ist für Herausforderungen besonderer Natur grundsätzlich sehr offen, und sie fand den Vorschlag gut. Einige Tage später hatte sie nach einer Programmdirektorenkonferenz tatsächlich alle Sender im Boot. Und dann nahm das in einer besonderen Art und Weise Fahrt auf, weil sich die einzelnen Sender stark eingebracht haben.

Inwiefern?

OLIVER BERBEN: Etwa in der Form, wie der Zuschauer nach dem Film an die Hand genommen wird, um sich auch die andere Seite ansehen zu wollen. Es gibt in allen Dritten Programmen der ARD unterschiedliche Sendungen dazu wie beispielsweise maßgeschneiderte Reportagen, Gesprächsrunden oder Dokumentationen. Das Erste zeigt zwischen den Filmen eine halbstündige Reportage, produziert von unserer Tochter Constantin Entertainment, die vermittelt, warum es wichtig ist, beide Perspektiven anzusehen, um wirklich mitreden zu können.

Und es gibt noch ein Destillat beider Filme, das nur in der Mediathek zu sehen ist. Wie kann man sich das vorstellen?

OLIVER BERBEN: Es ist genau eines nicht, ein Destillat der beiden Filme. Fürs Lineare gibt es die Möglichkeit zwischen zwei Filmen, zwei Perspektiven zu entscheiden. Die Mediathek hat eine andere Nutzungsform, deshalb spielt die Mediathekenfassung dramaturgisch mit den beiden Perspektiven. Dadurch wird das zu einem völlig eigenen Projekt und nicht zu einer Zusammenfassung beider Filme.

Der erste Film zieht einen stark in seinen Bann. Der zweite besteht aber auch aus mehreren Passagen, die sich wiederholen. Ist das nicht ein Risiko? In dieser schnelllebigen Zeit mit ihren unzähligen Angeboten könnte das auch einen Wegschaltimpuls auslösen, und diese Zuschauer wären dann für die gesamte ARD verloren ...

OLIVER BERBEN: Die Möglichkeit, dass sich jemand nicht beide Filme ansieht, besteht. Das ist zwar nicht schlimm, da die Filme auch einzeln funktionieren, allerdings kann er dann auch nicht mitreden, wie schwierig Recht und Gerechtigkeit manchmal auf einen Nenner zu bringen sind. Und genau darum geht es. Die Neugier der Zuschauer wird hier stark gefordert und es gibt immer neue Details und Sichtweisen, die sich erst beim Betrachten beider Filme offenbaren. Man muss das Projekt als großes Ganzes sehen, wer sich wann was wo anschaut, spielt da nur eine untergeordnete Rolle. Zum Ende der "tagesschau" wird der Zuschauer auch darauf hingewiesen, dass er nun die Wahl hat, sich einen Film über Recht oder einen Film über Gerechtigkeit anzuschauen. Wichtig ist nicht, dass jeder alles sieht, aber das jeder weiß, dass er beide Filme sehen sollte, um sich ein Gesamtbild machen zu können. Am Ende wird man die Quoten vom Ersten, von den Dritten und von One, genauso wie die Zahlen der Mediathek zusammenrechnen, weil das grundsätzlich ein Projekt ist. Und eines ist sicher, mehr Möglichkeiten hat ein Programm kaum, um großflächig wahrgenommen zu werden.

"Feinde" regt vergleichbar intensiv wie "Gott" zum Nachdenken an. Ist es als Gesamtwerk letztlich ein Plädoyer gegen Folter, für den Rechtsstaat?

OLIVER BERBEN: Ich hoffe sehr, dass das herauskommt. "Feinde" ist kein Film darüber, ob man foltern darf oder nicht. Es ist ein Film, der zum einen die Gerechtigkeit als persönliche Empfindung zeigt und zum anderen über den Rechtsstaat als etwas, das wir uns als Gesellschaft gesetzt haben, um zu funktionieren.

Gab es auch für "Feinde" Überlegungen zu einer Publikumsabstimmung?

OLIVER BERBEN: Niemals. Sie können nicht über die Anwendung von Folter abstimmen lassen.

Wie ist der Stand bei Ihrem nächsten Schirach-Projekt, der TVNow-Serie "Glauben"?

OLIVER BERBEN: Das ist frisch abgedreht, wir befinden uns in der Fertigstellung. "Glauben" ist die erste konsekutiv erzählte Serie, zu der Ferdinand von Schirach selbst das Drehbuch geschrieben hat. Sein erstes eigenes Drehbuch. Die Wormser Prozesse aus den neunziger Jahren dienen als Quelle, wir haben sie aber in die Jetztzeit übersetzt und fiktionalisiert. Der Überbegriff für dieses Programm lautet "Empörung". Wir leben leider heutzutage in einer Gesellschaft, die sich gerne empört. Wer am schnellsten und am lautesten schreit, wird gehört. Der tiefere Sinn der Geschichte liegt darin, sich mit diesem gesellschaftlichen Phänomen anhand eines der größten Justizirrtümer der bundesdeutschen Geschichte auseinanderzusetzen.

Es ist ihre erste Produktion für TVNow.

OLIVER BERBEN: Ja, und das freut mich sehr. Als ich das Projekt Sascha Schwingel, Henning Tewes und Bernd Reichart vorgeschlagen habe, haben sie sich glücklicherweise sofort offen für diese Produktion gezeigt und signalisiert, dass sie das gerne machen würden. Auch, und das ist für uns der wichtigste Punkt, im Zusammenspiel mit der gesamten Content Alliance von Bertelsmann. Das hat zur Folge, dass wir das Programm nicht nur über den Streaming-Dienst, sondern über viele verschiedene Medien, von Print bis Audio, ausspielen können. Da wird eine ganze multimediale Welt entstehen, in deren Zentrum die Serie steht. Zeitgleich entsteht eine Dokumentarserie, die sich erstmals wirklich ausführlich mit dem Thema Empörung/soziale Medien in Deutschland auseinandersetzt.

Können Sie schon darüber hinaus auf ihre weitere Zusammenarbeit mit Ferdinand von Schirach blicken?

OLIVER BERBEN: Wir haben, wie eingangs erwähnt, bereits vor "Gott" über weitere Themen nachgedacht, die wir auf vergleichbare Art präsentieren wollen. Dazu gibt es weitere Vorschläge, die wir bearbeiten. Wir haben uns für ein prägnantes Thema entschieden, das wir aber noch nicht öffentlich machen. Und wir befinden uns seit über einem Jahr in der Entwicklung eines Projekts, das "Strafe" heißt. Das wird eine Anthologie, die die größten deutschen Regie-Talente innerhalb einer Serie vereinen wird. Auch hier kann ich noch nicht mehr verraten.

Die angesprochenen Projekte sind aktuelle Beispiele, mit denen Sie Ihren Ruf als Innovator untermauern, "Gott" und "Feinde" stehen aber auch dafür, dass Sie das Fernsehen immer wieder mit außergewöhnlichen Stoffen versorgen. Ist Ihre Motivation, das gerne totgesagte lineare Fernsehen am Leben zu erhalten?

OLIVER BERBEN: Diesen Schuh ziehe ich mir gerne an, weil ich das für unsere Branche als absolut wichtig erachte. Es ist meine tiefe Überzeugung, dass es falsch ist, beim Aufkommen neuer Technologien die alten zu beerdigen. Streaming verdrängt Kino, Mediatheken verdrängen das lineare Fernsehen... Dieses Entweder-Oder entspricht nicht meinem Denken und Handeln und es wird selten darüber diskutiert, dass diese neuen Formen vor allem auch zusätzliches Publikum generieren, das wir sonst gar nicht erreichen würden. Natürlich verändern sich alle Formen der medialen Auswertung gerade, allerdings war das in der Geschichte der Medien immer wieder der Fall. Durch die Technologien, aber auch durch die Art und Weise, wie die Medien vom Konsumenten genutzt werden, muss es für uns Programmmacher die Aufgabe sein, diese Innovationen auf allen Ebenen zu nutzen, sie auszuprobieren. Dabei ist Scheitern ausdrücklich inbegriffen. Viel schlimmer ist es, wenn man aus Angst vor dem Scheitern nichts mehr ausprobiert und sich vor Innovationen verschließt. Natürlich geht es beim linearen Fernsehen auch darum, es neu zu erfinden. So, wie es sich immer wieder neu erfunden hat. Bestehende Medien, sei es Fernsehen, sei es Kino, müssen sich verändern, vielleicht verwandeln. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie verschwinden müssen. Ich möchte gerne Teil dieser Verwandlung sein. Den Zuschauern muss diese Veränderung schmecken, sie müssen Lust haben auf das Programm. Und das versuchen die Sender, die Produzenten, die Kreativen zu gewährleisten. Das treibt mich am allermeisten um. Wir haben genug in der Hand, um uns immer selbst neu zu erfinden.

Das Interview führte Frank Heine