Kino

Carl Bergengruen: "Wir sind ein gutes Stück weiter"

Eine Mischung aus German Engineering und Kreativität, so beschreibt MFG-Geschäftsführer Carl Bergengruen den Standort Baden-Württemberg. Blickpunkt:Film sprach mit ihm über die Unterstützung der Filmbranche im Corona-Jahr, das 25jährige Jubiläum der Förderung und die nächsten Herausforderungen.

11.12.2020 09:52 • von Jochen Müller
Carl Bergengruen (Bild: MFG Filmförderung)

Eine Mischung aus German Engineering und Kreativität, so beschreibt MFG-Geschäftsführer Carl Bergengruen den Standort Baden-Württemberg. Blickpunkt:Film sprach mit ihm über die Unterstützung der Filmbranche im Corona-Jahr, das 25-jährige Jubiläum der Förderung und die nächsten Herausforderungen.

Wie konnten Sie die Filmbranche in der Corona-Krise unterstützen?

Carl Bergengruen: Wir haben sofort reagiert mit mehreren Corona-Maßnahmen für die Film- und Kinobranche. Dazu gehörte eine nachträgliche Erhöhung der Kinopreise 2019, eine Beteiligung am ersten Bund-Länderausfallfonds für Produktionsunternehmen, ein Erlass der Rückzahlungen von Kinoinvestitionsdarlehen und Produktionsförderdarlehen und ein eigenes Programm für Dokumentarfilmschaffende. Zuletzt haben Land und MFG die Kinoprogrammpreise 2020 gegenüber früheren Jahren fast vervierfacht - auf 1,1 Millionen Euro.

Wie schätzen Sie die Situation der Branche ein, wird die Pandemie Folgen hinterlassen, wird sich etwas ändern?

Carl Bergengruen: Am meisten beunruhigt mich die Situation der Kinos. Baden-Württemberg hatte bisher eine im Ländervergleich überdurchschnittlich hohe Kinodichte und ich bin nicht sicher, ob das so bleibt. Das jetzt so viel gestreamt wird wie nie zuvor, war klar. Aber die entscheidende Frage ist, ob die Menschen nach der Pandemie wieder in die Kinos strömen werden oder ob die Kinos einen Teil von uns für immer an Netflix & Co. und an die immer größeren Fernseher mit ihren gestochen scharfen Bildern verloren haben.

Welchen Etat haben Sie in der Filmförderung zur Verfügung?

Carl Bergengruen: 10,8 Millionen Euro.

Die MFG ist im Oktober 25 Jahre alt geworden - ohne Feier, versteht sich in diesem Jahr. Wenn Sie auf die Situation heute und zurück blicken - wie ist der Status quo, was waren die größten Errungenschaften?

Carl Bergengruen: Vor 25 Jahren war der Filmstandort Baden-Württemberg noch eine grüne Wiese. Größte Errungenschaft seither ist sicherlich das enorme Wachstum des hiesigen Animations- und VFX-Standorts. Der Umsatz hat sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt. Wir sind augenblicklich auf diesem Gebiet die Nr. 1 in Deutschland. Das liegt nicht zuletzt daran, dass wir als Erste eine Förderung direkt für die VFX-Studios eingeführt haben, unsere Line-Producer-Förderung.

Und auch der übrige Filmstandort wächst, wenn auch langsamer. Und er punktet durch Qualität. 14 von 20 diesjährigen Lolas waren MfG-geförderte Filme. Der deutsche Wettbewerbsbeitrag auf der Berlinale, "Berlin Alexanderplatz", war genauso von uns gefördert wie der in Venedig, nämlich "Und morgen die ganze Welt". Dieser in Mannheim spielende Film wurde jetzt von Deutschland offiziell ins Rennen um den Auslands-Oscar geschickt.

Aber zur Wahrheit gehört auch, dass die Schockwellen von Corona die hiesigen Produktionsfirmen dieses Jahr ins Minus geschickt haben, nicht nur die Kinos.

Was zeichnet den Standort Baden-Württemberg aus?

Carl Bergengruen: Eine Mischung aus German Engineering und Kreativität. Deshalb passt der Sektor Animation- und visuelle Effekte auch so gut zu uns.

Die MFG hat als erste Regionalförderung soziale Nachhaltigkeit zum Förderkriterium erhoben. Dafür wurde Ihnen beim Deutschen Schauspielpreis 2018 der Ehrenpreis "Inspiration" verliehen. Wo stehen Sie heute?

Carl Bergengruen: Wir sind ein gutes Stück weiter, aber noch nicht am Ziel. Nach wie vor lassen wir alle Produktionen vor der Fördersitzung von einem Fachmann durchprüfen, ob nach Tarif gezahlt werden soll, soziale Standards eingehalten werden etc. Und noch immer erhalten wir Anträge, die diesen Stresstest nicht bestehen, wenn auch bedeutend weniger als am Anfang. Die werden dann abgelehnt, und darunter sind leider auch ambitionierte, aber unterfinanzierte Produktionen. Manchmal stellen wir unsere Förderzusagen auch unter den Vorbehalt, dass bei der sozialen Nachhaltigkeit noch nachgebessert wird. Im besten Fall erhöhen die Sender dann noch mal ihren Koproduktionsanteil, damit gerecht bezahlt werden kann.

Und die ökologische Nachhaltigkeit? Wo stehen Sie da?

Carl Bergengruen: Wir bieten viele fundierte Angebote: kostenlose Beratung, einen von uns entwickelten CO2-Rechner, einen Leitfaden, einen Extrazuschuss für einen Green Consultant etc. Das alles wird ganz erfreulich genutzt, aber unsere Erkenntnis ist mittlerweile, dass solche freiwilligen Maßnahmen alleine nicht ausreichen. Deshalb haben wir im ersten Schritt die Nutzung des CO2-Rechners verpflichtend gemacht und verlangen seit einem Jahr mit dem Förderantrag eine Darstellung der geplanten ökologisch nachhaltigen Produktionsmaßnahmen. Und der nächste Schritt sind verpflichtende ökologische Mindeststandards für alle geförderten Produktionen. Ohne die geht es leider nicht, wenn die Förderer und Sender in Deuschland wirklich etwas erreichen wollen.

Sie haben den Arbeitskreis "Green Shooting" ins Leben gerufen...

Carl Bergengruen: ...in dem alle deutschen Sender, große Produktionsfirmen und Branchenverbände vertreten sind. Gemeinsam realiseren wir derzeit die Initiative "100 grüne Produktionen". Da werden sechs Daily Soaps, 19 Serien und viele Kino- und TV-Filme auf eine nachhaltige Produktionsweise umgestellt. Das ist unter Corona-Bedingungen viel schwieriger, aber es geht.

Stichwort Gendergerechtigkeit?

Carl Bergengruen: Bei allen Förderanträgen wird geprüft, ob bei Buch, Regie oder Produktion Frauen beteiligt sind. Das Kriterium der Gendergerechtigkeit wird von unserer Jury bei ihrer Entscheidung mit einbezogen. Angestrebt wird, dass bei den Förderentscheidungen ausgewogen Männer und Frauen berücksichtigt werden. Unsere Jury besteht übrigens mehrheitlich aus Frauen.

Gehen Sie im Bereich Stoffentwicklung neue Wege?

Carl Bergengruen: Hier hatten wir, das war das klare Signal der Branche, Nachholbedarf. Wir haben in diesem Jahr bereits eine Förderung von Drehvorlagen für Dokumentarfilme etabliert, analog zur Förderung von fiktionalen Drehbüchern. Nächstes Jahr kommt, wenn der Aufsichtsrat zustimmt, dann ein Slate Funding, also eine Förderung für gleich mehrere Exposés und Treatments. Die wurden bisher bei uns überaupt nicht gefördert. Das neue Förderinstrument soll den hiesigen Produktionsunternehmen helfen, einen Stock an guten Projektvorschlägen zu entwickeln und auf dem Markt anbieten zu können.

Haben Games an Bedeutung gewonnen?

Carl Bergengruen: Ja, aber im Bereich Games hinken wir noch anderen Standorten hinterher, die eine höhere Förderung haben. Aber auch wir werden ab 2021 aufstocken. Im Rahmen des Förderprogramms Games BW werden wir dann voraussichtlich 900.000 Euro pro Jahr vergeben - statt bisher 600.000 Euro.

Wie wichtig sind die Preise, die die MFG verleiht, wie Thomas Strittmater Preis, MFG-Star usw.?

Carl Bergengruen: Preise und Auszeichnungen sind insbesondere für den Nachwuchs unentbehrlich als Entrée, denn die jungen Filmschaffenden kennt ja noch niemand. Und deshalb sind unsere Auszeichnungen in Corona-Zeiten, wo die üblichen Gelegenheiten zur Vernetzung beim Filmpreis & Co. coronabedingt ausfallen, wichtiger denn je.

Das Gespräch führte Marga Boehle