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Tania Reichert-Facilides: "Kuratierung des Katalogs ist noch wettbewerbsfähig"

Seit Mitte 2019 leitet Tania Reichert-Facilides Studio Hamburg Enterprises. Ein Gespräch über Corona-Zeiten, DVD-Vermarktung und was ihr Job mit der Quizsendung "Wer weiß denn sowas?" zu tun hat.

10.12.2020 14:47 • von Jörg Rumbucher
Tania Reichert-Facilides stieg 1994 in die Videobranche als Marketingleiterin bei Universum Film ein. Nachdem sie 1997 zur stellvertretenden Geschäftsführerin ernannt worden war, leitete Reichert-Facilides ab Anfang 1999 das Unternehmen als Geschäftsführerin. Vor ihrem Einstieg bei SHE im August 2019 war sie mehrere Jahre mit ihrer Firma Freebird selbständig und in den Bereichen internationale Koproduktionen und Animation engagiert. (Bild: SHE)

Seit Mitte 2019 leitet Tania Reichert-Facilides Studio Hamburg Enterprises. Ein Gespräch über Corona-Zeiten, DVD-Vermarktung und was ihr Job mit der Quizsendung "Wer weiß denn sowas?" zu tun hat.

BF: Wie kam es im August 2019 dazu, dass Sie bei Studio Hamburg Enterprises anheuerten? Sind Sie immer noch Interimsgeschäftsführerin des Unternehmens?

Tania Reichert-Facilides: Nachdem mein Vorgänger Christian Rönsch sich entschieden hatte zu gehen, ergab sich kurzfristig eine Vakanz. Johannes Züll, Vorsitzender der Geschäftsführung der Studio Hamburg Gruppe, kannte mich durch langjährige Zusammenarbeit bei Universum Film bzw. der Bertelsmann-Gruppe und sprach mich an. Zwischenzeitlich war ich einige Jahre selbstständig und fand es nun reizvoll, mich einer solchen neuen Aufgabe zu stellen. Aber ich wollte die Strukturen dieses besonderen Unternehmens erst einmal besser kennenlerne; ich bin zwar eine Vertriebsexpertin, aber der Bereich Weltvertrieb war mir neu. Auch das NDR-Mandat, das SHE ausübt, war für mich neu. Deswegen hatten wir uns zunächst auf eine Interimsgeschäftsführung geeinigt. Ich habe dann schnell festgestellt, dass die Kombination aller SHE-Geschäftsbereiche - von Verwertung zu Lizenzgeschäft, digitales sowohl als auch physisches Geschäft, national und international, Verwertungsmandate als auch Aquisition und Kofinanzierung in diesen dynamischen Medienmarkt eine Marktpositionierung mit viel Potential ist - eine wirklich spannende Herausforderung für mich! Seit 1. Februar bin ich daher, wenn Sie so wollen, offiziell Geschäftsführerin.

BF: Prima Timing! Wenige Wochen später steht das Land unter dem Eindruck der Corona-Pandemie und Sie müssen darüber nachdenken, welche Folgen dies für das tägliche Arbeiten bei SHE hat. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

TRF: Ja, eine zusätzliche nicht geplante Herausforderung. Dank einer guten digitalen Infrastruktur und sehr offenen Mitarbeitern waren wir innerhalb kürzester Zeit im Mobile Office - Büro-Routinen mussten sich der Situation anpassen, es war für alle eine sehr intensive und auch anstrengende Zeit.

BF: Haben Sie jenseits der Lösung kleinerer oder größerer technischer Probleme etwas aus dieser Zeit gelernt?

TRF: Dass es nicht so wichtig ist, wie man bei einer Videokonferenz auf dem Screen aussieht. Aber Spaß beiseite: Jetzt, acht Monate später, kann ich sehr gelöst feststellen, wie digitale Arbeitsprozesse nicht nur unter Mobile Office-Bedingungen funktionieren, sondern wie alltäglich sie bereits vor Corona waren. Wie viel längst digital kommuniziert und geliefert wird: Files, die an Presswerke oder VoD-Plattformen gehen, Kunden-Informationen, Sendematerial und Dialogbücher. Es gibt kaum noch Materialien, die physisch versandt werden. Das mag für manche Menschen banal klingen, aber mir hat es aufgezeigt, in welchem Ausmaß die Digitalisierung an unseren Arbeitsplätzen bereits vorangeschritten ist. Der wirklich große Unterschied zu der Vor-Corona-Zeit besteht in der persönlichen Kommunikation und Begegnung. Manche Kollegen sind froh, dass sich die Meetingkultur verändert hat. Auch mein Eindruck ist: Videokonferenzen laufen fokussierter und Präsenzmeetings bekommen wieder eine andere Bedeutung.

BF: Leidet darunter nicht die Kreativität, weil der Brainstorming-Effekt nicht mehr so sehr zum Tragen kommen kann?

TRF: Wir sind ein Vertriebsunternehmen, und haben Erfolg durch gute Kundenbeziehungen und effiziente Prozesse - dann sind auch Produzenten und Lizenzgeber, die mit uns zusammenarbeiten, überzeugt und zufrieden. Die Beziehungen und Kontakte werden nun weniger persönlich und mehr virtuell gepflegt, die Prozesse verstärkt digitalisiert.

BF: Wie ist Ihre Haltung zum Thema Home Office versus Büro-Präsenz?

TRF: Ein spannendes Thema! Klar ist mir: Selbst wenn ich als verantwortliche Managerin wollte, werde ich das Rad nicht zurückdrehen können. Dafür hat der nun achtmonatige Corona-Betriebsmodus zu gut funktioniert, in dem wir es den Mitarbeitern weitestgehend überlassen haben, im Büro oder im Mobile Office zu arbeiten. Jenseits konkreter Abwägungsfragen im Hinblick auf einzelne Arbeitsplätze: SHE wird in diesem Jahr über Plan abschließen wird. Allein deswegen wollte ich gar nicht argumentieren: Jeder Kollege muss wieder ins Büro kommen. Und ich beobachte, dass mache Kollegen ihren Job zu Hause tatsächlich noch engagierter erledigen. Anderen Kollegen wiederum fehlt der persönliche Umgang mehr. Ich denke, dass es zu flexiblen Lösungen kommen muss und über die individuell passenden Arbeitsbedingungen im nächsten Jahr noch viel diskutiert werden wird - ich finde das gut und zukunftsorientiert.

BF: Wie bitte? Sie haben keine Umsatz-Dellen wegen Corona? Das kann nicht jedes Unternehmen behaupten.

TRF: Ich führe das auf den gestiegenen Bedarf nach Home Entertainment-Inhalten in den ersten Corona-Monaten zurück, der bei uns zu verstärkten Vertriebsanstrengungen im März und in den Folgemonaten führte. Nur ein Beispiel: Ein Highlight in diesem Jahr war für uns ein Netflix-Deal. Nachdem sich Netflix die Rechte an "Berlin, Berlin - der Film" gesichert hatte, wollte der Streamer verständlicherweise auch die ARD-Kultserie "Berlin, Berlin" haben. Parallel zum Film gingen bei Netflix Anfang Mai alle 86 Folgen online.

BF: Dem gegenüber würden wir vermuten, dass das physische Kaufgeschäft arg gelitten haben muss...

TRF: Vor allem die Monate März und April waren für die DVD-Vermarktung echt bitter. MediaMarkt/Saturn Geschäfte waren geschlossen und Amazon priorisierte Hygieneartikel, was dazu führte, dass physische Kaufware gar nicht mehr abgewickelt wurde. Aber - trotzdem! - laufen wir im DVD-Segment zum Jahresende auf unser Ziel zu und werden unsere geplanten Umsätze fast realisieren. Das hat auch mit unserem Programmprofil zu tun: Wir vermarkten nicht nur - aber vor allem - Katalogtitel. Und dieses Segment ist von dem allgemeinen Rückgang im physischen Kaufmarkt viel weniger betroffen als aktuelle Kino-Blockbuster, die nicht Bestandteil unseres Portfolios sind. Mit unserem Programm erreichen wir eine etwas ältere Nutzergruppe, die kaum oder gar nicht digitale Ausspielwege nutzt.

BF: Ein mindestens stabiles DVD-Geschäft? Das nimmt Ihnen nicht jeder ab ...

TRF: Wenn ich unseren DVD-Programmstock nach Lizenzgebern clustere, gibt es sogar in Teilbereichen Umsatzzuwächse. Basis unserer guten DVD-Umsätze ist ein hervorragendes Backkatalog-Management in Kombination mit tollen Kundenkontakten. Ich gebe Ihnen weiteres Beispiel meiner Jahres-Highlights: Unser Titel "Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland?" - eine dreiteilige ZDF-Miniserie mit Armin Mueller-Stahl aus dem Jahr 1987 - hat der zuständige Key-Accounter dem Multikanal-Buchhändler Jokers als Sonderedition angeboten. Er wusste: Dieser Kunde könnte interessiert sein. Bei Jokers haben sie erkannt: Ja, das passt zu unserer Zielgruppe. Ergebnis: "Jokehnen" stand auf Platz eins der DVD-Spiegel-Bestsellerliste und befindet sich seit Wochen unter den Top-10. Wir haben über 2000 DVD und Blu-ray-Produkte in der aktiven Vermarktung und die Aufgabe besteht darin, sie immer wieder nach vorn zu bringen.

BF: Wie viele Lizenzen verwaltet SHE überhaupt?

TRF: Um die 50.000, wenn man jede Serienepisode einzeln rechnet. Nicht jeder Titel steht für jede Distributionsart zur Verfügung. Für ungefähr ein Drittel unserer Lizenzen besitzen wir sowohl physische als auch digitale Auswertungsrechte, für die Mehrzahl gilt also nur eines von beiden. Und weil die physische und digitale Schnittmenge überschaubar ist, lässt sich schwer vergleichen, ob Titel in der physischen oder digitalen Distribution stärker sind. Aber ich bleibe dabei: DVD ist für uns nach wie vor ein tolles Geschäft. Das bleibt auch so, jedenfalls so lange wie ein Marktteilnehmer wie Amazon keinen Paradigmenwechsel einleitet und dieses Segment aufgibt. Aber warum sollten sie es tun?

BF: Wie ist SHE in der Digitalvermarktung aufgestellt?

TRF: Besonders Lizenzgeber-freundlich und auch offen für neue, innovative Plattformen. Speziell ist, dass die gesamte Materialbearbeitung inhouse stattfindet; wir beauftragen also keine technischen Dienstleister. Das führt zu einem sehr flexiblen Vertrieb, wir können daher schnell reagieren undliefern. und zwar die gesamte Breite der Vertriebsoptionen: EST, TVoD, AVoD und SVoD.

BF: Könnten Sie eine Art Ranking der vier Distributionsarten vornehmen?

TRF: Das ist schwierig, weil sie sich der Vergleichbarkeit tendenziell entziehen. Im SVoD-Geschäft - siehe "Berlin, Berlin" - kann man einen Riesenaufschlag machen, dann passiert in dieser Größenordnung lange Zeit nichts. AVoD wiederum benötigt eine Anlaufzeit. Aber wenn sich ein Kanal etabliert hat, erfährt er eine beachtliche Eigendynamik. Der "Beat-Club"-Channel für Musikinhalte auf YouTube wäre dafür ein schönes Beispiel. Und davon haben wir einige. Sehr grob eingeschätzt generieren die vier Distributionsarten jeweils ein Viertel des Digitalumsatzes.

BF: Aber scheint der SVoD-Boom nicht alles zu überrollen?

TRF: Das digitale Geschäft hat den unglaublichen Vorteil, dass es konsumiert werden kann, wo und wie man will. Damit verbreite ich keine neue Erkenntnis, aber das macht Streaming erst einmal unglaublich attraktiv. Dazu kam die Frische der Inhalte und wie sie - Stichwort Binge Watching - ausgespielt wurden. Ich darf das hier gar nicht so laut sagen, aber eine Zeitlang schien das klassische Fernsehen tatsächlich ins Hintertreffen zu geraten. Inzwischen holen die Öffentlichen-Rechtlichen technisch wie inhaltlich schwer auf. Und zur Wahrheit gehört auch: Es geht nicht ausschließlich um die neueste Hype-Serie, sondern eben auch um Formaten wie "Hubert & Staller" oder - wofür wir bei SHE zuständig sind - um eine Krimiserie wie "Morden im Norden", mit der sich schöne Lizenzumsätze in allen Vertriebskanälen erzielen lassen. Und noch eines: Die Programmwünsche der Zielgruppen unterschiedlicher Vertriebskanälen zu bedienen und dementsprechend zusammenzustellen macht die SHE auch aus. Algorithmen werden zwar immer besser, aber da ist noch Luft nach oben. Und die Kuratierung von Katalogthemen, so wie wir das umsetzen, ist ein sehr wettbewerbsfähiges Geschäftsmodell. Dabei spielt uns in die Hände, dass Katalogthemen wertiger wahrgenommen als früher. Lange Zeit wurde sich in der Filmbranche besonders auf die aktuelle Neuheit fokussiert. Das hat sich gewandelt und so kommt es, dass Special Editions älterer Titel auf DVD und Blu-ray oder ältere Kult-Serien auf Plattformen ihre Käuferschaft finden.

BF: Abgesehen von Corona: Womit haben Sie sonst noch nicht gerechnet, als Sie bei SHE antraten?

TRF: Immer wieder: das große Portfolio an Lizenzen und die Vielfältigkeit der Vertriebsmöglichkeiten: Zum Beispiel die ARD-Quizsendung "Wer weiß denn sowas?" Da wir Markenrechte an NDR-Programmen auswerten, haben wir beispielsweise Lizenzrechte für einen "Wer weiß denn sowas"-Kalender vergeben. Die Sendung ist so populär, dass wir mit ihr Top-Lizenzumsätze erwirtschaften. Das Interessante an SHE ist die Breite der Inhalte und zugleich die Breite der Vertriebsmöglichkeiten. Wir besitzen Programm von 500 Lizenzgebern. Da gilt es, den Überblick zu behalten. Beides mit Struktur zu versehen und Chancen möglich zu machen, ist mein Job.

BF: Wozu auch der Weltvertrieb gehört.

TRF: Kerngeschäft eines Weltvertriebs ist, dass deutsches Programm international vermarktet wird und idealerweise ein wesentlicher Refinanzierungsbeitrag für das jeweilige Programm geleistet werden kann. Auf diese Weise entsteht ein Netzwerk von Vertriebspartnern. Und dieses Netzwerk, das ist mein Anliegen, ist die Basis dafür, dass Weltvertrieben in der Zukunft eine wichtigere Rolle für die Produktion von hochwertigem Programm zukommt. Das ist teilweise schon heute so, weil immer mehr Projekte international kofinanziert werden müssen. Das ist auch für die öffentlich-rechtlichen Sender eine Option. Zumal sich unter dem Einfluss von Playern wie Netflix neue Ansprüche und Finanzierungsmöglichkeiten ergeben haben. Dafür soll auch SHE gerüstet sein: Dass wir früh ins Development einsteigen und offen für den Bereich Kofinanzierung sind. Die Production Values werden immer höher, dementsprechend häufig kostenintensiver, um die Sehgewohnheiten eines globalen Publikums zu bedienen. Ich denke, dass wir eine gute Expertise haben, international Partner für deutsche Produktionen zu gewinnen. Dabei geht es nicht nur um finanzielle Aspekte, sondern auch um das Wissen, wer auch inhaltlich in Frage kommt.

Ich möchte mich hier ausdrücklich bei Christiane Wittich, Director of International Sales, für ihren fast 40-jährigen Einsatz bei der Studio Hamburg-Gruppe bedanken, da sie sich zum Jahresende in den Ruhestand verabschiedet. Als Director of International Sales hat sie uns hervorragend vertreten, wichtige Europäische Märkte selbst erfolgreich betreut - Danke Christiane!

BF: Neu war auch das Verwertungsmandat des NDR ...

TRF: Neu für mich, aber nicht für SHE. Der NDR hat schon lange einen Kooperationsvertrag mit seiner Verwertungstochter SHE. Deswegen hat SHE den Auftrag, für den NDR Programm auszuwerten und auf der anderen Seite den Ankauf von Programm für den NDR zu begleiten, so wie es beispielsweise die Telepool für den BR macht. Es handelt sich um ein umfangreiches Mandat, das unser Portfolio wunderbar verbreitert - Stichwort "Wer weiß denn sowas". Aber man muss das NDR-Mandat im Gesamtkontext betrachten: Wir erlösen etwa 25 Prozent unseres Umsatzes über die Studio Hamburg Gruppe bzw. mit NDR-Programm. Der Löwenanteil entfällt also auf die vielen anderen Produzenten und Lizenzgeber aus der ganzen Welt. Andernfalls hätten wir auch nicht die notwendige Marktpräsenz, um das NDR-Programm bestmöglich zu vermarkten. Wir bleiben offen für alle Partner!

Vor Ihrem Einstieg bei SHE haben Sie sich intensiv mit dem Aspekt Deutschland als Produktionsstandort für Animation engagiert. Setzen Sie diese Arbeit fort?

Ich habe mich mehrere Jahre um den Aufbau der Initiative Animation Germany gekümmert, um deutsche Animations- und VFX-Unternehmen international sichtbarer zu machen. Standort-Marketing ist ein kleinteiliges und mühsames Geschäft, aber ich glaube, zukünftig noch wichtiger für Animation & VFX Made in Deutschland. Es war der Mühe wert! Jetzt bin ich dankbar, das Geleistete in die Hände von Projektleiterin Ina Sommer bei German Films zu übergeben. Ich begleite den Übergang und stelle mein Wissen weiterhin gerne zur Verfügung.

Das Gespräch führte Joerg Rumbucher