Kino

"Wonder Woman"-Regisseurin kritisiert Streaming-Fokus

Hinter der Strategie, ihren eigenen Film vor dem Hintergrund der aktuellen Ausnahmesituation zeitgleich in den Kinos und auf HBO Max zu starten, steht Patty Jenkins nach wie vor klar. Solche Modelle zur Regel zu machen, ist ihrer Ansicht nach jedoch nicht förderlich für das Filmschaffen. Und sie wurde noch deutlicher...

10.12.2020 13:16 • von Marc Mensch
Was für ihren Film "Wonder Woman 1984" absolut Sinn macht, wäre laut Regisseurin Patty Jenkins kontraproduktiv, sollte es zur Norm werden (Bild: Warner)

Man kann es den Organisatoren der gestern abgehaltenen, virtuellen ShowEast selbstverständlich nicht vorwerfen, dass die in diesem Rahmen gezeigten Studiopräsentationen teils bereits vor einer ganzen Weile aufgezeichnet wurden. Aber natürlich war vor allem das ausführliche Segment von Warner Erinnerung daran, wie einschneidend die Entwicklungen der vergangenen Tage waren. Manches, wie die kurze Videobotschaft von Christopher Nolan, wirkte beinahe komplett aus der Zeit gefallen. Zur Erinnerung: Der Regisseur hatte nach Bekanntwerden der neuen Strategie von WarnerMedia seinem Zorn wie kein Zweiter öffentlich Ausdruck verliehen, er sprach über HBO Max sogar wörtlich vom "schlechtesten Streamingservice".

Kritik kommt - wenn auch erheblich weniger direkt - nun auch von Regisseurin Patty Jenkins, deren Wonder Woman 1984" als erster Titel jener Strategie unterworfen wurde, die nun (mutmaßlich mit Abweichungen im Detail bei den Konditionen) wenigstens für die gesamte US-Staffel 2021 von Warner gelten soll. Jenkins, die (wie auch Hauptdarstellerin Gal Gadot) bereits vorab eine Art ersatzweiser Erfolgsbeteiligung an ihrem Film in Höhe von zehn Mio. Dollar bekommen haben soll, hatte das Vorgehen im Fall ihres Films noch begrüßt - wie dies auch diverse Kinobetreiber taten. Damals stellte sich das Vorgehen noch als Ausnahme dar, die der einzige Weg war, um Kinos den Start des Films zur Weihnachtszeit zu sichern.

Nun lässt sich wohl leider kaum bestreiten, dass sich die dahinterstehende, massive Unsicherheit ob der Pandemiesituation wenigstens deutlich ins erste Quartal des Jahres 2021 hinein verlängern wird. Dass man aber nun komplett einen Strich unter das Jahr 2021 gezogen - und darüber hinaus die ursprüngliche angekündigte Begrenzung der Maßnahme auf ein Jahr in Interviews umgehend massiv relativiert - hat, beunruhigt Jenkins nun aber doch offensichtlich enorm.

Und beileibe nicht nur sie: Denn Jenkins äußerte ihre Sorgen in einem ausführlichen Dialog mit Regisseur Aaron Sorkin für das US-Branchenmagazin Variety. Sorkin, dessen Film The Trial of the Chicago 7" von Paramount an Netflix verkauft worden war (die aber immerhin Kinoeinsätze mit leichtem Vorlauf ermöglichten, auch in Deutschland) ließ zwar keine Zweifel daran, dass er in der aktuellen Situation froh sei, dass Filme wie der seine überhaupt ein Publikum erreichen könnten - gleiches gilt für Jenkins. Aber gleichzeitig betonte er, dass man mittlerweile Angst habe, dass sich Alles ändern werde, dass Filme wie jene, die er und Jenkins realisierten (was durchaus eine gewisse inhaltliche Bandbreite darstellt, Anm.d.Red.), künftig nur noch bei Streamern zu sehen sein würden.

Sorkin selbst verlieh im Gespräch seiner Überzeugung Ausdruck, dass dies nicht geschehen werde, dass das Gemeinschaftserlebnis Kino nicht zu ersetzen sei und nicht verschwinden werde. Eine Einstellung die Jenkins vollumfänglich teilte - wobei vor allem interessant ist, weshalb sie so denkt. Denn die Filmemacherin hinter dem bislang mit Abstand erfolgreichsten Film mit einer Frau auf dem Regiestuhl verwies nicht nur auf "erhebliche" wirtschaftliche Chancen, die sich die gesamte Industrie mit ihrem Streaming-Fokus entgehen lasse. Sondern sie prognostizierte, dass Filmschaffende sich jenen zuwenden würden, die einen anderen Weg einschlagen.

"Ich denke, dass ein Studio klug genug sein wird, hier auszubrechen - und alle großen Filmschaffenden hier werden sich ihm anschließen, die Kinos wiederum werden deren Filme bevorzugen", so Jenkins. Und ohne WarnerMedia beim Namen zu nennen, erklärte sie, dass die Folge der Ankündigung eines Day&Date-Kurses durch ein Studio sei, dass sich die Filmemacher kollektiv jenem Studio zuwenden würden, das verspreche, dies nicht zu tun. Sie selbst sei dazu bereit. Die Ansicht, dass sich alles ändern werde und nichts dagegen unternommen werden könne, blende die Kreativen aus.